Das Echo der Masken

Eine Geschichte vom der Augenblick Runde Baden-Baden Neuweier


Station 1 – Kirche von Neuweier

Die Herkunft der Masken

Bleibt einen Moment stehen.
Bevor wir losgehen.

Schaut euch die Kirche an.
Nicht lange.
Nur so lange, bis ihr merkt: Sie schaut zurück.

In Neuweier beginnt die Fasnet nicht mit Lärm.
Sie beginnt mit Warten.

Der Vollmond hängt über dem Dorf wie ein festgenageltes Auge.
Zu hell für Zufall.
Zu ruhig für eine gewöhnliche Nacht.

Man sagt:
In dieser Nacht gehen die Masken vor den Menschen.

Nicht sichtbar.
Noch nicht.

Aber sie sind wach.

Früher – und mit früher meine ich nicht unsere Großeltern –
sondern die Zeit, in der der Winter noch gefürchtet wurde –
hatte jede Maske einen Zweck.

Nicht: "Ich verkleide mich."
Sondern: "Ich trage etwas."

Die Menschen hier glaubten,
dass der Winter Dinge zurücklässt,
die keinen Körper mehr haben.

Kälte.
Hunger.
Angst.
Und manchmal auch Wut.

Diese Dinge verschwinden nicht.
Sie suchen sich einen Platz.

Und Holz ist geduldig.

Die ersten Masken wurden nicht geschnitzt,
weil man feiern wollte.

Sie wurden geschnitzt,
weil man etwas binden musste.

Man nahm Holz aus dem Wald –
nicht irgendeins.
Kein frisches.
Kein totes.

Sondern Bäume, die den Winter überlebt hatten.

Man schnitt langsam.
Oft wochenlang.
Und man sprach dabei nicht.

Denn man wusste:

Was du beim Schnitzen denkst, zieht ein.

Darum gab es Regeln.

Eine Maske durfte nie bei Tageslicht begonnen werden.
Nie allein.
Und nie ohne Namen.

Nicht der Name des Schnitzers.
Der Name der Maske.

Denn sobald sie einen Namen hatte,
war sie nicht mehr leer.

Diese Masken waren keine Kostüme.
Sie waren Verträge.

Man setzte sie auf,
um das Alte durch den Winter zu führen.
Um es sichtbar zu machen.
Und um es danach wieder loszuwerden.

Darum durfte man sie nur zu bestimmten Nächten tragen.

Und darum war die Fasnet immer gefährlich.


Denn wenn ein Mensch eine Maske trägt,
trägt er nicht nur Holz.

Er trägt eine Geschichte.
Eine Schuld.
Manchmal etwas, das älter ist als er selbst.

Und wenn er vergisst,
dass er sie führen muss –
führt sie ihn.

Hier, an der Kirche,
hat man die Masken früher abgelegt.

Nicht aus Bequemlichkeit.
Sondern weil man wusste:

Was aus der Kirche kommt, findet zurück.
Was woanders liegen bleibt, nicht unbedingt.

Es gibt Aufzeichnungen – keine geschriebenen –
sondern erzählte –,
dass man morgens Masken fand,
die anders lagen als am Abend.

Ein Stück näher an der Tür.
Ein wenig gedreht.
Manchmal mit Rissen,
die vorher nicht da waren.

Und manchmal fehlte eine.

Nie zwei.
Immer nur eine.

Der Wind, den ihr hört,
geht jetzt durch die Reben.

Hört genau hin.

Er klingt nicht gleichmäßig.
Er stockt.
Als würde er anhalten.
Weitergehen.
Zählen.

Man sagte früher:

Wenn der Wind zählt, sind nicht mehr alle Masken dort, wo sie sein sollten.

In dieser Nacht gilt eine einfache Regel.

Keine alte.
Keine komplizierte.

Eine, die jeder versteht:

Trag deine Maske – aber vergiss nie, wer darunter atmet.

Denn es gibt Nächte,
da reicht ein falscher Schritt,
ein falsches Lachen,
ein zu langer Blick …

… und etwas nimmt Platz,
das den Rückweg nicht kennt.


Von hier aus gehen wir weiter.
Zur Fatima-Kapelle.

Dort steht eine,
die diese Regeln kennt.

Und sie verzeiht keine Fehler.


"Bevor ihr weitergeht, achtet auf eure Schritte.
Der Vollmond zeigt nicht alles.
Manche Masken… warten auf den Moment, in dem ihr sie vergessen habt.
Und wenn ihr sie vergesst, beginnt sie allein zu gehen."


