Satire Frauengespräche

Zwiebelkuchen und andere Wunden

Herbstliche Kaffeekomödie · Satire · Generationenkomik & digitale Verwirrung

Eine satirische Szenenkomödie über Erinnerung, digitale Identitäten und die absurden Missverständnisse zwischen analoger Vergangenheit und vernetzter Gegenwart.

© Gerd Groß 10.10.2025


"Zwiebelkuchen und andere Wunden" ist eine humorvolle, dialoggetriebene Gesellschaftssatire, die Alltagsbeobachtung, Nostalgie und digitale Überforderung zu einer pointierten Kaffeekomödie verbindet. 


📖 Kurzgeschichte 

Spätnachmittag im Café "Panorama Varnhalt".

Die Sonne hing tief über der Rheinebene, golden und müde – wie ein älterer Herr, der sich noch einmal aufbäumt, bevor er endgültig hinterm Fremersberg verschwindet.
Zwei Tische im Halbschatten der Markise.

Am ersten Tisch: Gabi – über siebzig, sieht aus wie zweiundsechzig.
Geschieden, frisurenstabil, wach im Blick.
Neben ihr Egon, pensionierter Ingenieur und Hobby-Schriftsteller. Ein Mann, der Cappuccino trinkt, als hinge sein Seelenheil an der Milchschaumkante.

Am Nebentisch: Herbert, 64, sportlich, fast zu braun, um glaubhaft ehrlich zu wirken.
Neben ihm Natascha – Ende dreißig, höchstens Mitte vierzig. Blond, gepflegt, charmant gelangweilt. Sie streicht über ihr Handy, als wäre es eine Katze, die gleich beißen könnte.

Szene 1 – Erinnerung an Freiheit

Gabi stochert in ihrem Zwiebelkuchen.
"Früher sind wir da hinten an den Baggersee nach Sandweier. Da war man noch frei. Frei von Verpflichtungen, frei von Scham – und frei von WLAN."
Egon hebt kaum den Blick.
"Und von Cholesterin."
Sie lacht, halb melancholisch, halb befreit.

Da kommt Herbert vom Nebentisch vorbei, bleibt kurz stehen.
"Gabi? Du bist doch die Gabi vom Baggersee Sandweier, oder?"
"Das war vor zwanzig Jahren, Herbert. Und du bist jetzt …?"
"Immer noch ich. Nur öfter nachts wach."
Gabi deutet trocken auf seine Hüfte.
"Tja. Männer in deinem Alter stehen öfter auf – nur nicht mehr für Applaus."
Er grinst, wippt verlegen von einem Bein aufs andere.
"Ich … äh … muss mal."
"Das dacht ich mir."
Herbert verschwindet.
Egon nimmt einen Schluck Cappuccino – und kämpft mit einem Grinsen.

Szene 2 – Rückblende: Das Telefonat mit Sibylle

Gabi zieht ihr Handy hervor, tippt.
"Hallo Sibylle – schon lange nichts mehr gehört! Wie geht's dir? Hast du dich immer noch nicht von diesem Yoga-Kurs erholt?"

(Egon hört nur Bruchstücke – "Botox? … nein, das zieht sich wieder raus" … "Diät mit fermentiertem Selleriesaft" … "Haarfarben für reife Haut" … "und ja, Männer bleiben trotz Hörgerät beratungsresistent".)

Nichts Neues – aber alles wichtig.
Ein liebevoller Marathon weiblicher Relevanz.

Sie legt auf.
Egon schaut sie neugierig an.
"Wer war das?"
"Sibylle. Meine Telefonfreundin. Wir therapieren uns gegenseitig gegen Männergrummeln und Modeverirrungen."
"Und? Hilft's?"
"Nein. Aber es klingt klug, wenn man's laut sagt."

Szene 3 – Herbert kehrt zurück

Herbert kommt von der Toilette zurück, sichtlich erleichtert.
"Also, du bist echt noch … du!"
Gabi hebt die Augenbrauen.
"Ich hab gerade mit Sibylle telefoniert. Die kennst du vielleicht – das ist die mit den veganen Schuhen und dem Ehemann, der mal Modefotograf werden wollte."
"Sagt mir nichts."

Sie zeigt ihm ihr Handy: ein Bild eines großen braunen Hundes mit Schleife.
"Das war ihr Exmanns Lebenswerk. Ein Foto vom Hund nach dem Gassi. Vielleicht kennst du den Hund?"
Herbert lacht kurz.
"Schöner Hund."
"Ja, besser getroffen als die meisten Männer."

