Das Lied der Einsamkeit
Die Sage der Pfeifer-Lies
Prolog
Manchmal ist ein Talent kein Segen, sondern eine Bürde, die einen Menschen von der Welt trennt. In den Gassen des alten Gernsbach erzählte man sich vor langer Zeit von einem Mädchen, dessen Seele nicht in die engen Stuben und strengen Regeln der Stadt passte. Ihr Name war Lies, doch die Welt kannte sie nur als die Pfeifer-Lies. Sie war eine Wanderin zwischen den Welten, deren Schicksal so flüchtig war wie der Ton ihrer Flöte im Herbstwind.
Die Sage
Lies war anders als die anderen Mädchen im Tal. Während diese das Spinnen und Weben lernten, lauschte sie dem Flüstern der Murg und dem Knacken der Äste im Schwarzwald. Sie besaß eine einfache Flöte aus Holunderholz, doch wenn sie die Lippen an das Holz setzte, geschah etwas Magisches: Die Vögel verstummten, um ihr zuzuhören, und selbst der ungestüme Wind schien den Atem anzuhalten.
Doch die Menschen fürchteten, was sie nicht verstanden. Ihr Spiel war ihnen zu wild, zu frei, zu fremd. Man nannte sie eine Sonderlingin, eine Unglücksbotein. Als eine schwere Dürre das Tal heimsuchte und die Ernte auf den Feldern verdorrte, suchten die Gernsbacher nach einem Schuldigen. Ihr Zorn richtete sich gegen das Mädchen, das oben am Waldrand saß und Melodien spielte, die nach fernen Ländern und verlorener Zeit klangen.
Anstatt sich dem Hass zu beugen, floh Lies tiefer in die Wildnis. Sie stieg hinauf zu den schroffen Felsen, dorthin, wo nur noch die Adler kreisten. Dort oben, hoch über den Dächern von Gernsbach, setzte sie sich auf einen Felsvorsprung. In dieser Nacht war ihr Spiel anders als je zuvor. Es war kein bloßes Lied mehr; es war ein Gebet, ein Weinen und ein triumphaler Schrei zugleich. Sie spielte gegen die Einsamkeit an, gegen den Verlust ihrer Heimat und für den Gewinn ihrer Freiheit.
Die Legende besagt, dass ihr Flötenspiel so rein und schmerzlich schön wurde, dass der Himmel selbst Mitleid empfand. Ein silberner Nebel stieg aus der Murg auf und hüllte die Felsen ein. Als der Nebel sich lichtete, war die Pfeifer-Lies verschwunden. Nur ihre Melodie blieb zurück, eingefroren in der Zeit. Man sagt, sie sei nicht gestorben, sondern in den Klang ihrer eigenen Musik übergegangen, um für immer ein Teil des Windes zu werden, der durch das Murgtal weht.
Epilog
Wer heute den Sagenweg wandert und am Felsen der Pfeifer-Lies verweilt, sollte einen Moment innehalten und dem Rauschen der Bäume lauschen. Wenn der Wind aus einer bestimmten Richtung kommt, kann man zwischen den Blättern einen hohen, klaren Ton vernehmen, der nicht von einem Vogel stammt. Es ist das Erbe eines Mädchens, das lieber im Klang der Unendlichkeit verschwand, als sich der Enge der Welt zu beugen. Die Pfeifer-Lies erinnert uns daran, dass unsere wahre Identität oft dort liegt, wo wir den Mut haben, unsere eigene, einzigartige Melodie zu spielen – egal, wer uns zuhört.
© 28.01.2026 Gerd Groß
