Ich bin blind
Erzählung · Tierperspektive · Einsamkeit & Wahrnehmung
Eine einfühlsame Kurzgeschichte aus der Sicht eines blinden Hundes über Orientierung, Sehnsucht und das Bedürfnis nach Nähe und Geborgenheit.
© Gerd Groß 12.11.2017 · fertiggestellt am 25.02.2020
"Ich bin blind" ist eine atmosphärische und berührende Erzählung von Gerd Groß, die den Leser in die sensorische Welt eines blinden Hundes eintauchen lässt. Durch Gerüche, Geräusche und Gefühle entsteht ein intensives Bild von Orientierungslosigkeit, Neugier und dem tiefen Wunsch nach Zugehörigkeit.
📖 Kurzgeschichte
Es war einer dieser Tage, an die man oft noch denkt.
An einem vorweihnachtlichen Einkaufstag streifte ich durch die Gassen unserer Stadt. Menschentrauben bildeten sich vor den kleinen schmucken Adventsbuden, aus denen es nach Zimt, Weihrauch, frischen Kerzen und allerlei verführerischen Düften roch. Oft blieb ich stehen und wartete auf eine Kondolenz, eine Aufforderung am Mahl teilzuhaben, falls die Menschen nicht zu beschäftigt waren, mich zu beachten. So konnte ich immer mit einem fürsorglichen Akt rechnen, um meine Sinne zu befrieden. Aber heute schien es zu voll zu sein, keiner wollte mich wirklich wahrnehmen, und meine Freunde, die ich am Geruch erkenne, waren nicht in meiner Nähe.
Frisch auf den Grill geworfene Würstchen verstärkten mein Hungergefühl auf quälende Weise. Ein unangenehmes Gefühl von Leere und Schmerz machte sich immer breiter, bis es kaum noch zum Aushalten war. Meine Sinne völlig eingenommen von diesem verlockenden Gegrillten, kehrte ich zurück zur Straße, bis am Rand meines Weges eine neue, intensive Spur von Düften sich ausbreitete, von denen ich mich einfach nicht mehr losreißen konnte. Normalerweise vermeide ich unter allen Umständen eine Straßenkreuzung zu überqueren, denn dort herrscht ein unübersichtliches Chaos aus Geräuschen und sich ständig verändernden Luftströmungen.
Diesmal jedoch verführte mich ein völlig neuartiger Duft, süß und gleichzeitig herb, zu einer gefährlichen Unaufmerksamkeit. Es war, als würde eine unsichtbare Leine direkt an meiner Nase ziehen, stärker als jeder noch so vertraute Befehl. Bevor ich mich recht versah, hatte ich die beunruhigende Straßenkreuzung hinter mich gelassen und betrat ein unbekanntes Viertel. Die Geräusche hier waren anders, schärfer, hallten bedrohlich von hohen Mauern zurück. Ein tiefer, gutturaler Knurrlaut ließ meine Nackenhaare kurz aufstellen, obwohl ich die genaue Quelle in diesem akustischen Durcheinander nicht sofort orten konnte.
Neue Gerüche, betörend für meine Nase, erzeugten flüchtige Bilder voller Freude und Zufriedenheit, und doch waren Furcht und die nagende Einsamkeit meine ständigen Begleiter in dieser fremden Umgebung. Ich sehe zwar nicht gut, die verschwommenen Umrisse sind oft trügerisch, aber blind bin ich trotzdem nicht! Denn meine anderen Sinne sind auf eine ganz eigene Weise geschärft, nehmen Schwingungen und Veränderungen in der Luft wahr, die anderen verborgen bleiben. Der unbekannte Untergrund unter meinen Pfoten fühlte sich anders an, uneben und plötzlich spürte ich eine Kante. Meine Vorderpfoten fanden keinen Halt, und ich strauchelte gefährlich, nur ein schneller Reflex meiner Hinterbeine verhinderte einen schmerzhaften Sturz. Erschrocken hechelte ich kurz, die fremde Umgebung schien noch unberechenbarer geworden zu sein.
