Der Studentenfelsen: Eine unheilige Liebe im Schatten des Klosters (13.12.2017)

An einem jener Abende, die so still waren, dass man das Flüstern der Sterne zu hören glaubte, saß Erda voll seligen Glücks. Zwischen moosbedeckten Felsen, nahe dem tosenden Wasser, hatte sie sich an einen geschützten Ort zurückgezogen. Das Rauschen des Flusses trug ihre Gedanken zu Joseph. Auf ihrer offenen Handfläche ruhte der kostbare Ring – sein Versprechen. Sie verlor sich im tiefblauen Glanz, und ein Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie von einer Zukunft träumte – frei von Vorurteilen, erfüllt von Liebe.
Sie bemerkte nicht, wie in der Krone einer alten Tanne zwei Raben hockten, die scharfen Augen auf den Ring gerichtet. In der Stille des Waldes hörte man nur das Murmeln des Wassers und das ferne Rufen eines Käuzchens. Plötzlich, wie ein dunkler Schatten, stieß einer der Vögel herab. Ehe Erda reagieren konnte, schnappte der Rabenschnabel den Ring aus ihrer Hand. Mit triumphierendem Gekrächze schwang sich der Dieb empor, der Schmuck blitzte kurz im letzten Licht – dann verschwand er im Nest, hoch oben im Felsen. Unerreichbar, so schien es.