Der Glaswaldsee – Das blaue Auge

(Dunkle Sage aus dem Wolftal, nach Heinrich Hansjakob)

© 30.12.2025 Gerd Groß 




Prolog

Hoch über dem Wolftal, wo sich die Höhen von Schapbach und Bad Peterstal berühren, liegt ein Wasser, das kein Wind bewegt.

Der Glaswaldsee.

Tief eingesunken in den Buntsandstein, ruht er am Hang der Lettstädter Höhe – still, dunkel, unbeirrbar.

Die Alten nannten ihn das blaue Auge des Berges.

Wer lange genug in dieses Wasser blickt, dem ist, als blicke etwas zurück.
Nicht drohend –
doch wach.

Die Sage

In früheren Zeiten, so heißt es, lebten im Glaswaldsee die Seemännlein.

Klein von Gestalt, kaum greifbar im Blick.
Wer sie sah, erinnerte sich später nur an Kälte –
und an Augen, die nicht blinkten.

Eines dieser Wesen verließ den See immer wieder.
Es stieg hinab zum Seebenhof, der unterhalb des Wassers lag, und arbeitete dort wie ein Knecht.

Noch vor dem ersten Licht klopfte es an die Fenster.
Leise.
Beharrlich.

Den ganzen Tag über schaffte es ohne Rast.
Das Vieh gedieh, die Felder trugen reich, und kein Tier verirrte sich.

Doch seine Hilfe kannte ein Gesetz.

Wer ihm Arbeit gab, musste sagen:
"Nicht zu wenig und nicht zu viel."

Wurde dies vergessen, geschah Unheil.
Dann blieb die Arbeit unvollendet – oder sie geriet außer Maß.
Wiesen wurden kahl gemäht, Tiere überfordert, Holz bis zur Zerstörung gehackt.

Das Wesen kannte kein eigenes Maß.
Es folgte nur dem Wort.

Dreimal täglich stellte man ihm Essen unter die Treppe.
Dort saß es allein im Halbdunkel und aß schweigend.

Niemand durfte es dabei beobachten.

Seine Kleidung war alt und zerschlissen.
Und doch wehrte es jedes Angebot ab, sie zu erneuern.

Bis eines Winters der Bauer glaubte, es besser zu wissen.

Er ließ ein neues Röcklein nähen und legte es dem Männlein hin.

Da richtete sich das Wesen langsam auf.

Seine Stimme klang fern und tief, als käme sie aus dem Wasser selbst:

"Wer ausbezahlt wird, muss gehen.
Von morgen an komme ich nicht mehr."

Der Bauer bat, beschwor, erklärte –
doch das Wort war gesprochen.

Und was aus der Tiefe kommt, hält sich daran.

In jener Nacht blieb die Schale unter der Treppe leer.

Eine Magd, voller Missgunst, hatte sie absichtlich nicht gefüllt.

Das Wesen wartete lange.

Dann wandte es sich ab.

Am Morgen war die Magd verschwunden.

Kein Laut hatte die Nacht gestört.
Nur eine Spur aus Schlamm und Algen führte aus dem Haus hinaus –
den Berg hinauf,
bis sie am Ufer des Sees endete.

Dort verlor sie sich im dunklen Wasser.

Das Seemännlein wurde nie wieder gesehen.

Epilog

Noch heute liegt der Glaswaldsee still am Hang, kühl selbst im Hochsommer.

Das Vieh meidet seine Ufer.
Und wer zu lange in das Wasser blickt, meint manchmal, etwas in der Tiefe zu sehen –
langsam, lautlos, erinnernd.

Der See gibt.

Doch er verlangt Maß.

Und wer vergisst, dass jede Gabe ihren Preis kennt,
dem zeigt das blaue Auge des Berges,
wie tief Erinnerung reichen kann.