Der Grafensprung
Dunkle Sage von Neu-Eberstein
In neuer Fassung, von Gerd Groß
Prolog
Über den Hügeln des Murgtals, wo die Nebel der Nacht die Wälder wie graue Schleier verhüllen und die Flüsse dunkel im Mondlicht schimmern, ragen die alten Burgen wie stumme Zeugen vergangener Zeiten. Jeder Stein birgt Erinnerung an Ehre, Verrat und Tod. Unter diesen Höhen thront Neu-Eberstein, die Burg der Ebersteiner, steil auf einem Felsvorsprung, der das Tal beherrscht. Hier begann eine Tat, die Mut, Verwegenheit und verzweifelten Einfallsreichtum in einem einzigen Moment vereinte – und in der die Schatten der Geschichte sich dunkel und schwer über das Land legten.
Die Sage
Graf Wolf von Eberstein, stolz, unbändig und ein Meister der Klinge, kannte weder Furcht noch Gnade. Sein Herz brannte für den Ruhm, seine Hand für das Schwert. Doch an diesem Tag, als Graf Eberhard von Württemberg eine Streitmacht zusammenzog, um die Burg zu stürmen, zeigte sich, dass selbst der Kühne an die Grenzen der menschlichen Geschicklichkeit gerät.
Die Tore wurden von Verrat geöffnet. Die Württemberger stürmten ein, und sofort verwandelten sich die Gänge der Burg in ein Inferno. Feuerfunken sprangen von Fackeln, Holzsplitter regneten herab, Schwerter rissen Fleisch und Rüstung, Schreie hallten von den Wänden wider. Freunde fielen unter den Händen der Feinde, Leichen türmten sich, und der Boden war glitschig vom Blut, das durch die Hallen floss wie ein roter Strom.
Wolf kämpfte, ein Mann allein gegen die Masse, seine Augen glühten wie Kohlen im Feuer der Verzweiflung. Immer enger wurde der Kreis, seine Kräfte schwanden, und die Schreie der Gefallenen hallten in seinem Kopf. Doch mitten im Chaos, als die Hoffnung fast erloschen war, stieg eine kühne Idee in ihm auf: eine List, so gefährlich wie sein Herz es verlangte.
Er riss sich los, eilte durch den Rauch in den Stall. Dort wartete sein treues Roß, schweißgetränkt, die Nüstern glühend, die Augen wild. Wolf sattelte rasch, fühlte das Herz im Halse schlagen, hörte die Schreie und das Hufgeklapper der Feinde hinter sich. Er stieg auf, seine Rüstung klirrte, das Schwert in der Hand bereit, und führte das Tier aus dem Stall.
Der Sprung ins Unmögliche
Wolf riss die Zügel herum und zwang das schäumende Roß bis an den äußersten Saum des Abgrunds. Dort, wo der nackte Fels jäh abbrach und nichts als die gähnende Leere der Tiefe wartete, hielt er inne.
Die Welt schien den Atem anzuhalten.
Die Minuten dehnten sich, wurden zäh wie Pech, während die Zeit selbst zu erstarren schien. Unter ihm grollte die Murg – ein hungriges, dunkles Tier, das nach seinem Leben lechzte. Die Gischt sprühte wie feiner Staub in die Höhe, kalt und unnachgiebig. Hinter ihm hallte das hasserfüllte Geschrei der Württemberger, das Klirren von Eisen auf Stein, das immer näher rückte – doch hier, an der Kante, herrschte eine grabesähnliche Stille.
Jeder Atemzug des Grafen wog nun schwer wie Blei, jeder Schlag seines Herzens dröhnte wie ein dumpfer Hammerschlag gegen seine Rippen. Er spürte das Zittern der Flanken seines Pferdes, das instinktiv vor der Leere zurückwich, die Nüstern weit aufgerissen vor Todesangst.
Unten im Tal, am Fuße des Felsens, erstarrten die Belagerer. Die Gesichter der Soldaten wurden zu bleichen Punkten im Schatten des Berges. Sie starrten hinauf, unfähig zu begreifen, dass ein Mensch den Wahnsinn wählen würde, um der Schande zu entgehen. Die Luft war geladen mit einer Elektrizität, die die Haut prickeln ließ.
Wolf blickte hinab. Er sah nicht mehr den Tod; er sah die einzige Pforte zur Freiheit, die ihm geblieben war. In seinem Inneren tobte ein Sturm aus Verzweiflung und unbändigem Stolz, bis sich alles in einem einzigen, alles verzehrenden Entschluss entlud. Er richtete sich im Sattel auf, die Augen flammend wie zwei Sonnen in der Finsternis.
Mit einer Stimme, die das Tosen des Wassers und das Schreien der Feinde übertönte, stieß er sein letztes Urteil in den Himmel:
»Gott befohlen!«
Der Sprung war vollführt. Das Pferd trug den Reiter durch die Luft, wie von unsichtbarer Hand geleitet, und die Murg verschlang das Echo seines kühnen "Gott befohlen!". Die Feinde starrten fassungslos; der Boden unter ihnen erzitterte wie das Herz der Burg selbst, als wollte die Erde den Mut des Grafen ewig gedenken.
Der innere Kampf
Noch lange danach hallte der Sprung in Wolfs Gedanken nach. Der Triumph über den Tod, die Schuld an den Gefallenen, das Blut auf dem Stein – all dies mischte sich mit dem Wissen um seine Tapferkeit. Mut und Verwegenheit hatten ihn gerettet, doch die Schatten der Burg, die Schreie der Gefallenen, würden nie von seinem Geist weichen.
Epilog
Neu-Eberstein stand wieder, fest und stolz, doch die Erinnerung an Blut und Verrat lag wie ein dunkler Schleier über den Hallen. Graf Wolf von Eberstein wurde zu einer Legende, deren Ruf sowohl Bewunderung als auch Mahnung barg: Wer Mut und Wagemut besitzt, kann große Taten vollbringen – doch jeder Sprung, jedes Abenteuer trägt den Schatten von Tod und Verrat in sich.
Und so spricht die Sage noch heute zwischen den Felsen des Murgtals: Mut und Kühnheit führen zum Ruhm, doch die Tiefe des Sprungs mahnt, dass jede Tat ihren Preis hat.
© 01.01.2026 Gerd Groß