"Hört ihr das? Nein?
Dann seid ihr vielleicht zu früh.
Aber achtet genau – denn ein Geräusch, das ihr nicht hören könnt,
kann trotzdem eure Richtung ändern."

Station 2 – Fatima-Kapelle

Die Hexe und die Regel

Der Weg zur Kapelle ist kein weiter.
Aber er fühlt sich länger an als zuvor.

Das liegt nicht an der Steigung.
Nicht an der Kälte.
Sondern daran, dass Gespräche hier leiser werden.

Fast von selbst.

Die Fatima-Kapelle steht nicht zufällig hier.
Sie steht an einer Grenze.

Nicht zwischen Dörfern.
Sondern zwischen dem,
was noch geführt wird
und dem,
was sich selbst bewegt.

Schaut sie euch an.
Klein.
Unauffällig.
Und genau deshalb ernst zu nehmen.

Man sagte früher:

Wer hier vorbeigeht, wird gesehen.
Ob er will oder nicht.

Denn hier wartet sie.

Die Hexe.

Nicht so, wie man sie sich vorstellt.
Keine krumme Gestalt.
Kein Besen.
Kein Gelächter.

Die Hexe von Neuweier erkennt man nicht an ihrem Aussehen.
Man erkennt sie daran,
dass sie nie überrascht ist.

Sie steht nicht plötzlich da.
Sie war schon da.

Früher glaubte man,
dass es Menschen braucht,
die sich zwischen den Dingen auskennen.

Zwischen Leben und Winter.
Zwischen Maske und Gesicht.
Zwischen Spiel und Ernst.

Diese Menschen nannte man nicht Hexen.
Man nannte sie Hüter.

Sie wussten,
welche Nächte offen waren
und welche geschlossen.

Und die Fasnetnacht
war immer offen.

Zu offen.

Die Hexe hatte eine Aufgabe:
Sie erklärte nichts.
Sie warnte.

Denn wer Regeln erklärt,
gibt Raum für Diskussion.
Und Diskussionen sind in solchen Nächten gefährlich.

Darum sprach sie wenig.
Aber jedes Wort saß.

Man sagte,
sie könne an einem Menschen erkennen,
ob er seine Maske trägt
oder ob er sie braucht.

Und das ist ein Unterschied.


Wenn ihr jetzt still seid –
ganz still –
merkt ihr vielleicht,
dass hier nichts klingt.

Kein Vogel.
Kein Insekt.
Nicht einmal der Wind traut sich ganz heran.

Das ist kein Zufall.

Denn man glaubte:

Wo die Hexe wacht, hören die Dinge zu.

In alten Nächten stellte sie sich den Maskenträgern in den Weg.
Nicht frontal.
Nie bedrohlich.

Sie sagte nur einen Satz.

Immer denselben.

"Du darfst gehen.
Aber du darfst nichts mitnehmen."

Die meisten lachten.
Damals wie heute.

Und genau diese
sah man später wieder.

Ohne Maske.
Ohne Erinnerung.
Und mit einem Blick,
der zu lange am Mond hängen blieb.

Denn das ist die Regel der Fasnet,
und hört gut zu –
das ist wichtig:

Alles, was du in dieser Nacht fühlst,
gehört nicht automatisch dir.

Die Maske verstärkt.
Sie lockt.
Sie macht laut,
was sonst leise bleibt.

Und wenn man ihr zu lange zuhört,
beginnt sie,
eigene Wünsche zu entwickeln.

Man erzählte sich,
dass die Hexe genau wusste,
wann eine Maske zu schwer wurde.

Nicht körperlich.
Innerlich.

Dann stellte sie sich an Orte wie diesen.
Kapellen.
Kreuze.
Grenzsteine.

Und wartete.

Nicht auf die Maske.
Sondern auf den Moment,
in dem der Mensch darunter zögerte.


Wenn ihr euch jetzt umschaut,
merkt ihr vielleicht:

Der Mond scheint hier anders.
Kälter.
Direkter.

Und manche Schatten
passen nicht ganz zu dem,
was sie werfen sollte.

Das ist der Punkt,
an dem die Hexe prüft.

Nicht mit Fragen.
Nicht mit Drohungen.

Sondern mit Stille.

Manchmal – so heißt es –
hob sie dann den Kopf
und sagte leise:

"Nicht jede Maske findet zurück."

Mehr nicht.

Kein Fluch.
Kein Zauber.

Nur eine Feststellung.

Und genau hier
solltet ihr euch etwas merken.

Denn ab jetzt gilt:

Der Weg prüft euch nicht mehr.
Die Figuren tun es.

