Die weiße Rose von Eberstein
Die Sage vom unsterblichen Versprechen
Prolog
Wenn der Mond silbern über den Weinbergen von Gernsbach steht und die Türme von Schloss Eberstein ihre langen Schatten in das Tal werfen, erwacht eine Geschichte, die älter ist als die Mauern selbst. Es ist eine Erzählung von einer Zeit, in der das Schicksal eines ganzen Geschlechts an einer einzigen Blüte hing – und davon, dass wahre Macht nicht im Schwert, sondern in der Reinheit des Herzens liegt.
Die Sage
Es war einmal ein Ritter von Eberstein, der für seine Tapferkeit, aber auch für seinen Stolz weithin bekannt war. Sein Schloss war uneinnehmbar, sein Wille eisern. Doch in einer Nacht der Wintersonnenwende, als ein eisiger Sturm um die Zinnen heulte, trat eine Gestalt in den Rittersaal, die keinen Schatten warf. Es war das "Fräulein von Eberstein", eine Ahne des Hauses, die seit Jahrhunderten als Hüterin des Schlosses galt.
Sie überreichte dem Ritter eine Rose, die so weiß war wie der frisch gefallene Schnee auf den Gipfeln des Gernsbergs. "Solange diese Rose blüht", sprach sie mit einer Stimme, die wie das ferne Läuten von Silberglöckchen klang, "wird dein Geschlecht in Glanz erstrahlen. Doch hüte dich: Wenn die Gier oder der Verrat dein Herz versteinern, wird die Rose welken und mit ihr der Ruhm von Eberstein."
Der Ritter bewahrte die Rose in einem gläsernen Schrein. Jahre vergingen, und das Schloss florierte. Doch der Stolz des Ritters wuchs mit seinem Reichtum. Er vergaß die Demut und begann, die Menschen im Tal mit harter Hand zu regieren. Eines Abends sah er erschrocken, dass das erste Blatt der Rose braun wurde. In seiner Panik versuchte er, die Rose mit Gold zu übergießen, um ihre Schönheit für immer festzuhalten – ein verzweifelter Versuch, Leben durch totes Metall zu ersetzen.
Doch erst als er die Tränen einer jungen Frau aus dem Tal sah, die er ungerecht behandelt hatte, und er zum ersten Mal seit Jahren echtes Mitgefühl empfand, geschah die Wandlung. Er verzichtete auf sein Gold, gab der Frau ihr Recht zurück und weinte selbst eine Träne der Reue. Als diese Träne den gläsernen Schrein berührte, erblühte die Rose in einem Licht, das heller war als die Mittagssonne. Der Fluch des Stolzes war gebrochen; der Ritter hatte nicht nur sein Schloss, sondern seine eigene Seele wiedergewonnen.
Epilog
Schloss Eberstein steht noch heute fest auf seinem Felsen, umgeben von den Reben, die das Blut der Erde in sich tragen. Man sagt, dass in besonders klaren Nächten ein zarter Duft nach wilden Rosen durch die alten Gänge zieht. Er erinnert uns daran, dass wahre Beständigkeit nicht aus Stein und Gold gebaut ist, sondern aus der Fähigkeit, sich dem Licht und der Güte zuzuwenden. Die weiße Rose von Eberstein blüht unsichtbar weiter – für jeden, der mit offenem Herzen den steilen Weg zum Schloss hinaufschreitet.
© 28.01.2026 Gerd Groß
