Die Belagerung von Alt-Eberstein

Eine dunkle Sage aus dem Murgtal/Baden-Baden


Der Schatten des Kaisers

Im Jahre des Herrn 938 fiel ein Schatten über die Grafen von Eberstein.
Man flüsterte am Hofe Kaiser Ottos, sie hielten es mit den Feinden des Reiches. Ob Neid oder List die Worte nährte, blieb im Dunkel – doch der Kaiser hörte sie, und sein Ohr war Gesetz.

Nachdem Straßburg gefallen war, zog er mit gewaltiger Heeresmacht in das enge Tal der Murg. Über dem Land erhob sich die Burg Alt-Eberstein, in den Fels gekrallt wie ein Zahn aus Stein, kalt, abweisend, unbeugsam.

Dort sollte das Urteil gesprochen werden.

Die Jahre des Ausharrens

Die Grafen hatten früh Kunde erhalten.
Sie schlossen die Tore, verstärkten Mauern, horteten, was zu horten war. Als die kaiserlichen Scharen den Ring schlossen, begann ein langsamer Krieg, der nicht im Sturm, sondern im Atem der Tage geführt wurde.

Dritthalb Jahre.

Der Rauch der Feuer kroch in jede Ritze.
Der Gestank von Schweiß, Eisen und Krankheit hing schwer über der Burg. Brot wurde dünner, Wein bitterer, und die Gesichter der Knechte hohl. Man hörte nachts das Wimmern Verwundeter, das Murmeln der Gebete, das leise Weinen der Kinder.

Unten im Tal wuchs der Hass.
Oben auf den Zinnen die Müdigkeit.

Doch die Mauern hielten.
Und mit jeder gescheiterten Attacke schien die Burg selbst still zu lachen.

Die List des Kaisers

Als das Schwert versagte, griff der Kaiser zur List.

Eines Morgens war das Tal leer. Die Banner verschwunden. Die Zelte abgebrochen. Bald hieß es, Otto habe den Kampf aufgegeben und lade nach Speier zu einem großen Turnier und ritterlichen Fest. Freies Geleit sei jedem gewährt, der Ehre im Leibe trug.

Die Grafen von Eberstein waren bekannt für ihre Liebe zu solchen Spielen.

Und so verließen sie die Burg.

Das Fest im Kerzenschein

Speier erglänzte im Licht unzähliger Fackeln. Musik hallte durch die Gassen, Harnische funkelten, Stimmen mischten sich zu einem Rauschen wie Brandung.

In den Kampfspielen fiel mancher Ritter in den Sand. Doch der jüngste Graf von Eberstein ritt, als sei ihm das Glück selbst zur Seite gestellt. Er siegte – und empfing den Preis aus der Hand der Kaiserstochter.

Beim Tanz standen sie einander gegenüber.
Kerzen warfen flackernde Schatten über ihr Gesicht. Für einen Augenblick schien der Lärm um sie zu verstummen, als habe die Zeit selbst den Atem angehalten.

Da sprach sie – leise, fast wie ein Hauch zwischen den Takten:

"Herr Graf …
Eure Burg ist in Gefahr.
Zögert Ihr, so ist sie verloren."

Mehr sagte sie nicht.
Doch ihre Augen verrieten, dass diese Worte nicht nur Warnung, sondern Schicksal waren.

Die Heimkehr

Der Graf glaubte ihr.

Noch in derselben Nacht verließen er und seine Brüder die Stadt.

Wie Geister ritten sie durch die Finsternis, die Hufe der Rosse mit Lumpen umwickelt, um das Echo des Verrats zu ersticken. Der Schweiß der Pferde dampfte im kalten Mondlicht, während sie die Pfade des Schwarzwaldes hinaufjagten, getrieben von einer Angst, die schlimmer war als jeder offene Kampf.

Als der Morgen graute, erreichten sie Alt-Eberstein.

Die Burg lag still, ein schlafender Riese, der von der nahenden Flut nichts ahnte. Doch kaum war der Tag erwacht, da wogte das Tal wieder von Eisen und Stimmen.

Der vergebliche Sturm

Von allen Seiten brachen die kaiserlichen Scharen hervor. Sie meinten, eine führungslose Burg vorzufinden.

Stattdessen antwortete der Fels.

Pfeile zischten. Speere krachten. Steine stürzten. Die Angreifer wankten, fielen, schrien. Mehrfach versuchten sie den Sturm – jedes Mal vergebens.

Am Ende bedeckten Leichen das Feld, und das Horn zum Rückzug klang hohl und gedemütigt.

Die Burg lügt

Der Kaiser erschien selbst. Wut flackerte in seinem Blick, als er Gesandte in die Burg schickte.

Man führte sie durch Vorratshäuser, die sich endlos zu dehnen schienen: Mehlberge, Fruchthaufen, Keller voll Fässern. Man schenkte Wein aus, rot und weiß, schwer und süß. Die Burg schwieg.

Man flüstert sich bis heute zu, dass dies der letzte Zauber der Verzweiflung gewesen sei – Wasser hinter Holz, Spreu unter einer Handvoll Korn. Doch in jenem Moment schien es, als verberge der Stein seine Leere wie ein heiliges Geheimnis, das er nur den Seinen offenbarte, um den Feind zu brechen.

Das Ende der Feindschaft

Der Kaiser bot Frieden an.
Und mehr noch: Er bot seine Tochter zur Gemahlin.

Die Grafen von Eberstein nahmen an, denn auch ein Sieg, der zu lange währt, frisst seine Kinder. Die Tore wurden geöffnet, die Banner gesenkt, und aus dem Hass wurde ein Bündnis, besiegelt mit Ring und Eid.

Noch ehe das Jahr verging, wurde die Hochzeit gefeiert.
Lieder hallten durch die Täler, und der Jubel stieg bis an die Zinnen von Alt-Eberstein.

Doch unter dem Klang der Glocken lagen die Toten der dritthalb Jahre.
Sie ruhten namenlos im Tal und im Wald, unter Geröll und feuchter Erde, und kein Gesang vermochte ihr Schweigen zu übertönen. Der Frieden war teuer erkauft – und die Burg, die ihn erzwungen hatte, schwieg nun wieder, wie sie immer geschwiegen hatte.

So blieb Alt-Eberstein stehen, am Rand der Oberrheinischen Tiefebene, mit Blick hinab ins Oos- und Murgtal, im Fels verkrallt zwischen Weite und Abgrund, als Mahnung, dass selbst der glänzendste Bund aus Liebe und Macht auf Blut gegründet sein kann.


© 30.12.2025 Gerd Groß