Der nächste,
dem wir begegnen,
fragt nicht nach Regeln.

Er lacht über sie.


Geht jetzt weiter.
Achtet auf Abzweigungen.
Und wenn euch jemand fragt,
ob ihr richtig geht –

überlegt gut,
wer diese Frage stellt.


"Sie hat euch gesehen. Nicht wie ein Mensch –
sondern wie ein Alter, der alles kennt.
Wer heute lacht, ohne Mensch zu sein,
findet den Rückweg nicht."


"Hört auf den Wind.
Hört auf die Stille.
Wer zu laut ist, wird gezählt.
Wer zu still ist, vielleicht auch."

Station 3 – Der Umsetzer von Neuweier

Der Zwerg und die falsche Entscheidung

Bis hierher war der Weg eindeutig.
Man wusste, wo vorne ist.
Und wo hinten.

Hier nicht mehr.

Der Umsetzer ist kein Ort,
an dem man stehen bleibt.
Er ist ein Ort,
an dem man sich entscheidet –
oft ohne es zu merken.

Schaut euch um.
Der Weg wirkt plötzlich breiter.
Offener.
Fast freundlich.

Und genau das ist das Problem.

Man sagte früher:

Wo der Weg logisch wird, beginnt die Gefahr.

Denn Logik wiegt sicher.
Und Sicherheit macht nachlässig.

Hier erscheint er.

Nicht mit Knall.
Nicht mit Schrecken.

Sondern mit einem Geräusch,
das nicht hierhergehört.

Ein leises Lachen.

Der Zwerg.

Er ist nicht klein.
Er ist nur… anders proportioniert.

Zu lange Arme.
Zu kurze Schritte.
Und ein Gesicht,
das nie ganz im Licht ist.

Er setzt sich nicht.
Er lehnt sich an.

Als wäre er schon immer Teil dieses Ortes gewesen.

"Na?" sagt er.
"Spät unterwegs."

Er stellt keine Fragen,
die man beantworten muss.
Nur solche,
bei denen man sich selbst zuhört.

"Geht ihr runter?"
"Oder noch ein Stück weiter?"
"Oder wisst ihr es gar nicht so genau?"

Er grinst dabei.
Nicht böse.
Nicht freundlich.

Wissend.

Der Zwerg liebt diesen Ort,
weil hier Menschen anfangen zu erklären.

Warum sie da sind.
Warum sie gehen.
Warum jetzt.

Und während sie erklären,
passiert etwas Merkwürdiges:

Der Weg verändert sich nicht –
aber er fühlt sich anders an.

Ein Pfad wirkt plötzlich kürzer.
Ein anderer dunkler.
Ein dritter… wärmer.

Man erzählte sich,
dass der Zwerg keine Macht hat.

Keine Zauber.
Keine Gewalt.

Er macht nur Vorschläge.

Und Vorschläge
sind in der Fasnetnacht gefährlicher
als Befehle.

"Früher", sagt er leise,
"haben die Leute hier oben immer gezögert."

Er deutet ins Tal.
Dann in die Reben.
Dann auf den Weg,
den ihr gerade gekommen seid.

"Heute laufen sie einfach weiter."

Er lacht wieder.

"Dabei war das Zögern
der einzige Schutz."


Wenn ihr jetzt auf den Boden schaut,
seht ihr vielleicht etwas.

Nicht deutlich.
Nicht klar.

Aber Spuren.

Keine Fußabdrücke.
Eher… Schleifspuren.

Als hätte jemand
etwas Schweres gezogen.
Oder getragen.
Oder hinter sich hergezogen.

Der Zwerg folgt eurem Blick.

"Ach das", sagt er.
"Das sind nur die Masken."

Dann schaut er hoch.

"Manche wollten nicht mehr zurück."

Hier kommt eine zweite Regel.
Nicht von der Hexe.
Nicht von den Alten.

Vom Zwerg.

Und sie klingt harmlos:

"In dieser Nacht darfst du wählen,
was du sein willst."

Er lässt den Satz stehen.
Lässt ihn wirken.

Denn jeder weiß:
Wenn man wählen darf,
kann man auch falsch wählen.

Man sagte früher,
dass der Zwerg genau erkennt,
wann jemand innerlich einen Schritt zur Seite macht.

Nicht sichtbar.
Nicht bewusst.

Aber spürbar.

Dann wird sein Lachen leiser.
Und seine Stimme näher.


Jetzt hört gut zu.

Denn hier,
genau hier,
ist etwas passiert.

Nicht früher.
Nicht irgendwann.

Heute.