Er beugt sich etwas näher.
"Ich find, du siehst klasse aus, ehrlich. Kaum verändert."
"Das sagst du zu allen Frauen, die noch pulsieren."
"Nur zu denen, die Zwiebelkuchen essen – da weiß man: echte Substanz."

Natascha winkt schließlich, zeigt mit einer Mischung aus Strenge und Charme auf die Kaffeetasse – und dann aufs Handy.
Herbert schlendert freudlos zurück zu seinem Tisch.
Egon prustet in seinen Cappuccino.

Vom Nebentisch aus tuscheln Natascha und Herbert, blicken immer wieder herüber.
Ihre Gestik ist ein stilles Kabarett aus Befehl, Besitz und WhatsApp.
Herbert hebt entschuldigend die Hand, lächelt Gabi an, dann geht er.

Szene 4 – Später am Abend

Gabi schaut Herbert nach, der gerade zu Natascha an den Nebentisch zurückkehrt.
Sie seufzt, nimmt einen letzten Bissen Zwiebelkuchen und greift zum Handy.

"Sibylle! Du glaubst nicht, wen ich eben gesehen hab – den Herbert! Ja, den vom Baggersee Sandweier! … Nein, kein Bierbauch – höchstens ein leicht nostalgischer Gang."

Egon hebt kurz den Blick, lächelt.

"Wie? Du willst ein Bild von ihm? Ich hab keins. … Nein, er will eins von dir."
Pause.
"Was? Warum er eins von dir will? Das weiß ich doch nicht! Vielleicht braucht er's fürs Langzeitgedächtnis!"
Sie kichert, hört kurz zu, dann wieder:
"Wie bitte? Du gibst keine Bilder raus, solange du nicht weißt, wer der Typ ist? … Ja, das ist konsequent – aber du weißt doch, wer er ist! Na gut, du wusstest es. Vor zwanzig Jahren."

Egon schmunzelt, nippt am Cappuccino.

"Aha, also du willst jetzt ein Bild von ihm, damit du entscheiden kannst, ob du eins von dir schickst? – Großartig. Er will eins von dir, damit er weiß, wer du bist, und du willst eins von ihm, um sicherzugehen, dass du's wirklich bist."
Sie hält kurz inne, runzelt die Stirn.
"Weißt du, Sibylle, das klingt verdächtig nach einem Datenverkehr ohne Fahrerlaubnis."

Egon hustet vor Lachen.
"Digitale Verwechslungsgefahr", murmelt er.

Gabi hört weiter zu, nickt verständnisvoll.
"Nein, Sibylle, keine Sorge – ich hab ihm nichts versprochen. Nur meinen letzten Nerv geopfert."
Dann legt sie das Handy beiseite, greift nach ihrer Tasse.

"Weißt du, Egon", sagt sie trocken, "früher hat man sich Fotos nach dem Kennenlernen gezeigt – heute sind sie das Kennenlernen."

Egon nickt. "Und das WLAN zum Herzen bleibt trotzdem schwach."

Szene 5 – Die groteske Verwechslung

Wenig später taucht Herbert wieder auf, Natascha im Schlepptau.
Sie hat offenbar den Übersetzer bemüht – und wedelt mit ihrem Handy.
"Ich finde sie! Vielleicht diese Frau?"

Sie zeigt ein völlig unpassendes Google-Bild: eine retuschierte Dame mit Cocktailglas und Chihuahua.
Gabi zieht die Brille hoch.
"Das ist nicht Sibylle. Das ist wahrscheinlich ein Filter mit Beinen."
Herbert kratzt sich am Kopf.
"Oder meinst du die Brunhilde? Die mit der Yogamatte?"
Natascha: "Nein, Schatz. Die Esmeralda mit OnlyFans!"

Egon hustet vor Lachen in seine Serviette.
Nun beginnt ein namenreiches Durcheinander – ein groteskes Bingo vergangener Sommer: Heidrun, Moni, Uschi, Ljudmilla.
Keine passt.
Jede hat "vielleicht den Hund".

Schließlich ruft Natascha trotzig: "Ich weiß! Die mit dem Filter Sieben!"
Gabi kontert trocken: "Sibylle hat höchstens Filterkaffee."

Szene 6 – Finale Telefonrunde

Die beiden verabschieden sich hastig, peinlich lächelnd.
Kurz darauf klingelt Gabis Handy erneut.

