
Das Herz des Hohen Horns
(Eine Ortenberger Sage)
© Gerd Groß 13.10.2025
Prolog
Über den Reben von Ortenberg erhebt sich die Burg, stolz und wachend über das Tal.
Seit jeher sagen die Menschen:
Dort oben wohnt der Stolz –
doch unten schlägt das Herz.
Und wenn der Wind im Winter durch die Wälder streicht und die Äste klagen, dann erinnert er an eine Zeit, in der beides eins war.
An einen Mann, der sein Herz verlor –
und es erst im Sterben wiederfand.
Die Sage
Zu jener Zeit, als die Mauern der Burg Ortenberg noch jung waren, lebte dort Ritter Kunibert.
Er war reich, gefürchtet und stolz.
Doch sein Herz war hart geworden – kalt wie der Stein, auf dem er herrschte.
Sein Onkel Servatius, ein alter Mann von scharfem Blick, kannte diese Kälte.
Kurz vor seinem Tod ließ er einen schweren Sarg in die Kammer tragen.
"Mein größter Schatz", flüsterte er.
Als Kunibert den Sarg öffnete, fand er kein Gold.
Nur Steine.
Seine Wut kannte keine Grenzen.
Er zog durch die Täler, über die Hänge des Keugeleskopfs und hinab zur Brandeck, und ließ seinen Zorn an den Menschen aus.
Was ihm fehlte, suchte er mit Gewalt zu erzwingen.
Doch je mehr er nahm, desto leerer wurde er.
Eines Abends, als der Nebel dicht zwischen den Bäumen hing, ritt Kunibert hinauf zum Hohen Horn.
Der Wald war still.
Zu still.
Plötzlich scheute sein Pferd.
Ein falscher Tritt –
und Kunibert stürzte.
Schwer verwundet blieb er im Moos liegen.
Sein Atem ging stoßweise.
Jeder Zug war wie ein Gewicht auf seiner Brust.
Da trat ein Mann aus dem Nebel.
Es war Huber, der Waldpfarrer.
Ein stiller Hüter der Wälder, der den Menschen näher war als den Mauern der Kirche.
Er sah auf den Ritter herab.
"Was suchst du hier oben, Kunibert?"
Der Ritter rang nach Luft.
"Frieden… doch mein Herz ist schwer wie Stein."
Huber kniete sich neben ihn.
"Du hast dein Leben an das Kalte gebunden.
Nun trägst du es in dir."
Kuniberts Blick flackerte.
"Ich habe alles verloren… obwohl ich alles hatte."
Der Pfarrer legte seine Hand auf den Boden.
"Nicht alles.
Du hast noch dein Herz."
Ein langer Moment verging.
Dann hob Kunibert mühsam die Hand und legte sie auf einen flachen Stein neben sich.
Sein Blick wurde klar.
"Ich habe nach Gold gesucht…
und nur Leere gefunden."
Sein Atem wurde schwächer.
"Wenn noch etwas von mir bleibt…
dann soll es nicht das sein, was ich war."
Ein warmer Wind strich durch die Bäume.
Der Nebel lichtete sich für einen Augenblick.
Und Kunibert atmete ein letztes Mal.
Der Wald wurde still.
Epilog
Seit jener Nacht, so erzählen die Menschen, ist der Fluch gebrochen – doch die Erinnerung geblieben.
Der Weg zum Hohen Horn ist steil, und nicht jeder erreicht ihn leicht.
Doch wer ihn geht, ohne Hast, ohne Gier,
wer den Wald achtet und die Stille zulässt,
der wird oben mit einem Blick belohnt,
weiter und klarer als jeder Besitz.
Manche sagen, tief unter Moos und Wurzeln liege noch immer der Stein, auf dem Kunibert seine Hand legte.
Und wenn der Wind durch die Bäume zieht,
glauben einige, ein leises Pochen zu hören –
nicht laut, nicht drängend,
sondern ruhig und beständig.
Wie ein Herz,
das endlich seinen Platz gefunden hat.

