Der Mann am Laufbach

Eine Sage aus dem Tal von Lauf


© 18.05.2026 Gerd Groß



🧭 Die Wanderung als Erzählraum

Diese Sage folgt einer realen Wanderroute.
Jede Station der Wanderung entspricht einem Kapitel der Geschichte.

Der Weg ist damit nicht nur Kulisse, sondern Teil der Handlung.

📍 Die Örtlichkeit erleben in Wanderwelten

🔗 Hotspot: Laufbach in Lauf

Ein Hörerlebnis der besonderen Art. Folgen sie den Wegen und erleben die Wanderung neu.



Prolog

Wer heute dem Laufbach bergauf folgt, hört zuerst nur Wasser.

Es rinnt über dunkle Steine, verschwindet unter Wurzeln, sammelt sich zwischen moosigem Gestein und zieht unaufhörlich talwärts, als kenne es keinen Zweifel.

Doch die Alten in den Dörfern erzählten früher, der Laufbach sei kein gewöhnlicher Bach.

Denn während alles im Leben dem Tal entgegenstrebt —
die Jahre,
die Kräfte,
die Menschen —
gab es manche, die seinem Lauf entgegen gingen.

Hinauf zur Quelle.

Und wer lange genug gegen das fließende Wasser wanderte, begegnete irgendwann nicht mehr nur dem Wald.

Sondern sich selbst.

I. Das Tal der Verstummten

Als der Mann nach dem Krieg heimkehrte, erkannte er das Land kaum wieder.

Wo einst Höfe standen, lagen verkohlte Balken zwischen Brennnesseln.
Fenster blickten schwarz und leer in den Wald.
Auf den Feldern wuchs hohes, verwildertes Gras, das niemand mehr mähte.

Selbst die Vögel schienen vorsichtiger geworden zu sein.

Der Krieg hatte nicht nur Menschen genommen.

Er hatte den Dingen ihre Stimmen geraubt.

Der Mann ging schweigend durch das Tal.
Sein Mantel hing schwer an seinen Schultern, und seine Schritte wirkten müde, als trüge er nicht nur seinen Körper, sondern die Last aller vergangenen Jahre.

Dort, wo einst sein Hof gestanden hatte, fand er nur noch einen halb verschütteten Brunnen.

Daneben lag im feuchten Gras ein kleines Holzpferd.
Schwarz vom Ruß.
Ein Rad fehlte.

Der Mann hob es nicht auf.

Er blieb lange davor stehen.

Dann wandte er sich ab.

Denn manche Zerstörung kann ein Mensch nur einmal ansehen.

Zwischen den verkohlten Steinen wuchs ein einzelner Farn.

II. Der Bach

Der Laufbach war geblieben.

Zwischen den Felsen zog er noch immer silbern durch das Tal, unbeirrt von Krieg und Hunger.

Das Wasser floss wie damals, als seine Kinder am Ufer gespielt hatten.

Der Mann kniete sich nieder und tauchte die Hände hinein.

Das Wasser war kalt.

Und plötzlich glaubte er, ein Lachen zu hören.

Hell.
Kindlich.

Er erschrak.

Im selben Moment glitt im Wasser etwas auf –
kein klares Bild, eher eine Brechung des Lichts,
in der für einen Augenblick ein vertrauter Umriss stand.

Sein jüngster Sohn.

Dann zerfiel alles im Fließen.

Der Mann schloss die Augen.

Vielleicht war Erinnerung nur eine andere Form von Schmerz.

Er erhob sich langsam.

Und begann, dem Bach bergauf zu folgen.

Zwischen den Steinen wuchs derselbe Farn wie unten im Tal.

III. Gegen den Strom

Je höher der Mann stieg, desto fremder wurde ihm die Welt.

Oder vertrauter.

Er konnte es selbst nicht mehr sagen.

Unten im Tal hatte alles nach Asche gerochen.
Hier oben lag feuchtes Harz in der Luft.
Zwischen den Steinen wuchs Farn in dichten, tiefgrünen Büscheln.

Und manchmal glaubte er, denselben Vogelruf zu hören wie in seiner Kindheit.

Das Wasser wurde klarer.
Jünger.

Mit jedem Schritt schien etwas von der Schwere in seiner Brust zurückzubleiben.

