Die vermauerte Tür von Hohenbaden

Eine Sage vom Alten Schloss in Baden

© 10.04.2026 Gerd Groß

Prolog

Ich habe sie selbst gesehen.

Nicht als Kind, nicht als jemand, der an Geschichten glaubt – sondern als einer, der glaubte, sie längst hinter sich gelassen zu haben.

Tief unten in den Mauern des Alten Schlosses Hohenbaden, dort, wo die Luft kälter wird und Schritte dumpfer klingen, liegt eine Tür, die keine mehr ist.

Zugemauert. Versiegelt. Vergessen.

Und doch… nicht ganz.

Der alte Mann, der mich damals führte, blieb stehen, legte die Hand auf den Stein und sagte nur:

"Wenn du lange genug wartest, hörst du, was dahinter geblieben ist."

Ich habe gelacht.

Später… nicht mehr.

Denn als wir gingen, saß eine Krähe auf dem Mauerrest über der Tür.

Und ich hätte schwören können, dass sie mich ansah.

Nicht wie ein Tier.

Sondern wie etwas, das sich erinnert.

Die Sage

Zur Zeit der großen Seuche herrschte auf der Burg Eberstein eine Gräfin, deren Herz sich hinter Stolz verbarg.

Die Nächte waren erfüllt vom Sterben.

Und oft stand sie am Fenster, die Hände schützend vor sich verschränkt, den Blick hinaus in ein Land, das sie nicht mehr verstand. Manchmal verweilte ihre Hand länger, als suche sie Halt – oder Antwort.

"Wenn das Leben bleibt", flüsterte sie einst, kaum hörbar, "werde ich anders sein."

Ein Versprechen, das nicht leise genug war, um gebrochen zu werden.

Die Alte

Eines Tages erschien am Tor eine Gestalt, die selbst die Wachen zurückweichen ließ.

Die Alte war von einer Art Elend gezeichnet, das nicht nur gesehen, sondern gespürt werden konnte. Ihre Haut war aufgerissen, wund, von dunklen Flecken durchzogen. Ein beißender Geruch von Krankheit und Hunger umgab sie. Ihre Kleidung hing in Fetzen, steif vor Schmutz und alten Tagen.

Sie schwankte, jeder Schritt ein Ringen gegen den Fall.

"Brot…", hauchte sie. "Nur ein Stück…"

Die Gräfin trat näher.

Ihre Finger bewegten sich unruhig, fast tastend in der Luft vor ihr – als läge zwischen ihr und der Alten mehr als nur Raum.

Ein Moment.

Ein einziger.

Dann traf sie der Geruch.

Und mit ihm kam der Ekel.

Und mit dem Ekel die Angst um ihr ungeborenes Kind.

"Fort mit ihr."

Die Alte stürzte.

Als sie den Kopf hob, war etwas anders.

Ihre Augen waren klar.

Zu klar.

Die Gräfin verstand es noch nicht.

Eine Krähe ließ sich auf der Mauer nieder.

Sie neigte den Kopf, als wollte sie verstehen.

Ein leises, krächzendes Geräusch – fast wie ein ersticktes Lachen.

"Du hast gewählt", flüsterte die Alte.

Und als sie sich erhob und ging, folgte ihr die Krähe einen Moment lang hüpfend über den Stein… bevor sie lautlos aufflog.

Und im Wind, der ihr folgte, lag für einen Herzschlag lang etwas Fremdes – als hätte eine zweite Stimme geantwortet.

Zurück blieben erschrockene Augen der Gräfin, die sahen und doch nichts sehen konnten. Selbst ihr Schatten erstarrte.

Das Kind des Fluches

In der Nacht der Geburt tobte ein Sturm.

Und irgendwo zwischen den Bäumen wurde ein Urteil gesprochen.

Als das Kind das Licht der Welt erblickte, war es vollkommen.

Stolz und voller Pracht übergab man ihm das Band der Macht.

Doch das Licht war nicht sein Verbündeter.

Mit dem ersten Morgen begann die Verwandlung.

Ein leises Knacken, tief aus dem Inneren kommend. Als würde der Körper selbst sich weigern, zu bleiben, was er war. Die Haut spannte sich, riss, wurde rau und unnachgiebig. Ein Geruch von feuchter Erde und Harz stieg auf.

