Das Lied des verborgenen Wassers

Die Sage vom Wachtelbrunnen


Prolog

Hoch oben am Gernsberg, wo die Pfade schmaler werden und die Luft den würzigen Duft von Farn und feuchter Erde trägt, verbirgt sich ein Ort der Stille. Es ist ein Brunnen, schlicht und doch von einer geheimnisvollen Aura umgeben. Man sagt, sein Wasser entspringe direkt den Tränen der Erde, und wer daraus trinkt, dessen Seele wird für einen Moment so hell und wachsam wie das Auge einer Wachtel. Doch die Geschichte seiner Entstehung beginnt in einer Zeit, als die Hoffnung am Gernsberg fast versiegt war.

Die Sage

Vor vielen Menschenaltern herrschte eine bittere Not am Gernsberg. Ein heißer Sommer hatte die Quellen versiegen lassen, und das Vieh sowie die Hirten litten unter brennendem Durst. Unter ihnen war ein junger Schäfer, dessen Herz so schwer war wie die ausgetrockneten Schollen der Erde. Er hatte alles verloren, was ihm lieb war, und sein Geist drohte in der Öde der Einsamkeit zu verkümmern.

Eines Abends, als die Sonne das Tal in ein blutrotes Licht tauchte, sah er eine kleine Wachtel, die mit mattem Flügelschlag vor ihm im Staub landete. Das Tier wirkte erschöpft, fast leblos. Aus einem Impuls tiefen Mitleids heraus – dem ersten Gefühl, das seine steinerne Brust seit Jahren durchbrach – öffnete der Schäfer seine fast leere Feldflasche und gab dem Vogel den letzten kostbaren Tropfen seines Wassers.

In diesem Augenblick geschah das Wunder. Die Wachtel richtete sich auf, ihre Federn schimmerten plötzlich wie geschliffener Achat, und sie begann ein Lied zu singen, das so klar und flüssig klang wie fallendes Wasser. Sie flatterte ein Stück den Hang hinauf und pickte mit ihrem Schnabel dreimal gegen einen unscheinbaren, moosigen Stein.

Ein dumpfes Grollen antwortete aus der Tiefe des Berges. Mit einem Mal barst der Fels, und ein Strahl kristallklaren Wassers schoss hervor. Es war keine gewöhnliche Quelle; das Wasser sang denselben Ton wie die Wachtel. Der Schäfer trank, und mit jedem Schluck fühlte er, wie die Enge in seinem Inneren wich. Er gewann seine Freude zurück, seine Sinne schärften sich, und die Welt um ihn herum erstrahlte in Farben, die er nie zuvor wahrgenommen hatte. Er baute eine steinerne Fassung um die Quelle, um das Geschenk des Berges zu ehren.

Epilog

Der Wachtelbrunnen steht noch heute am Gernsberg als ein Symbol für die Macht der kleinen Gesten. Er lehrt uns, dass wir oft das finden, was wir am dringendsten brauchen, wenn wir bereit sind, unser Letztes zu geben. Die Wachtel ist längst fortgeflogen, doch ihr Lied lebt im Plätschern des Wassers weiter. Wer heute dort rastet und dem sanften Glucksen lauscht, wird daran erinnert, dass die Seele – genau wie die Erde – nur darauf wartet, durch einen Funken Mitgefühl wieder zum Blühen gebracht zu werden.

© 28.01.2026 Gerd Groß