In der zweiten Nacht schlief er nahe des Baches unter einer alten Weißtanne.

Da träumte er nicht —
er erinnerte sich.

Er sah seine Frau.

Nicht als Verlust.

Sondern lebendig.

Sie stand in der Tür ihres Hauses, die Abendsonne im Haar.

"Bleib heute hier."

So einfach war der Satz gewesen.

So endgültig.

Der Mensch lebt, als läge die Zukunft sicher vor ihm.

Bis sie es nicht mehr tut.

Der Mann erwachte vor Morgengrauen.

Der Bach rauschte neben ihm.

Und zum ersten Mal fragte er nicht mehr nach Schuld.

Sondern nach dem Ursprung des Irrtums.

Zwischen den Wurzeln wuchs der Farn erneut.

IV. Die Quelle

Am dritten Tag erreichte er die oberen Felsen.

Dort wurde der Laufbach schmal.
Das Wasser trat klar und lautlos aus dunklem Gestein hervor.

Nebel hing zwischen den Tannen.

Und der Farn stand nun nicht mehr vereinzelt, sondern umrahmte den Quellstein wie ein Kreis.

Für einen Augenblick glaubte der Mann, der Nebel selbst habe eine Gestalt angenommen.

Doch etwas störte diese Form.

Als würde der Schatten sich einen Moment zu früh vom Licht lösen.

Still stand die Gestalt nahe der Quelle.

Nicht ganz Mensch.
Nicht ganz Natur.

Der Mann trat näher.

"Kann ein Mensch zurückgehen?", fragte er.

Das Wasser trat aus dem Stein, unbeirrt.

Dann sagte die Gestalt:

"Das Wasser kennt nur eine Richtung."

Der Mann senkte den Blick.

"Dann bleibt nur Schuld."

Die Gestalt schwieg.

Dann:

"Schuld entsteht dort, wo Menschen glauben, sie hätten die Zukunft kennen müssen."

Der Wind bewegte den Farn am Quellrand.

Und der Mann verstand.

Nicht eine Entscheidung hatte sein Leben zerbrochen.
Nicht ein Moment.
Nicht ein Fehler.

Sondern die Illusion, dass man die Zeit beherrschen könne.

Er dachte an seine Kinder.
An das Lachen am Bach.
An seine Frau im Türlicht.

Und etwas in ihm fiel still auseinander — nicht in Schmerz, sondern in Erkenntnis:

Liebe verliert nicht ihren Wert, weil sie vergeht.

Sie gewinnt ihn gerade dadurch.

Der Mann kniete sich an die Quelle.

Der Farn bewegte sich im Wind wie ein leises Atmen.

V. Der Weg zurück

Als der Morgen kam, lag Licht zwischen den Tannen.

Die Gestalt war verschwunden.

Nur der Quellstein blieb, umgeben vom Farnkreis.

Der Mann blieb lange sitzen.

Dann erhob er sich.

Er wusste nun:

Kein Mensch kann gegen die Zeit leben.

Aber jeder Mensch kann entscheiden, ob Erinnerung zur Wunde wird —
oder zur Form dessen, was einmal wirklich war.

Er begann den Weg zurück ins Tal.

Nicht leichter.

Aber klarer.

Und während er ging, blieb der Farn nicht nur oben an der Quelle.

Er wuchs auch dort, wo er ihn zuvor nicht gesehen hatte:
zwischen Steinen am Weg.

Epilog

Noch heute sagen manche Wanderer, dass der Laufbach oben am Quellstein anders klingt als unten im Tal.

Als würde das Wasser sich erinnern, bevor es fließt.

Wer lange genug dem Bach entgegengeht, erreicht keinen Ort.

Sondern einen Gedanken.

Und manchmal, so heißt es, sieht man am Laufbach einen Mann stehen, wenn der Nebel tief zwischen den Felsen hängt.

Er sucht nichts mehr zurück.

Er hört nur zu.

Und der Farn wächst weiter entlang des Wassers —
als würde er zeigen, dass nichts wirklich verschwindet,
solange es einmal gewesen ist.


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Lauf in der Ortenau - Nordschwarzwald bildet die reale Grundlage dieser Wanderung.
Die Sage ist eine narrative Verdichtung des Weges selbst.