Der Schrei des Kindes hallte durch die Mauern.

Und draußen, auf der Zinne, saß die Krähe.

Reglos.

Die Begegnung im Wald

Jahre vergingen und noch mehr.

Dann, eines Abends, verirrte sich eine junge Markgräfin in den Wäldern unterhalb vom Alten Schloss.

Er fand sie.

Oder vielleicht… hatte er sie schon erwartet?

Zwischen hohen Tannen, wo das Licht kaum den Boden erreichte, sprach er wenig. Doch seine Nähe war unnahbar – und seltsam vertraut.

"Fürchtest du dich nicht?" fragte er einmal.

Sie schüttelte den Kopf.

"Nur vor dem, was ich nicht kenne."

Ein leises Lächeln huschte über sein Gesicht.

"Dann kennst du mich noch nicht."

Sie pflückte eine kleine Blume, unscheinbar, fast übersehen zwischen Moos und Wurzelwerk, und reichte sie ihm.

"Dann beginne ich jetzt."

Er nahm sie vorsichtig – als wäre selbst diese Geste etwas Zerbrechliches.

Die Tür

Bald schon fand die junge Markgräfin einen alten, versteckten Ausgang tief unten in den Mauern der Burg – eine schmale Tür, verborgen im Stein, fern der Wege der Wachen und Augen des Hofes.

Dort, wo niemand suchte, trafen sie sich.

Dort begann jede Nacht.

Eines Abends zog der junge Graf ein schmales Band aus grobem Stoff hervor – unscheinbar, doch sorgfältig geknotet.

"Ich trug es… bevor ich wurde, was ich bin", sagte er leise.

Er legte es in ihre Hand.

"Wenn du gehst… lass es hier."

Sie verstand nicht ganz.

Aber sie nickte.

Der verbotene Morgen

Die Sehnsucht nach Wahrheit führte sie schließlich weiter.

Sie folgte ihm.

Und als das erste Licht kam, brach die Welt.

Das Knacken war diesmal scharf, fast schneidend. Seine Glieder verzogen sich, als würden sie von innen auseinandergerissen. Ein dumpfer Geruch von nasser Erde und altem Holz füllte die Luft.

Seine Hände – eben noch warm – wurden rau und spröde.

Ein Waldschrat stand vor ihr.

Doch seine Augen blieben.

Und in ihnen lag kein Vorwurf.

Nur ein stilles Wissen.

Ein Abschied, der längst begonnen hatte.

Ihr Schrei war das Letzte, was zwischen ihnen stand.

Das, was bleibt

Er verschwand. Zurück blieb die verdorrte Blume.

Das Mädchen kehrte immer wieder zur Tür zurück.

Nacht für Nacht.

Schließlich legte sie das Band – sein Band – in die Schwelle der Tür. Genau an jene Stelle, an der sich ihre Wege gekreuzt hatten.

Dann befahl sie, die Öffnung zu verschließen.

Stein für Stein.

Langsam.

Für einen Moment ruhte ihre Hand auf dem letzten noch offenen Spalt.

Ein Gedanke streifte sie – flüchtig, kaum greifbar: dass Liebe vielleicht nicht verloren geht, sondern eingeschlossen wird.

Als würde sie den Atem eines anderen Lebens darin spüren – eines, das sie verraten hatte.

Dann setzte sich der Stein.

Epilog

Noch heute liegt sie dort – die vermauerte Tür im Alten Schloss Hohenbaden.

Manchmal, wenn der Wind aus den Wäldern kommt, setzt sich eine Krähe auf das alte Mauerwerk.

Sie bleibt ungewöhnlich lange.

Bewegt sich kaum.

Und wenn sie den Kopf hebt, wirkt es für einen Augenblick, als läge in ihrem Blick mehr als nur das Tier.

Wer dann nahe genug steht… hört vielleicht ein leises Geräusch.

Kein Klopfen.

Eher ein Streifen.

Als würde etwas von innen den Stein berühren.

Und warten.

Ich habe den Stein damals berührt.

Und ich weiß, was ich gehört habe.