Die Weiße Frau der Wasenbourg: Ein Fluch, der das Herz erfriert (10.11.2019)

In den zerfallenen Überresten der Wasenbourg, dort, wo die Schatten tanzen und der Wind wie ein Sterbelied durch rissige Mauerwerke pfeift, haust eine Präsenz, die älter ist als die Steine selbst. Es ist die Weiße Frau, und ihr Erscheinen ist ein Flüstern des Grauens, das sich durch die Nacht zieht und die Seelen der Lebenden berührt. Man erzählt sich in den Dörfern zu Füßen des Burgbergs, dass ihr bleicher Schleier nur selten im Mondlicht sichtbar wird, doch ihr unsichtbarer Hauch ist stets spürbar, eine eisige Kälte, die das Mark erreicht und bis in die tiefsten Winkel des Herzens kriecht. Und wenn die Stille der Nacht am tiefsten ist, hört man nicht nur ein Klagen, sondern ein geräuschvolles Wimmern, das sich zu einem schneidenden Schrei steigert, einem Schrei des ewigen Leidens, der die Luft zum Vibrieren bringt und die Gedanken mit unerträglichen Bildern füllt.
Sie ist die Seele der Gräfin Adelheid von Wasenbourg, eine Frau, deren Schönheit einst so strahlend war, dass sie die Sterne neidisch machte, doch deren Schicksal in einen Abgrund des Schmerzes stürzte, aus dem es kein Entrinnen gab. Adelheid, von Geburt an einem kalten, unbarmherzigen Lehnsherrn versprochen – einem Mann, dessen Augen wie tote Fischaugen waren und dessen Seele schwärzer als die tiefste Nacht – fand Trost einzig in der verbotenen Liebe zu Sir Wolfram, einem Ritter aus verfeindetem Haus. Ihre Treffen waren ein Tanz am Rande des Abgrunds, geflüsterte Worte im Schatten der Zinnen, gestohlene Berührungen, so flüchtig wie der Atem auf einem eisigen Spiegel.