Ich mag die Menschen und suche instinktiv ihre Nähe. Meist sind sie freundlich und bemerken mich irgendwann. Oft geben sie mir von ihrem Essen ab, was eine warme Freude in mir auslöst. Auch vergessen sie selten, mir frisches Wasser in einem bereitwillig hingestellten Napf zu reichen. Mir geht es gut, das weiß ich, und ich sollte zufrieden sein und mich nicht auf solch gefährliche Erkundungstouren begeben.
Plötzlich hörte ich eine leicht panische, aber vertraute Stimme in der Ferne: "Waldi! Waldi, wo bist du denn?" Die Sorge in seinem Klang ließ mein eigenes kleines Herz schneller schlagen. Dann wurde die Stimme lauter, näher: "Waldi komm, ich habe dich lange gesucht, was machst du hier? Du sollst doch nicht abhauen!" Es war mein Herrchen, dessen besorgten Geruch ich nun deutlich wahrnahm, der mich endlich gefunden hatte. Er klang erleichtert, aber auch ein wenig verärgert: "Du bist zwar blind, mein Junge, aber nicht lahm, also komm jetzt!"
Ich muss jetzt, aber ich werde euch zu gegebener Zeit weiter über meine Geschichten informieren, wenn die Aufregung dieses kleinen Abenteuers sich gelegt hat.
Schaut mal wieder vorbei, ich freue mich jedes Mal, wenn ich eure wohlwollende Aufmerksamkeit spüre.
💭 Interpretation & Bedeutung
"Ich bin blind" ist eine einfühlsame und atmosphärische Erzählung über Wahrnehmung, Einsamkeit und das Bedürfnis nach Nähe und Sicherheit.
Besonders bemerkenswert ist die Perspektive des blinden Hundes Waldi. Die Welt wird nicht durch Bilder beschrieben, sondern durch Gerüche, Geräusche, Luftbewegungen und emotionale Eindrücke. Dadurch entsteht eine intensive sinnliche Erfahrung, die den Leser die Umwelt auf völlig andere Weise erleben lässt.
Die vorweihnachtliche Atmosphäre mit ihren Düften nach Zimt, Weihrauch und gegrillten Würstchen erzeugt zunächst eine warme und lebendige Kulisse. Gleichzeitig bleibt Waldi trotz der Menschenmengen isoliert und unbeachtet. Dadurch thematisiert die Geschichte auf subtile Weise Einsamkeit mitten im gesellschaftlichen Leben.
Der unbekannte Duft symbolisiert die Verlockung des Neuen und Unbekannten. Er zieht Waldi aus seiner gewohnten Sicherheit heraus in eine bedrohliche Umgebung voller Unsicherheit und Angst.
Trotz seiner Sehschwäche besitzt Waldi eine besondere Wahrnehmung. Seine anderen Sinne sind geschärft und ermöglichen ihm eine tiefere Form des Erlebens. Dadurch erhält die Geschichte auch eine metaphorische Ebene: Wahres "Sehen" geschieht nicht allein mit den Augen.
Die Rückkehr des Herrchens bildet schließlich den emotionalen Mittelpunkt der Geschichte. Die vertraute Stimme und der bekannte Geruch stehen für Geborgenheit, Sicherheit und Zugehörigkeit.
Die Geschichte zeigt damit, wie wichtig Nähe, Fürsorge und Vertrauen für jedes Lebewesen sind.
Gleichzeitig erinnert der Text daran, dass Schwäche oder Einschränkungen nicht bedeuten, wertlos oder hilflos zu sein. Waldi bleibt neugierig, mutig und voller Lebenswillen.
Gerade durch die ungewöhnliche Perspektive und die warme, melancholische Atmosphäre entfaltet die Geschichte ihre besondere emotionale Wirkung.
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