Die Sage von der Erlenbadquelle

Eine Laufer Sage vom Ortenauer Sagenrundweg: Geisterhochzeit

Neuverfasst

© 19.05.2026 Gerd Groß

🧭 Die Wanderung als Erzählraum

Diese Sage folgt einer realen Wanderroute.
Jede Station der Wanderung entspricht einem Kapitel der Geschichte.

Der Weg ist damit nicht nur Kulisse, sondern Teil der Handlung.

📍 Die Örtlichkeit erleben in Wanderwelten

🔗 Hotspot: In der Ortenau

Ein Hörerlebnis der besonderen Art. Folgen sie den Wegen und erleben die Wanderung neu.



Prolog – Die Erinnerung der Quellen

Die Alten im Sasbacher Tal sagten früher:

"Die Quellen des Schwarzwalds sind nicht durch Wasser verbunden.
Sondern durch Erinnerung."

Wer an einer Quelle trank, hörte manchmal ein fernes Rauschen, das nicht von ihr stammte.
Manche meinten, es sei der Mummelsee.
Andere sagten, es sei nur der Wind zwischen den Tannen.

Doch die Ältesten flüsterten:

"Wasser vergisst nicht, wo es herkommt."

Und so beginnt die Sage.

I. Der Mummelsee – Die Gabe des Seeweibchen

Es war in einer Zeit, als die Wälder dichter waren und die Wege schmaler.

Ein junger Wanderer stieg über die Höhen des Schwarzwaldes hinab zum Mummelsee.

Er war ein redseliger Mensch, einer, der nicht gut in die Stille passte.

"Schöner Ort", sagte er zu sich selbst.
"Wenn auch ein wenig zu still für meinen Geschmack."

Nicht einmal das Wasser bewegte sich.

Als der Wanderer an das Ufer trat, bemerkte er etwas Seltsames:

Der See spiegelte ihn nicht.

Verwundert blieb er stehen.
Dann begann er zu reden — erst leise vor sich hin, später lauter, als wolle er die Stille vertreiben.

Er sprach über den langen Weg,
über die Wälder,
über die Einsamkeit der Höhen
und darüber, dass ein Mensch manchmal Worte brauche, damit die Gedanken nicht zu schwer würden.

Je länger er sprach, desto stiller schien der Wald zu werden.

Da hob sich lautlos die Wasseroberfläche.

Eine Gestalt trat daraus hervor.

Nicht schön wie in den Geschichten der Menschen.
Nicht jung.
Nicht alt.

Eher wie etwas, das schon existiert hatte, bevor die Wälder Namen trugen.

Das Seeweible hörte ihm schweigend zu.

Und für einen Augenblick hatte der Wanderer das Gefühl, der ganze See lausche seinen Worten.

Dann legte das Seeweible drei graue Steine in seine Hände.

Kalt.
Schwer.
Unscheinbar.

"Was soll ich damit tun?", fragte er.

Das Seeweible antwortete:

"Nicht jede Quelle entspringt dem Boden."

Dann sagte es:

"Wasser erinnert sich."

Und sank zurück in die Tiefe.

Erst jetzt kräuselte sich der See.

II. Der erste Stein – Die Geburt der Erlenbadquelle

Der Wanderer setzte seinen Weg fort.

Und wie er so ging, sprach er weiter — manchmal mit sich selbst, manchmal mit den Steinen, als könnten sie antworten.

"Was soll das sein?", murmelte er.
"Drei Steine… als hätte ich nichts Besseres zu tragen."

Je tiefer er ins Tal kam, desto schwerer wurden sie.

Am Rand des Sasbacher Tals, zwischen feuchten Erlen, hielt er schließlich inne.

"Genug damit", sagte er und warf den ersten Stein fort.

Er hörte ihn nicht aufschlagen.

In derselben Nacht begann der Boden zwischen den Wurzeln zu dampfen.
Ein strenger Geruch nach Schwefel lag in der Luft.
Warmes Wasser sickerte aus der Erde, sammelt sich in kleinen Becken zwischen Moos und Stein.