"Sibylle! – Ja, ich weiß, du hast recherchiert. – Nein, das ist er nicht! – Was? Eine Facebook-Seite? Listen seiner Hobbys? Sibylle, bitte! Der wahre Herbert ist kein Algorithmus, er ist eine komplexe Leerstelle mit Blasenproblemen."

Egon hebt den Blick vom Cappuccino.
"Philosophisch betrachtet – könnte das auch auf die Menschheit zutreffen."
Gabi lacht, legt das Handy weg.
"Und doch suchen sie alle nach Verbindung. Ob Hund, Mann oder WLAN."
Egon nickt.
"Der ganze Aufwand … nur um herauszufinden, dass Vergessen die beste Form der Datensicherheit ist."

Sie stoßen mit Kaffee an.
Die Sonne sinkt über der Rheinebene, alles im goldenen Halbdunkel.
Zwei Silhouetten, ein Rest Zwiebelkuchen – und eine Welt voller alter Nummern, die keiner mehr richtig zuordnen kann.

Dieses Gespräch dauerte über eine Stunde. Man kann darüber streiten, ob es zu einer Lösung geführt hat.
Aber vielleicht war die Sinnlosigkeit selbst die Pointe.

– Ende –


💭 Interpretation & Bedeutung

"Zwiebelkuchen und andere Wunden" ist eine satirische Gesellschaftskomödie über die Kollision zwischen analoger Erinnerungskultur und digitaler Identitätskonstruktion.

Im Zentrum steht nicht die Handlung, sondern das Missverständnis als Grundprinzip moderner Kommunikation.

Die Figuren Gabi und Egon verkörpern eine Generation, die noch zwischen persönlicher Erfahrung und digitaler Abstraktion unterscheiden kann. Ihre Dialoge sind geprägt von Ironie, Lebensrealismus und einer stillen Melancholie über den Wandel sozialer Beziehungen.

Herbert und Natascha stehen hingegen für eine Gegenwart, in der Identität zunehmend vermittelt, gefiltert und verhandelbar wird. Beziehungen entstehen nicht mehr direkt, sondern über Bilder, Profile und Zuschreibungen.

Der Zwiebelkuchen fungiert als zentrales Symbol: Er steht für das Analoge, Greifbare und Unverfälschte – im Kontrast zur digitalen Überlagerung menschlicher Beziehungen.

Die satirische Wirkung entsteht durch Überzeichnung alltäglicher Kommunikationssituationen, die in ihrer Absurdität jedoch sehr real wirken.

Im Kern stellt die Geschichte eine einfache, aber tiefgreifende Frage:

Was bleibt von Begegnung übrig, wenn Erinnerung, Bild und Identität nicht mehr deckungsgleich sind?

Die Antwort bleibt offen – wie das Gespräch selbst.


💭 Interpretation & Bedeutung

"Zwiebelkuchen und andere Wunden" ist eine satirische Gesellschaftskomödie über die Kollision zwischen analoger Erinnerungskultur und digitaler Identitätskonstruktion.

Im Zentrum steht nicht die Handlung, sondern das Missverständnis als Grundprinzip moderner Kommunikation.

Die Figuren Gabi und Egon verkörpern eine Generation, die noch zwischen persönlicher Erfahrung und digitaler Abstraktion unterscheiden kann. Ihre Dialoge sind geprägt von Ironie, Lebensrealismus und einer stillen Melancholie über den Wandel sozialer Beziehungen.

Herbert und Natascha stehen hingegen für eine Gegenwart, in der Identität zunehmend vermittelt, gefiltert und verhandelbar wird. Beziehungen entstehen nicht mehr direkt, sondern über Bilder, Profile und Zuschreibungen.

Der Zwiebelkuchen fungiert als zentrales Symbol: Er steht für das Analoge, Greifbare und Unverfälschte – im Kontrast zur digitalen Überlagerung menschlicher Beziehungen.

Die satirische Wirkung entsteht durch Überzeichnung alltäglicher Kommunikationssituationen, die in ihrer Absurdität jedoch sehr real wirken.

Im Kern stellt die Geschichte eine einfache, aber tiefgreifende Frage:

Was bleibt von Begegnung übrig, wenn Erinnerung, Bild und Identität nicht mehr deckungsgleich sind?

Die Antwort bleibt offen – wie das Gespräch selbst.


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