Der Glaswaldsee – Das blaue Auge
(Dunkle Sage aus dem Wolftal, nach Heinrich Hansjakob)
Prolog
Hoch oben im Wolftal, dort, wo sich die Gemarkungen von Schapbach und Bad Peterstal berühren, liegt ein Wasser, das kein Wind bewegt.
Auf 839 Metern über dem Meeresspiegel ruht der Glaswaldsee am südöstlichen Hang der Lettstädter Höhe, die sich mit ihren 966 Metern dunkel über ihn erhebt. Tief eingesunken in den Buntsandstein, wie von uralter Hand aus dem Berg geschlagen, liegt er da – reglos, schwer, unbeirrbar.
Die Alten sagten, ein Gletscher habe ihn geformt.
Andere nannten ihn das blaue Auge des Berges.
Wer lange genug in dieses Wasser blickt, dem ist, als blicke etwas zurück. Nicht feindselig – aber wach. Heinrich Hansjakob schrieb, der See liege da wie ein Stück Ewigkeit: düster, melancholisch, voll schweigender Gedanken. Und niemand im Tal zweifelte daran, dass in dieser Tiefe Wesen lebten, die nicht ganz zur Welt der Menschen gehörten.
Das Wesen aus der Tiefe
In früheren Zeiten hausten im Glaswaldsee die Seemännlein.
Man beschrieb sie als klein, von menschlicher Gestalt – doch keiner, der ihnen je begegnet war, konnte später genau sagen, wie sie wirklich aussahen. Etwas an ihnen blieb stets verschwommen, als gehörten sie mehr zum Wasser als zur Luft. Wo ihre Gestalt endete, begann das Dunkel des Sees, und manchmal schien es, als löse sich ihr Leib dort auf, wo andere Füße gehabt hätten.
Wer ihnen zu lange ins Gesicht blickte, erinnerte sich später nur an Kälte.
Und an Augen, die nicht blinkten.
Eines dieser Wesen verließ den See immer wieder.
Es stieg hinab zum Seebenhof, eine Viertelstunde unterhalb des Wassers gelegen, und machte den Hof zu seiner zweiten Heimat.
Der Hof
Noch vor Sonnenaufgang klopfte es an die Fenster – leise, beharrlich.
Das Seemännlein weckte die Leute und blieb den ganzen Tag. Es arbeitete schweigend, rastlos, mit einer Sorgfalt, die beinahe beunruhigte. Das Vieh gedieh wie verzaubert, die Kühe glänzten, das Heu trocknete schneller als anderswo, und kein Tier verirrte sich je.
Doch seine Hilfe kannte ein Gesetz.
Wollte man ihm eine Arbeit auftragen, musste man sprechen:
"Nicht zu wenig und nicht zu viel."
Wurde diese Formel vergessen, geschah Seltsames.
Tat es zu wenig, blieb die Arbeit halbfertig, als habe eine unsichtbare Hand sie bewusst aufgegeben. Tat es zu viel, arbeitete es mit einer Wildheit, die Angst machte – mähte, bis die Wiesen kahl waren, melkte, bis das Vieh erschöpft zusammenbrach, hackte Holz, bis der Hof unter Splittern versank.
Das Maß war sein Gesetz.
Und wer es missachtete, zahlte.
Unter der Treppe
Dreimal täglich stellte man dem Männlein Essen unter die Treppe. Dort saß es allein im Halbdunkel und aß schweigend. Niemand durfte zusehen.
Sein Anzug war alt und zerschlissen, der Schlapphut ausgefranst, die Jacke zerrissen. Doch wehe dem, der ihm neue Kleidung anbieten wollte – stets wehrte es ab, mit einem Blick, der kalt war wie das Wasser des Sees.
Bis der Bauer eines Winters glaubte, es besser zu wissen.
Aus Dankbarkeit ließ er ein neues Röcklein nähen, schlicht und warm, und legte es dem Männlein hin.
Da richtete sich das Wesen langsam auf.
Und in diesem Augenblick war es, als sei das Haus für einen Herzschlag näher an den See gerückt.
Seine Stimme klang tiefer als zuvor, gedämpft, wie aus großer Ferne:
"Wenn man ausbezahlt wird, muss man gehen.
Von morgen an komme ich nicht mehr zu euch."
So sehr der Bauer auch beschwor, es sei kein Lohn, nur ein Geschenk –
das Wort war gesprochen.
Und was aus der Tiefe kommt, nimmt Gesagtes ernster als Bitten.
Der Zorn
Doch die Undankbarkeit ist ein schleichendes Gift.
Eine Magd, deren Herz hart war wie der Buntsandstein des Berges, blickte seit Langem missgünstig auf das fremde Wesen. Sie sah, wie der Bauer ihm Achtung schenkte, wie der Hof unter seiner Hand gedieh – und in ihr wuchs eine dunkle, namenlose Abwehr.
In jener letzten Nacht, als das Männlein schweigend sein Urteil erwartete, blieb die Schale unter der Treppe leer.
Kein Brot.
Kein Trunk.
Nur die hohle Finsternis des Hauses.
Das Wesen stand lange dort.
Dann wandte es sich ab.
Das Verschwinden
Am nächsten Morgen war die Magd fort.
Kein Schrei war durch die Dielen gedrungen, kein Kampf hatte den Schlaf der Knechte gestört.
Nur eine feuchte Spur aus Schlamm und Algen zog sich von ihrer Kammer hinaus in die Nacht, den Berg hinauf –
bis sie im schwarzen Spiegel des Glaswaldsees verloren ging.
Das Seemännlein kehrte nie wieder zurück.
Epilog
Noch heute liegt der Glaswaldsee still am Hang der Lettstädter Höhe, über dem Wolftal. Selbst an heißen Tagen bleibt die Luft dort kühl, und das Vieh meidet die Ufer. Wer lange genug in das blaue Wasser blickt, meint manchmal, dass etwas in der Tiefe langsam zieht – nicht aus Zorn, sondern aus Erinnerung.
Der See gibt viel.
Doch er verlangt Maß.
Und wer vergisst, dass jede Gabe aus der Tiefe ihren Preis kennt,
dem wird das blaue Auge des Berges nicht verzeihen.
© 30.12.2025 Gerd Groß
