Die Schatten auf dem alten Stein
Die Sage der Schlossgeister von Eberstein
Prolog
Jede alte Burg ist mehr als nur Stein und Mörtel; sie ist ein Gefäß für Geschichten, ein Flüsterer alter Geheimnisse. Schloss Eberstein, hoch über der Murg thronend, ist da keine Ausnahme. Wenn die Dämmerung die tiefen Täler verschlingt und der Nebel wie eine schlaue Katze über die Zinnen streicht, dann erwachen sie – die Hüter der Erinnerung, die ewigen Zeugen von Freud und Leid. Man nennt sie die Schlossgeister, doch ihre Geschichte ist komplexer als bloße Spukgeschichten.
Die Sage
In den prunkvollen Sälen und kalten Verliesen von Schloss Eberstein lebte vor Jahrhunderten ein Geschlecht von Rittern, deren Schicksal untrennbar mit dem Schloss verbunden war. Der letzte dieser edlen Herren war ein Graf, dessen Herz schwer war von der Last der Kriege und dem Verlust seiner Liebsten. Er hatte seine Gemahlin in jungen Jahren verloren und seine Kinder zogen hinaus in die Welt, um nie zurückzukehren. Der einst so fröhliche Hof verstummte.
Der Graf verbrachte seine Tage damit, durch die leeren Gänge zu wandern, ein Schatten seiner selbst. Er sehnte sich nach den Stimmen, die einst das Schloss mit Leben erfüllt hatten – dem Lachen seiner Frau, dem Spiel seiner Kinder, dem Gesang der Minnesänger. Eines Tages, als er an seinem Kamin saß und die Flammen ihn nur noch an die Leere erinnerten, erhob sich eine Frauengestalt aus dem Rauch. Es war seine geliebte Gemahlin, in einem Gewand aus Mondlicht und Erinnerung.
Sie sprach mit einer Stimme, die wie das ferne Rauschen der Murg klang: "Mein Geliebter, du bist nicht allein. Wir alle sind hier, gebunden an diesen Ort, bis du Frieden findest. Wir sind die Echo deines Herzens, die Schatten deiner Liebe, die Geister von Eberstein." Und tatsächlich, als der Graf genauer hinsah, konnte er seine Kinder in den Nischen der Mauern erkennen, die Minnesänger im ehemaligen Festsaal, ja sogar die treuen Diener in der Küche – alle als schemenhafte Gestalten, gefangen zwischen den Welten.
Sie waren nicht da, um zu erschrecken, sondern um zu erinnern. Ihre Präsenz war ein sanfter Schmerz, der den Grafen zwang, sich seiner Vergangenheit zu stellen. Er verstand, dass er sie nicht loslassen konnte, solange er sie nicht wirklich akzeptierte. Von diesem Tag an legte er Blumen auf die leeren Betten, sprach mit den unsichtbaren Schatten und lauschte den Melodien, die nur er hören konnte. Er verlor seine Angst und gewann eine seltsame Form des Trostes.
Als der Graf schließlich selbst im hohen Alter starb, legte sich eine tiefe Stille über das Schloss. Doch man sagt, seine Seele habe sich nicht in den Himmel erhoben, sondern sei bei seinen Lieben geblieben.
Epilog
Die Schlossgeister von Eberstein sind bis heute geblieben. Manch ein Besucher, der durch die alten Gemäuer wandert, spürt einen kalten Hauch, hört ein fernes Lachen oder den leisen Klang einer Laute, der aus einem leeren Raum zu kommen scheint. Es sind die Echos jener Seelen, die sich aus Treue zu diesem Ort und zueinander entschieden haben, für immer zu bleiben. Sie erinnern uns daran, dass Liebe und Erinnerung stärker sind als der Tod, und dass die Vergangenheit in den Steinen jener Orte weiterlebt, die wir einst unser Zuhause nanhen. Wer sie wirklich wahrnehmen will, muss nur sein Herz für das unsichtbare Flüstern des alten Schlosses öffnen.
© 28.01.2026 Gerd Groß
