Der Wächter des Fremersbergs

Ein Märchenthriller über das Licht in der Zeit


Prolog:

Das Fundament des Schweigens Bruder Heinrich baute seine Klause nicht aus Stein allein. Er baute sie aus Stille. In einer Nacht, in der die Sterne vor Kälte zitterten, entzündete er eine einzige Kerze – und mit ihr ein Licht, das dreimal geprüft werden würde: durch die Wildnis, durch das Feuer und durch die Zeit. Wer sein Herz rein trug, würde es leuchten sehen. Wer gierig, unbarmherzig oder grausam war, sollte in Dunkelheit fallen. Heinrich ahnte nicht, dass dieses Licht Jahrhunderte hindurch die Zielscheibe der Finsternis sein würde.

Der erste Sturm:

Das Horn im Nebel (1451) Markgraf Jakob, ein Herrscher gewohnt an Gehorsam und Pracht, verlor auf der Jagd den Pfad. Der Wald verschlang ihn; ein unnatürlicher Nebel, dick wie Wolle und kalt wie das Grab, löschte jede Welt aus. Die Hunde heulten kläglich gegen das namenlose Grauen des Dickichts an. Jakob stieß in sein silbernes Hifthorn – ein gellender Ruf nach Rettung –, doch die Töne ertranken im Schwarz. Und da geschah das Wunder: Ein winziger goldener Punkt durchschnitt den Nebel. Heinrichs Licht. Die Mönche glitten wie lautlose Wächter mit Fackeln durch das Dickicht. Jakob spürte, wie die Stille des Berges ihn umhüllte und wie das Licht ihm eine neue Welt eröffnete. Er rettete nicht nur sein Leben, er band das Schicksal der Herrscher für immer an den Fremersberg. Aus Dankbarkeit verwandelte er die Klause in ein Kloster – ein Bollwerk des Geistes, aber auch ein Ort, an dem die Neider schwer an ihrer Last trugen.

Der zweite Sturm:

Das Duell mit dem Teufel (1689) Jahrhunderte später ritt das Grauen den Berg hinauf. General Mélac, dessen Atem nach verbrannter Erde schmeckte, hielt inne. Das Tal hinter ihm war ein einziges Flammenmeer. Dort oben aber brannte ein Licht, das nicht von seinem Feuer war und doch die Nacht überstrahlte. "Nichts brennt so hell, dass ich es nicht löschen kann!", schwor der Mordbrenner. Er schickte seine Soldaten in den Wald. Doch der Berg erinnerte sich an das Horn des Markgrafen. Die Männer hörten Töne, die von allen Seiten zu kommen schienen; sie sahen Fackeln zwischen Bäumen tanzen, die keine Bäume waren, und hörten Stimmen der Gefallenen, die im Sturm wüteten. Wahnsinnig geworden, irrten sie umher, bis die Dunkelheit sie verschlang. Mélac selbst hob seine Brandfackel – doch das Licht der Mönche war kein Feuer, sondern eine Mauer aus reinem Schweigen. Seine Flamme erlosch, als sei sie in Eiswasser getaucht. Geschlagen zog er sich zurück. Die Klause hatte gesiegt, ohne einen einzigen Schlag zu führen.

Der dritte Sturm:

Die Zehrung der Zeit Das Kloster überdauerte die Jahrhunderte nicht durch Macht oder Schwert, sondern durch das Licht und die Stille selbst. Als der letzte Mönch ging, schien die Welt für einen Herzschlag stillzustehen. Die Mauern wurden abgetragen, Steine geraubt – und doch blieb der Kern unberührt. Wo der Hochaltar stand, entzündete sich das Licht der Ewigkeit erneut, ein unsichtbarer Funke im Riss der Zeit. Ein Fürst setzte ein Kreuz aus hartem Stein auf diesen Punkt – einen Schlussstein gegen das Chaos, ein Monument, das die Jahre überdauern sollte. Das Licht lebte weiter in ihm, unzerstörbar und still, wie Heinrich es einst prophezeit hatte.

Epilog:

Das Echo am Kreuz Wer heute vor dem Steinkreuz auf dem Fremersberg steht, befindet sich im Auge des Sturms. Die Welt ringsum mag in Trümmer gehen, die Flammen vergangener Kriege mögen alles verschlingen – doch hier herrscht das Gesetz des Berges. Wer seine Hand auf den kalten Stein legt, spürt das ferne Echo des Jagdhorns und hört das Fluchen des Mordbrenners, als ob die Zeit selbst erzittern würde. Das Kreuz ist nicht nur ein Denkmal. Es ist der Wächter. Es lehrt, dass das Licht, das aus Treue, Barmherzigkeit und reinem Herzen entzündet wurde, stärker ist als alle Feuer und jede Zerstörung. Ein Licht in der Nacht, das niemals verlöscht.

© 30.12.2025 Gerd Groß