Das Echo der zwei Kanzeln
Engels- und Teufelskanzel
Die Entstehung der Murginsel
Prolog
Es gibt Orte, an denen die Erde die Erinnerung an einen gewaltigen Streit bewahrt hat. Über den tiefen Schluchten der Murg, wo der Wald so dicht steht, dass das Licht nur wie flüssiges Gold durch die Blätter bricht, ragen zwei Felsen empor. Sie stehen sich gegenüber wie zwei erstarrte Wächter einer vergessenen Zeit. Man erzählt sich, dass hier einst das Schicksal der Menschenseelen auf einer unsichtbaren Waage lag, gewogen zwischen dem verführerischen Flüstern der Tiefe und dem klaren Ruf der Höhe.
Die Sage
In einer Zeit, als die Menschen im Tal das Staunen verlernt hatten und ihre Herzen schwer wurden wie der Granit der Berge, suchte die Finsternis ihren Weg an die Oberfläche. Auf dem zerklüfteten Gipfel der Teufelskanzel erschien eine Gestalt, deren Antlitz so wechselhaft war wie der Schattenwurf der Wolken. Er kam nicht mit Schwefel und Gestank, sondern mit der Eleganz eines gefallenen Fürsten.
Seine Predigt war ein Lied aus Samt und Seide. Er versprach den Talbewohnern eine Welt ohne Mühe, ein Leben ohne Tränen und eine berauschende Vergessenheit. Viele im Tal hielten inne, ließen die Sensen sinken und blickten mit sehnsüchtigen Augen hinauf zum dunklen Felsen, bereit, ihr Selbst für ein Versprechen aus Trug und Schein aufzugeben. Doch im selben Augenblick entzündete sich auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses ein Licht, das nicht von dieser Sonne stammte. Auf der Engelskanzel materialisierte sich ein Wesen, dessen Gewand aus dem reinsten Weiß der Wintermorgen gewebt schien.
Es begann ein Duell, wie es das Murgtal noch nie erlebt hatte. Während der Teufel mit schmeichelnden Worten das Ich der Menschen einzulullen versuchte, erhob der Engel seine Stimme zu einem machtvollen Gesang. Er besang die Würde der Freiheit und die unendliche Weite einer wahren Seele. Seine Worte waren wie kühles Quellwasser auf fiebriger Haut. Er mahnte die Menschen, dass der wahre Gewinn im Überwinden des eigenen Schattens liege.
Der Kampf der Worte tobte über die Schlucht hinweg, bis die Luft vor Spannung knisterte. Der Teufel, der sah, wie die Menschen im Tal nach und nach ihre Köpfe hoben und sich dem Licht des Engels zuwandten, verlor seine ruhige Maske. In einem Ausbruch von grenzenlosem Zorn erhob er sich zu seiner schrecklichen Größe. Mit einem Fluch, der die Murg für einen Moment stillstehen ließ, stampfte er so gewaltig auf den harten Fels der Teufelskanzel, dass der Stein unter der Hitze seines Zorns nachgab wie weiches Wachs.
Mit einem ohrenbetäubenden Krachen barst die Spitze der Kanzel. Ein gewaltiges Felsstück riss sich los und stürzte mit der Wucht eines fallenden Berges hinab in die Tiefe. Die Murg schäumte hoch auf, als der Koloss im Flussbett einschlug und die Strömung teilte. In einem schwarzen Wirbelwind verschwand der Verführte, zurückgelassen in seiner Niederlage.
Epilog
Die Stille kehrte zurück nach Gernsbach, doch das Antlitz des Tals war für immer gewandelt. Wo das Felsstück im Zorn des Teufels ins Wasser stürzte, beruhigten sich die Fluten und umflossen fortan den Stein. Aus dem Trümmerstück der Teufelskanzel wuchs die Murginsel – ein grünes Denkmal inmitten des Flusses, das uns bis heute daran erinnert, wie die finstere Wut an der Standhaftigkeit des Lichts zerbrach. Wer heute auf der Engelskanzel steht und hinabblickt, sieht die Insel im Strom liegen – ein versteinertes Zeugnis jenes Tages, an dem das Tal seine Seele wiedergewann.
© 29.01.2026 Gerd Groß