Als der Zwerg sich umdreht,
um den Weg hinunter zu zeigen,
ist da für einen Moment
etwas hinter ihm.

Keine Gestalt.
Kein Gesicht.

Nur ein Schatten,
der sich nicht bewegt,
als der Zwerg es tut.

Er merkt es nicht.
Oder tut so.

"Ihr solltet weitergehen", sagt er.
"Der nächste Ort…
der mag keine Unentschlossenen."

Dann tritt er einen Schritt zurück.

Und verschwindet.

Nicht nach links.
Nicht nach rechts.

Der Weg ist wieder leer.

Aber etwas stimmt nicht.

Der Wind hat aufgehört.
Der Mond ist hinter einer Wolke.
Und einer der Wege
wirkt plötzlich…

benutzt.


Bevor wir weitergehen,
schaut euch noch einmal um.

Denn man sagt:

Wer den Umsetzer verlässt,
ohne zu wissen,
welchen Weg er nicht gegangen ist,
hat bereits etwas zurückgelassen.

Und manchmal
ist das mehr,
als man tragen wollte.

Station 4 – Bildstock bei Baden-Baden

Die Maske ohne Namen

Der Weg zum Bildstock ist stiller als die vorherigen.
Nicht, weil weniger Wind geht –
sondern weil er nicht mehr überall geht.

Er bleibt hängen.
In den Reben.
In den Sträuchern.
Als würde er Umwege machen.

Der Bildstock taucht nicht plötzlich auf.
Er ist schon da,
lange bevor man ihn richtig sieht.

Ein heller Fleck im Dunkeln.
Zu hell.
Zu aufrecht.

Und genau deshalb falsch.

Man sagte früher:

Bildstöcke sind keine Orte des Schutzes.
Sie sind Orte der Erinnerung.

Hier erinnert sich etwas.
Und manchmal erinnert es sich falsch.

Bleibt einen Moment stehen.
Schaut nicht gleich hin.

Denn was man hier sieht,
will gesehen werden.
Und Dinge, die das wollen,
haben meist einen Grund.

Die Alten erzählten sich,
dass es Masken gab,
die ihren Namen verloren.

Nicht weil man ihn vergaß.
Sondern weil niemand ihn mehr aussprechen konnte.

Denn Namen sind Bindungen.
Und ohne Namen
ist nichts mehr gebunden.

Diese Masken wurden nicht zerstört.
Man hat es versucht.

Aber Holz,
in dem etwas überwintert hat,
lässt sich nicht so leicht vernichten.

Also brachte man sie an Orte wie diesen.

Grenzen.
Wege.
Bildstöcke.

Man stellte sie ab.
Oder besser:
man ließ sie stehen.

Jetzt schaut hin.

Seht ihr es?

Nicht direkt vor dem Bildstock.
Ein Stück daneben.

Ein Schatten,
der nicht zu der Form passt,
die er haben müsste.

Er ist zu schmal.
Zu ruhig.
Und er endet nicht dort,
wo der Stein endet.

Die Maske ohne Namen
zeigt sich nie ganz.

Sie braucht kein Gesicht.
Sie braucht nur Nähe.

Man erkennt sie daran,
dass man plötzlich das Gefühl hat,
etwas falsch gemacht zu haben –
ohne zu wissen, was.

Früher erzählte man sich,
dass diese Maske entstand,
als ein Mensch sie nicht mehr abnehmen wollte.

Nicht aus Angst.
Nicht aus Zwang.

Sondern weil es darunter
zu leer war.

Und Leere
ist in solchen Nächten
ein Ruf.


Wenn ihr jetzt genau hinhört,
merkt ihr vielleicht etwas Merkwürdiges.

Es ist nicht still.

Aber die Geräusche
kommen nicht mehr von außen.

Ein Knacken.
Ein leises Arbeiten.
Wie Holz,
das sich spannt.

Die Hexe kennt diese Maske.
Der Zwerg meidet sie.

Denn sie stellt keine Fragen.
Sie macht keine Angebote.

Sie wartet nur.

Darauf,
dass jemand vergisst,
wer er ist,
sobald niemand hinsieht.

Man sagte früher:

Wenn du sie siehst,
hat sie dich schon gesehen.

Und wenn sie näher kommt,
merkt man es nicht an Schritten.

Sondern daran,
dass der Abstand
zwischen zwei Gedanken
größer wird.


Jetzt kommt etwas Wichtiges.

Hier, an diesem Ort,
ist die letzte Regel gebrochen worden.

Nicht irgendwann.

Heute Nacht.

Denn schaut euch den Boden an.