Niemand verstand es.

Noch nicht.

Nur der Wald schwieg wissend.

III. Der Hirsch – Der erste, der versteht

Einige Tage später kam ein Hirsch aus dem Wald.

Er war verletzt.
Alt genug, um Schmerzen zu kennen, aber nicht gebrochen daran.

Die Hirten beobachteten, wie er zur Quelle trat.

Er trank nicht hastig.
Er blieb lange im warmen Wasser stehen.

Als würde er warten, dass etwas in ihm sich erinnerte, wie es war, heil zu sein.

Mit der Zeit schloss sich seine Wunde.

Sein Gang wurde sicherer.

Da wagten sich auch die Menschen heran.

Zuerst zögernd.
Dann hoffnungsvoll.

So begann das Erlenbad.

Nicht durch ein Wunder.

Sondern durch ein Tier, das nicht vergessen hatte, wie man der Natur vertraut.

IV. Der zweite Stein – Die Hub

Der Wanderer zog weiter und sprach nun weniger.

Etwas an dem, was er erlebt hatte, begann ihn zu verändern.

Doch er verstand es noch nicht.

Nahe Bühl wurde ihm der zweite Stein zu schwer.

"Was soll das alles?", sagte er leise — und warf ihn fort.

Kaum berührte er den Boden, brach warmes, mineralreiches Wasser hervor.

Der Wanderer blieb stehen.

Zum ersten Mal schwieg er wirklich.

V. Der dritte Stein – Baden-Baden

Den letzten Stein trug er bis in die große Stadt.

Er hielt ihn nicht mehr wie eine Last, sondern wie etwas, das Bedeutung hatte, auch wenn er sie nicht verstand.

Als er ihn schließlich vorsichtig auf den Boden legte, bebte die Erde leicht.

Dann schossen heiße Quellen hervor, stärker als alle zuvor.

Dampf stieg zwischen den Steinen empor.

Und Menschen begannen später, dort ihre Bäder zu bauen.

Der Wanderer verstand nun:

Die Steine waren keine Geschenke gewesen.

Sondern Samen.

VI. Erkenntnis – Was Wasser weiß

Viele Jahre später kehrte er zur Erlenbadquelle zurück.

Der Ort war derselbe — und doch nicht.

Das Wasser floss, als hätte es ihn nie verlassen.

Und am Rand der Erlen glaubte er für einen Moment, den Hirsch wieder zu sehen.

Still.

Wartend.

Dann verschwand er im Nebel.

Der Wanderer kniete sich an die Quelle.

Und diesmal sprach er nicht.

Er hörte nur.

Und verstand:

Heilung ist nicht das Gegenteil von Schmerz.
Heilung ist Erinnerung daran, dass Leben weitergehen kann.

Epilog – Die Quelle heute

Noch heute sagen manche Wanderer, dass die Erlenbadquelle anders klingt als andere Quellen des Schwarzwalds.

Als würde sie sich erinnern.

Manchmal glaubt man, im Wasser mehrere Stimmen zu hören:

den Mummelsee,
das Erlenbad,
die Hub,
und die heißen Quellen von Baden-Baden.

Vielleicht ist das nur Einbildung.

Vielleicht aber stimmt es.

Denn Wasser vergisst nicht, wo es herkommt.

Und manchmal, wenn Nebel zwischen den Erlen steht, meint man einen Hirsch zu sehen.

Oder einen Wanderer, der nicht mehr spricht.

Sondern zuhört.


🔗 Verbindung zu Wanderwelten

Diese WanderSage ist Teil von:

👉 Wanderwelten: Hier werden mehrere Sagen zu einer Route kombiniert oder eine Sage auf mehrere Wanderungen verteilt.


🔗 Weitere Sagen entdecken

🌍 Realwelt trifft Mythos

[Die Ortenau und Nordschwarzwald] bildet die reale Grundlage dieser Wanderung.
Die Sage ist eine narrative Verdichtung des Weges selbst.