Das steinerne Herz

Die Sage von der Erzgrube am Gernsberg


Prolog

Tief im Leib des Gernsbergs, dort, wo das Tageslicht nur noch eine ferne Erinnerung ist, schlägt das kalte Herz des Berges. In den dunklen Gängen der Erzgruben suchten die Männer von Gernsbach nach dem roten Eisen und dem glänzenden Silber. Doch der Berg gibt seine Schätze nicht ohne Preis. Man erzählt sich, dass in den tiefsten Schächten nicht nur Erze lagern, sondern auch die Träume und Begierden jener, die sich zu weit in die Finsternis wagten.

Die Sage

Es war einmal ein junger Bergmann, dessen Ehrgeiz so groß war wie die tiefste Kluft im Gestein. Während die anderen Bergleute mit dem kargen Lohn zufrieden waren, gierte er nach dem "Großen Fund" – jener Ader, die einen Mann für immer von der Arbeit befreien sollte. Er grub tiefer als alle anderen, oft bis weit in die Nacht hinein, wenn die Grube bereits von den Schatten der Ahnen bevölkert war.

Eines Nachts, als sein Kienspan nur noch schwach flackerte, stieß seine Hacke auf einen Widerstand, der nicht nach Stein klang, sondern wie das Singen von feinem Glas. Er schlug ein Loch in die Wand und blickte in eine Kammer, die von einem sanften, pulsierenden Licht erfüllt war. Dort, inmitten von Kristallen, die wie erstarrte Sterne funkelten, saß ein kleines Männlein mit einer Haut so grau wie der Granit und Augen wie brennende Kohlen – der Berggeist des Gernsbergs.

"Du suchst das Gold, das niemals vergeht?", fragte der Geist mit einer Stimme, die wie mahlende Kieselsteine klang. Er hielt dem Bergmann einen Brocken Erz hin, der so rein war, dass er im Dunkeln leuchtete. "Ich gebe es dir. Doch wisse: Wer den Schatz des Berges hebt, dessen Herz muss so fest sein wie der Fels selbst. Jede Gier wird hier unten zu Stein."

Der Bergmann, geblendet vom Glanz, griff hastig zu. Er füllte seine Taschen und fühlte sich bereits wie ein König. Doch als er den Rückweg antreten wollte, merkte er, wie seine Glieder schwer wurden. Jeder Schritt kostete ihn ungeheure Kraft. Die Schätze in seinen Taschen schienen mit jedem Herzschlag schwerer zu werden, als wollten sie zurück in den Schoß der Erde. Er begriff, dass der Geist ihn gewarnt hatte: Nicht der Berg hielt ihn fest, sondern sein eigener Unverstand, der nicht loslassen konnte. In einem Moment höchster Not, als der Stollen um ihn herum zu beben begann, warf er das Erz von sich und gewann so die Freiheit seiner Schritte zurück. Er entkam dem Berg mit nichts als seinem nackten Leben, doch seine Seele war leichter als je zuvor.

Epilog

Die Eingänge zur alten Erzgrube sind heute längst verfallen und von Brombeerranken überwuchert. Doch wer am Hang des Gernsbergs sein Ohr auf den Boden legt, kann manchmal noch das ferne Klopfen der Hämmer hören. Es ist die Erinnerung daran, dass der wahre Reichtum nicht im Besitz liegt, den wir dem Berg entreißen, sondern in der Wandlung, die wir erfahren, wenn wir lernen, das Schwere loszulassen. Der Gernsberg hütet seine Schätze noch immer – doch er gibt sie nur jenen preis, deren Herz leicht genug ist, um den Weg zurück ins Licht zu finden.

© 28.01.2026 Gerd Groß