Nicht die Erde.
Nicht die Steine.

Die Spur.

Kein Fußabdruck.
Kein Schleifen.

Sondern etwas,
das aussieht,
als wäre etwas abgestellt worden.

Vorsichtig.
Fast respektvoll.

Die Maske ohne Namen
nimmt nicht mit Gewalt.

Sie nimmt,
was niemand mehr festhält.

Und wenn sie bekommt,
was sie sucht,
geht sie nicht weit.

Sie geht nur
ein Stück voraus.


Bevor wir jetzt weitergehen,
zurück zur Kirche,
müsst ihr euch eines fragen.

Nicht laut.
Nicht jetzt.

Nur für euch.

Wenn man am Ende wieder ankommt –
wer kommt dann wirklich zurück?

Denn man sagt:

Manche Masken
brauchen nur eine Nacht,
um ein Gesicht zu finden.

Station 5 – Rückkehr zur Kirche:

Das Erwachen

Der Weg zurück ist stiller als zuvor.
Nicht, weil nichts lebt.
Sondern weil ihr merkt: etwas lebt anders.

Die Reben beugen sich im Wind.
Doch der Wind selbst scheint jetzt langsamer zu atmen.
Langsam, schwer, gespannt.
Als hätte die Nacht die Luft angehalten,
nur um zu sehen, wer zurückkommt.

Die Kirche liegt vor euch.
Gleich alt.
Gleich ruhig.
Und doch…
anders.

Man merkt es nicht sofort.
Nur ein Gefühl.
Ein Zittern im Boden.
Ein Flimmern im Licht der Fenster.

Früher – und man sagt "früher" meint hier: vor hundert Jahren –
kehrten die Masken nach der Fasnet zurück.
Aber sie kehrten nicht allein.

Sie brachten Reste der Nacht mit.
Leise, kaum spürbar,
aber für immer.

Ein Stück des Waldes.
Ein Atemzug des Winters.
Ein Funken der Angst, die man damals nicht erklären konnte.

Schaut in die Kirche.
Seht ihr die Stühle?
Die Bänke?
Sie stehen still, wie immer.
Und doch ist dort etwas neu.

Ein Schatten,
der nicht dort sein sollte.
Nicht fest.
Nicht sichtbar.
Aber da.
Er geht nicht weg.

Die Masken?
Sie sind zurück.
Teils.
Nicht alle.
Und manche…
haben ihr Gesicht gewechselt.

Ein leises Geräusch erklingt.
Nicht vom Wind.
Nicht vom Holz.
Ein Klirren.
Wie Metall.
Wie etwas Silbernes, das sich bewegt.

Ihr erinnert euch an die Nacht.
An die Reben, die Wege, die Kapelle.
An den Umsetzer.
An den Bildstock.

Und an die Maske ohne Namen.

Jetzt wird euch klar:

Nicht alles, was zurückkehrt,
kehrt unversehrt.

Die Luft ist kalt, aber nicht nur vom Februar.
Sie trägt etwas Eigenes.
Ein Flüstern,
das wie ein Echo klingt –
nicht aus der Kirche,
nicht aus den Reben,
sondern irgendwo dazwischen.

"Ihr habt gesehen, was ihr sehen durftet…
Aber nicht alles.
Nicht alles gehört euch."

Der Vollmond fällt auf die Kirchmauer.
Und plötzlich blitzt etwas Silbernes auf.
Ein kleines Objekt, das ihr vorher nicht bemerkt hattet.

Ein Instrument?
Ein Amulett?
Es liegt nur dort.
Still.
Und doch…
vibriert es, als würde es euch rufen.

Die Alten wussten das.
Die Hexe wusste es.
Der Zwerg wusste es.

Wer die Masken der Nacht führt,
lässt Spuren zurück,
die nicht alle verstehen.

Ihr könnt jetzt innehalten.
Atmen.
Euch umsehen.
Und ihr werdet spüren:

Etwas ist geblieben.

Nicht die Nacht.
Nicht der Weg.
Nicht einmal der Schatten.

Etwas, das euch beobachtet – und wartet.


Und manchmal – nur manchmal –
erzählen die Menschen, die diese Nacht überleben, dass man beim Blick durch die Reben
etwas hört.

Nicht deutlich.
Kein Geräusch.
Kein Wort.

Nur ein Echo.

Das Echo der Masken.
Das Echo der Nacht.
Und das Echo von euch.

Und genau dieses Echo suchen wir heute Nacht.
Seid wachsam, was ihr hört,
wenn der Wind durch die Reben streicht.


© 01.02.2026 Gerd Groß