Der Eid am reißenden Wasser

Die Sage vom Murgschiffer und dem Flusskönig


Prolog

Die Murg, das wilde Herz des Schwarzwaldes, hat seit jeher die Schicksale der Menschen in ihren Tälern geformt. Ihre Wasser rauschen nicht nur über Steine; sie flüstern Geschichten von Mut und Verzweiflung, von Reichtum und Ruin. Besonders in den Zeiten, als die gewaltigen Holzstämme des Waldes auf ihren Fluten gen Rhein tanzten, entstanden Legenden, die tiefer waren als die tückischsten Gumpen des Flusses. Und keine dieser Legenden ist so dunkel und eindringlich wie die vom Murgschiffer und dem unheilvollen Pakt, den er mit dem Herrn der Fluten schloss.

Die Sage

In einem kleinen Weiler am Ufer der Murg lebte einst ein Flößer namens Hannes. Er war jung, stark und gefürchtet für seinen Übermut. Während andere Flößer die Murg mit Respekt und Vorsicht behandelten, neckte Hannes sie, lachte den Stromschnellen ins Gesicht und manövrierte seine gewaltigen Holzflöße mit einer Tollkühnheit, die an Wahnsinn grenzte. Doch er war auch arm, und sein Herz gierte nach dem schnellen Reichtum, der den Fluss bezwingen konnte.

Eines Herbstes, als die Murg von tagelangen Regenfällen zu einem reißenden Ungeheuer angeschwollen war und ihr Brüllen bis in die letzten Winkel des Tales drang, wagte sich Hannes allein hinaus. Ein wertvolles Floß voller edlem Tannenholz drohte in den Strudeln vor Gernsbach zu zerschellen. Als die Dämmerung hereinbrach und der Nebel wie eine geisterhafte Hand über das Wasser griff, kämpfte Hannes verzweifelt gegen die tobende Flut. Plötzlich, in einer unheimlichen Windstille mitten im Sturm, hob sich aus den Gischtkronen ein Haupt, das von Algen und Wasserlilien umkränzt war. Zwei Augen, so alt und tief wie die Murg selbst, blickten Hannes an. Es war der Flusskönig, der Herr über alle Gumpen und Strudel.

"Du bist tollkühn, Murgschiffer", grollte die Stimme des Geistes, die wie rollende Kieselsteine und brechendes Eis klang. "Doch deine Kraft wird dir nichts nützen. Ich kann dir geben, was du begehrst: ewigen Reichtum, sichere Fahrt und das Schweigen meiner Strudel. Nenne deinen Preis." Hannes' Herz pochte vor Gier. "Sichere Fahrt für mein Holz", keuchte er, "und meine Taschen sollen sich füllen wie der Fluss nach dem Regen!" Der Flusskönig nickte langsam, und das Wasser um ihn herum beruhigte sich für einen Augenblick. "Dann sei es so", sprach er. "Doch wisse: Jedes Mal, wenn du unverdienten Gewinn erntest, wenn du meine Strudel missachtest und denkst, du seist ihr Meister, wird ein Teil deines Herzens kalt werden. Und am Ende… am Ende gehörst du mir."

Hannes schlug den Handel ein. Fortan fuhr er seine Flöße mit unerklärlicher Leichtigkeit. Das Holz verfing sich nicht, die Strudel trugen ihn, statt ihn zu verschlingen, und sein Reichtum wuchs ins Unermessliche. Er baute ein großes Haus, trug feine Kleider und lachte über die Mühen seiner früheren Kameraden. Doch mit jedem Goldstück, das er zählte, wurde ein Teil seines Inneren tatsächlich kälter. Er hörte auf, das Rauschen des Wassers als Lied zu verstehen, sah die Bäume nur noch als Holz und die Menschen als Mittel zum Zweck. Die Freude, die er einst beim Tanz mit der Murg empfunden hatte, wich einer leeren Überheblichkeit.

Eines Tages, als ein anderer Flößer in den tückischen Strudeln vor der Teufelsmühle in Not geriet, hörte Hannes dessen Hilferufe. Doch sein Herz, verhärtet vom Pakt, blieb stumm. Er sah weg und fuhr vorbei. In diesem Moment, so erzählt die Sage, hob sich der Flusskönig ein letztes Mal aus den Fluten. Sein Antlitz war voller Enttäuschung. "Der Pakt ist erfüllt", sprach er. "Dein Herz ist nun ganz aus Stein. Du hast den wahren Schatz der Murg, das Mitgefühl, verkauft."

Im selben Augenblick löste sich Hannes' Floß auf. Die Stämme wirbelten auseinander, und er selbst wurde in die reißende Murg gezogen. Sein Schrei ging im Tosen des Wassers unter. Man fand seine Leiche nie.

Epilog

Bis heute erzählen sich die alten Flößer an der Murg diese Geschichte. Wenn der Nebel über dem Fluss steht und das Wasser unheilvoll gluckert, kann man manchmal ein fernes, klagendes Geräusch hören. Es ist die Murg, die den Verlust ihres furchtlosen, einst so lebendigen Sohnes beweint. Die Sage vom Murgschiffer und dem Flusskönig ist eine Warnung: Die Natur gibt reichlich, doch sie fordert auch ihren Respekt. Und der wahre Schatz liegt nicht im Gold, das wir dem Land entreißen, sondern in der Wärme des Herzens, die uns mit unseren Mitmenschen und der belebten Welt verbindet. Wer die Murg achtet, wird von ihr getragen; wer sie herausfordert und ihre Gaben missbraucht, wird von ihr verschlungen.

© 29.01.2026 Gerd Groß