🌲Das Geheimnis der singenden Säge
Eine Sage von Château de Wasenbourg
© 22.10.2025 Gerd Groß
🧭 Die Wanderung als Erzählraum
Diese Sage folgt einer realen Wanderroute.
Jede Station der Wanderung entspricht einem Kapitel der Geschichte.
Der Weg ist damit nicht nur Kulisse, sondern Teil der Handlung.
📍 Die Örtlichkeit erleben in Wanderwelten
🔗 Hotspot: Frankreich, Region Grand Est (Elsass), Département Bas-Rhin, Elsass - Wasenbourg (Wasenburg)
Ein Hörerlebnis der besonderen Art. Folgen sie den Wegen und erleben die Wanderung neu.
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Diese WanderSage ist Teil von:
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📜 Die Sage
Prolog – Der Winter unter den Steinen
Es gibt Winter,
die nicht mit Schnee beginnen.
Sondern mit Stille.
Die Alten des Elsass erzählten,
dass die Wasenbourg in manchen Jahren anders wirkte als sonst.
Der Wind wurde langsamer.
Die Wälder schwiegen früher.
Und selbst das Feuer in den Häusern schien müde zu brennen.
Dann sagten die Menschen:
"Der Winter ist unter den Berg zurückgekehrt."
Niemand wusste genau, was das bedeutete.
Doch tief unter der Ruine,
dort, wo uralte Gänge durch den Fels liefen,
soll etwas verborgen gewesen sein.
Keine Krone.
Kein Schatz.
Sondern ein Werkzeug aus Holz und Silber.
Eine Säge.
Und man sagte,
sie könne nicht Holz zum Singen bringen —
sondern das Herz eines Menschen hörbar machen.
Kapitel 1 – Marie aus Oberbronn
In einem besonders kalten Jahr lebte im Dorf Oberbronn, unterhalb der Wasenbourg, ein Mädchen namens Marie.
Sie war arm.
Doch die Menschen erinnerten sich nicht an ihre Armut.
Sie erinnerten sich daran,
dass sie immer etwas gab,
selbst wenn sie kaum noch etwas besaß.
Wenn alte Männer kein Holz mehr tragen konnten, half sie ihnen.
Wenn Kinder froren, gab sie ihnen ihre Handschuhe.
Und wenn nachts irgendwo ein Licht ungewöhnlich lange brannte,
war Marie oft die Erste, die leise an die Tür klopfte.
Am Rand des Dorfes stand ein altes Haus,
dessen Fenster fast immer verschlossen waren.
Dort lebte ein alter Mann mit seinem Enkel.
Früher, so erzählten die Menschen,
habe man oft Musik aus dem Haus gehört.
Doch seit dem Tod seiner Tochter
ließ der Mann niemanden mehr hinein.
Und das Kind hatte irgendwann aufgehört zu sprechen.
Marie brachte manchmal Holz vor die Tür.
Doch geöffnet wurde nie.
Kapitel 2 – Die Frau im Traum
Als der tiefste Frost kam,
geschah etwas Seltsames.
Die Feuer im Dorf brannten schwächer.
Doch nicht nur das Holz wurde knapp.
Auch die Menschen veränderten sich.
Sie sprachen weniger.
Lachten seltener.
Und manche begannen, Türen zu schließen,
noch bevor jemand um Hilfe bitten konnte.
Es war,
als hätte die Kälte begonnen,
in den Herzen zu wohnen.
In jener Nacht träumte Marie von der Wasenbourg.
Sie sah die zerbrochenen Mauern im Mondlicht.
Und zwischen ihnen stand eine Frau.
Still.
Mit einem Mantel aus hellem Stoff,
der sich bewegte, obwohl kein Wind ging.
Und für einen flüchtigen Augenblick hatte Marie das Gefühl,
die Frau kenne den Klang des roten Tuches.
Nicht aus dem Leben.
Sondern aus einer Erinnerung,
die älter war als Worte.
Die Frau sagte nur:
"Die Säge erwacht nicht durch Stärke.
Sondern durch das,
was ein Mensch bereit ist zu verlieren."
Dann verschwand sie.
Doch bevor Marie erwachte,
hörte sie einen Klang.
Fern.
Metallisch.
Traurig.
Wie ein Lied,
das sich selbst vergessen hatte.
Als Marie die Augen öffnete,
war es noch dunkel.
Und obwohl die Kälte stärker geworden war,
spürte sie zum ersten Mal seit Wochen keine Angst mehr vor ihr.
Etwas in ihr hatte bereits begonnen,
den Weg zur Burg zu erinnern.
Kapitel 3 – Die Hallen unter der Burg
Am nächsten Morgen stieg Marie allein zur Wasenbourg hinauf.
Der Schnee lag schwer auf den Steinen.
Und je näher sie der Ruine kam,
desto stiller wurde der Wald.
Nicht friedlich.
Sondern lauschend.
Unter einem zerfallenen Bogen fand sie einen schmalen Gang im Fels.
Kalt.
Dunkel.
Und erfüllt vom tiefen Atem der Erde.
