Das Totenmal von Neuwindeck

Ein Schauer-Thriller über Gier und Vergänglichkeit


Prolog: Der Ruf der Ruine

Man flüsterte sich in den Schankstuben von Bühl und Achern dunkle Dinge über die Burg Lauf zu. Man nannte sie ein Nest der Schatten, einen Ort, den man besser dem Verfall überließ. Doch Kurt von Stein lachte über dieses Bauerngefasel. Sein Herz kannte keine Furcht, doch sein Beutel kannte die Leere. Gejagt von Gläubigern und gequält von dem Hunger nach einem Stand, den er sich nicht mehr leisten konnte, sah er in den fernen Mauern von Neuwindeck kein Grab, sondern eine Chance. Wo andere Gespenster vermuteten, witterte er vergessenes Gold. Ein kaltes Licht schien aus den Ruinen zu blinken, als rufe es ihn, und Kurt fühlte ein seltsam Ziehen in der Brust – eine Mischung aus Furcht und Verlockung.

Kapitel I: Die Herrin des Lichts

Als Kurt das Burgtor passierte, fand er keine Ruine vor. Zu seinem Staunen waren die Wege gefegt, und aus den hohen Fenstern drang ein warmes, einladendes Leuchten. Die Angst, die ihn kurz beschlichen hatte, wich einer wohligen Erwartung.

Im Rittersaal empfing ihn Bertha. Ihr Haar war wie flüssiger Onyx, ihre Haut glatt wie Elfenbein, und ihre Augen besaßen eine Tiefe, die den Verstand zu verschlingen drohte. Sie trug ein Kleid aus schwerer Seide, das bei jeder Bewegung leise raschelte und einen Hauch von Jasmin verströmte.

Mit Anmut reichte sie ihm einen Kristallkelch. Der Wein war dunkelrot, schwer, und seine Süße ließ ihn das kühle Herz der Nacht vergessen. Jedes Glas löschte ein Stück seiner Vorsicht aus. Berthas Blick, mehr Versprechen als Worte, band ihn in ein Netz aus Sehnsucht und Erwartung.

Kapitel II: Die Gier nach dem Erbe

"Ich bin die letzte meines Stammes", flüsterte sie, und ihr Zeigen auf die dunklen Wälder, die Dörfer und die versteckten Keller wirkte wie ein Bann. "Alles hier wartet auf einen Herrn, der mutig genug ist, es an meiner Seite zu führen."

Kurts Verstand taumelte. Sein Herz brannte, sein Blick glühte wie geschmolzenes Metall. Er sah sich schon als Herr von Neuwindeck, befreit von Schulden, bewundert von allen. Berthas Liebreiz und das versprochene Erbe verschmolzen zu einem einzigen, brennenden Verlangen. Er griff nach ihrer Hand – zart, warm – und schwor, dass dieses Weib und ihr Gold noch vor Sonnenaufgang sein würden.

Kapitel III: Die Ausgeburt der Schatten

Bertha neigte das Haupt, und ein Kränzlein aus Rosmarin schimmerte in ihrem Haar. Sie winkte ihm, ihr in die Tiefe der Burg zu folgen. Kurt gehorchte, berauscht, doch die Gänge begannen zu flüstern und die Schatten lösten sich von den Wänden.

Aus den langen Schatten traten zwei Greise, gezeichnet von grenzenloser Gier. Sie waren wie Spiegelbilder dessen, was Kurt in seinen dunkelsten Träumen fürchtete zu werden. Sie nahmen ihn in die Mitte; der Griff fühlte sich tonnenschwer an, ein eisiger Sog an seinem Lebensmut.

Die Kapelle war erfüllt von Kerzenlicht, doch ihr Glühen war kalt und violett, fast lebendig. Vor dem Altar lag die bronzene Gestalt des Bischofs. Als Bertha das Metall berührte, geschah das Unaussprechliche: Die Augen öffneten sich, und darin lag kein Leben, nur gähnende Leere.

"Kurt von Stein", dröhnte eine Stimme, die direkt in seinem Schädel widerhallte, "willst du dieses Erbe antreten? Willst du die Ewigkeit gegen die Jugend eintauschen?"

Kapitel IV: Das wahre Gesicht der Gier

"Ja", krächzte Kurt. Das Wort fühlte sich an wie scharfer Stein in seinem Hals.

In dem Moment riss der Schleier. Berthas Gesicht begann sich zu verändern: Schatten flossen über ihre Züge, ihre Augen wurden tiefe, schwarze Seen, das Haar schien sich zu winden. Das Seidenkleid zerfiel zu Staub, und die Greise an seiner Seite kicherten gehässig – das Geräusch wie das Klappern von Würfeln auf einem Sargdeckel.

Der Geruch von Jasmin schlug um in den bestialischen Atem von Verfall und Tod. Der Bischof hob seine Hand, nun aus blassem Knochen, und besiegelte den Pakt. Kurt erkannte: Das Erbe war kein Besitz, sondern ein Urteil. Wer die Gier nicht besiegt, wird ein Teil der Schatten der Burg.

Ein Schrei stieg auf, doch der Hahnschrei vom fernen Hof durchbrach die Stille wie ein göttlicher Blitz. Die Geisterwelt kreischte auf, und eine eiskalte Windsbraut fegte durch die Kapelle.

Epilog: Das Mal der Geisterstunde

Kurt erwachte im hohen Gras des Burghofes. Die Sonne brannte auf sein Gesicht, das Ross schnaufte beruhigend neben ihm. Die Burg war nur noch Ruine aus grauem Stein. Sein Beutel war leer, seine Jugend verschwunden.

Doch im Spiegelbild des Flusses sah er, dass etwas von den Schatten in ihm verblieben war: tiefe Furchen, schneeweiße Schläfen. Seit diesem Tag rührte er keinen Wein mehr an und blickte nie wieder eine schöne Frau an, ohne das Auge des Todes in ihr zu erahnen.

Die Sage erzählt noch heute: Wer das Burggelände bei Dämmerung betritt, hört den fernen Ruf des Hahns und das Flüstern der Schatten. Das Erbe der Burg ist nicht Gold – es ist der Preis der Gier und das unerschütterliche Echo der Ewigkeit.

© 30.12.2025 Gerd Groß