Das Opfer der Markgräfin
Die Sage vom Schutz über Hohenbaden
Die Sage Hohenbaden neu gefasst
Prolog
Es war ein dunkles Jahrhundert, als der Atem des Todes über das Land Baden zog. Die Welt schien aus den Fugen geraten; die Seuche, die man die Pest nannte, riss nicht nur Körper entzwei, sondern vergiftete auch die Seelen der Überlebenden. Liebe wurde zu Misstrauen, und Pflicht zu purer Angst. Doch hoch über den verzweifelten Schreien des Tals, auf den stolzen Zinnen von Schloss Hohenbaden, wachte eine Frau, deren Glaube so unerschütterlich war wie der Fels, auf dem ihre Burg ruhte.
Die Sage
Die Markgräfin von Baden blickte mit blutendem Herzen auf ihr sterbendes Land hinab. Obgleich die dicken Mauern ihrer Festung die Krankheit bisher ferngehalten hatten, konnte sie den Qualen ihres Volkes nicht entfliehen. Tag für Tag stieg sie hinauf auf die höchste Zinne, dorthin, wo der Wind des Schwarzwaldes am reinsten weht und man dem Himmel ein Stück näher zu sein scheint. An ihrer Seite spielten ihre beiden Kinder, ein Sohn und eine Tochter, noch unwissend über die Schatten, die die Welt unter ihnen verschlangen.
Eines Abends, als die Kinder im sanften Licht der Dämmerung in einen tiefen Schlaf gesunken waren, sank die Markgräfin auf die Knie. Ihr Gebet war kein bloßes Flüstern; es war ein Ringen mit dem Schicksal. "Nimm alles, was ich besitze", flehte sie, während Tränen ihre Wangen netzten, "doch halt den Würgengel auf! Ich opfere dir mein Liebstes, wenn du mein Land errettest."
In diesem Moment der vollkommenen Hingabe riss der Himmel über Hohenbaden auf. Die Markgräfin sah in einer heiligen Vision, wie eine monströse Gestalt auf schwarz-glühenden Wolken – der Geist der Pest – vor einer herannahenden Lichtgestalt zurückwich. Inmitten einer himmlischen Glorie erschien die Gottesmutter. Ihr Blick war von unendlicher Milde erfüllt. Mit einer Hand schützte sie die Burg und ihre schlafenden Kinder, mit der anderen deutete sie weit über die Hügel hinweg auf das ferne Kloster Lichtenthal.
Als die Erscheinung verblasste, erfüllte eine tiefe Ruhe die Zinnen. Die Markgräfin wusste: Das Opfer war angenommen worden. Tatsächlich wich die Seuche binnen kurzer Zeit aus den Gassen Badens zurück. Das Land atmete auf, das Leben kehrte zurück. Doch die Fürstin vergaß ihr Versprechen nicht. Schweren Herzens, aber erfüllt von tiefer Dankbarkeit, führte sie ihr Töchterlein später zum Kloster Lichtenthal, um es dort Gott zu weihen – ein lebendiges Denkmal für die Rettung eines ganzen Landes.
Epilog
Die Ruinen von Hohenbaden stehen noch heute als stumme Zeugen dieses heiligen Bundes. Wenn man oben auf den zerfallenen Mauern steht und den Blick über die Rheinebene schweifen lässt, kann man die Kraft jenes Gebetes noch immer spüren. Die Sage erinnert uns daran, dass wahre Führung bedeutet, das Leid der anderen als das eigene zu empfinden, und dass aus einem schmerzhaften Opfer ein ewiger Schutz für viele erwachsen kann. Der Segen der Lichtgestalt liegt noch immer auf den Steinen der Burg, die dem Tod trotzte.
© 29.01.2026 Gerd Groß