Tief unter der Burg öffnete sich schließlich eine Halle.
Dort stand sie.
Die Säge.
Ihre Klinge schimmerte silbern im Dunkel.
Eher wie gefrorenes Mondlicht als wie Metall.
Der Griff bestand aus schwarzem Holz,
durchzogen von feinen Linien,
die langsam pulsierten.
Fast wirkte es,
als würde die Säge atmen.
Und plötzlich hatte Marie das Gefühl,
dass nicht sie die Säge gefunden hatte —
sondern die Säge sie.
Kapitel 4 – Das Lied der Wärme
Dann erklang die Stimme.
Leise.
Als käme sie aus den Mauern selbst.
"Gib, was dich wärmt."
Marie verstand zuerst nicht.
Sie besaß kaum etwas.
Nur ihren Mantel.
Ein kleines Messer.
Und das rote Wolltuch ihrer verstorbenen Mutter.
Das einzige Stück Wärme,
das ihr aus der Kindheit geblieben war.
Ihre Hände zitterten.
Denn sie wusste plötzlich,
dass die Burg nicht nach Besitz verlangte.
Sondern nach Erinnerung.
Für einen Augenblick meinte Marie,
den Duft von Tannenharz und warmer Milch zu spüren.
Und die Stimme ihrer Mutter.
Ganz fern.
Wie damals in den langen Wintern ihrer Kindheit.
Langsam legte sie das Tuch auf die Klinge.
Für einen Moment blieb alles still.
Dann begann die Säge zu singen.
Leise zuerst.
Wie ein einzelner Ton im Wind.
Doch der Klang wurde tiefer.
Wärmer.
Und die Mauern antworteten.
Der Frost auf den Steinen begann zu schmelzen.
Da spürte Marie etwas Schmerzhaftes:
Die Erinnerung an die Stimme ihrer Mutter begann zu verblassen.
Nicht plötzlich.
Eher wie Schnee,
der langsam im Morgenlicht verschwindet.
Tränen liefen über ihr Gesicht.
Doch sie nahm das Tuch nicht zurück.
Denn draußen froren Menschen.
Und manche Wärme,
so begriff sie in diesem Moment,
entsteht nur dann,
wenn jemand bereit ist, etwas Eigenes gehen zu lassen.
Kapitel 5 – Die singende Nacht
Marie brachte die Säge nach Oberbronn.
Und überall, wo ihre Klinge Holz berührte,
entstand Feuer.
Doch die Menschen sagten später,
das Wunder sei nicht die Wärme gewesen.
Sondern der Klang.
Denn während Marie arbeitete,
sang die Säge.
Nicht mit Worten.
Sondern mit Erinnerungen.
Manche hörten darin verlorene Stimmen.
Andere Kindheitstage.
Oder das Lachen von Menschen,
die längst gestorben waren.
Und je länger das Lied erklang,
desto stiller wurden die Menschen.
Nicht aus Angst.
Sondern weil sie begriffen,
wie kalt ihre Herzen geworden waren.
In jener Nacht blieb Marie zuletzt vor dem alten Haus am Rand des Dorfes stehen.
Wie immer öffnete sich zuerst nichts.
Dann erklang die Säge.
Ein einzelner, warmer Ton.
Langsam.
Fast vorsichtig.
Hinter der Tür regte sich lange nichts.
Nur das leise Knacken des Feuers war zu hören.
Und zum ersten Mal seit vielen Jahren
öffnete der alte Mann die Tür.
Nicht weit.
Nur einen Spalt.
Doch hinter ihm stand das Kind.
Und als der Klang der Säge den dunklen Raum erfüllte,
flüsterte es ein einziges Wort:
"Großvater."
Da begann der alte Mann zu weinen.
Still.
Als hätte etwas in ihm endlich aufgehört zu frieren.
Epilog – Das Lied im Wind
Als der Frühling kam,
war die Säge verschwunden.
Marie sprach nie darüber.
Doch manche bemerkten,
dass sie manchmal innehielt,
als würde sie einem Klang lauschen,
den niemand sonst hören konnte.
Die Jahre vergingen.
Die Winter kamen und gingen.
Doch bis heute erzählen die Menschen im Elsass:
Wenn der Schnee lautlos über die Wälder fällt
und der Mond über den Ruinen der Wasenbourg steht,
kann man manchmal ein fernes Singen hören.
Nicht traurig.
Nicht glücklich.
Sondern menschlich.
Und die Alten sagen:
Die Säge erscheint nicht dann,
wenn Menschen frieren.
Sondern dann,
wenn sie beginnen, einander zu vergessen.
🌍 Realwelt trifft Mythos
Frankreich, Region Grand Est (Elsass), Département Bas-Rhin, Elsass - Vogesen bildet die reale Grundlage dieser Wanderung.
Die Sage ist eine narrative Verdichtung des Weges selbst.
🧭 Einordnung
Diese Erzählung gehört zur Sammlung der
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🌐 Kontext
Die Vogesen sind nicht nur Landschaft, sondern ein Raum voller Geschichten, die zwischen Realität und Legende existieren.
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