Die Sage vom Ruf des Schwarzen Wassers
Gründung vom Münster in Schwarzach
Tief in der Rheinebene, wo sich einst dichte Wälder ausbreiteten und der Acherner Mühlbach seinen Weg durch das Land bahnte, lag vor langer Zeit ein kleiner, geheimnisvoller Flecken Erde. Die wenigen Bauern und Jäger, die sich in diese Gegend wagten, sprachen mit ehrfürchtigem Respekt von einem Ort am Bach, an dem das Wasser eine seltsam dunkle, fast tintenschwarze Farbe annahm. Man munkelte, dort läge ein uraltes Geheimnis verborgen, eine Kraft, die weder gut noch böse war, sondern einfach alt. Die Einheimischen nannten diesen Bachabschnitt ehrfürchtig das "Schwarze Ach", und nur die Mutigsten oder Verzweifeltsten näherten sich ihm, in der Hoffnung auf unerklärliche Heilung oder Antworten.
In jenen Tagen, als das Land noch wild war und der Ruf des Glaubens in die entlegensten Winkel getragen wurde, zog eine kleine Gruppe frommer Benediktinermönche durch die Gegend. Sie waren auf der Suche nach einem Ort, der rein genug und doch voller Potenzial war, um eine neue Abtei zu gründen – ein Bollwerk des Gebets, der Gelehrsamkeit und der Hilfe für die Menschen. Doch tagein, tagaus fanden sie keinen Frieden, keine klare Führung.
Eines Abends, als die Sonne schon tief stand und die Schatten lang wurden, kamen sie an den geheimnisvollen "Schwarzen Ach". Eine unheimliche Stille lag über dem Ort, doch zugleich spürte der Anführer der Mönche, der ehrwürdige Bruder Anselm, eine seltsame, unaufdringliche Anziehung. Während seine Brüder ihre Lager aufschlugen, trat Anselm näher an das dunkle Wasser heran. Ein leises, fast unhörbares Flüstern schien aus der Tiefe des Baches zu steigen, ein Ruf, der nicht mit den Ohren, sondern mit dem Herzen vernommen wurde. Es war, als würde das Land selbst zu ihm sprechen.
Bruder Anselm kniete nieder und betete inbrünstig, seine Stirn berührte den feuchten Erdboden nahe des dunklen Wassers. Er flehte um ein Zeichen, um Gewissheit für den richtigen Ort. Kaum waren seine Worte verklungen, geschah das Wunder: Langsam, aber stetig, begann sich das ehrwürdige Schwarz des Wassers zu lichten. Von einer verborgenen Quelle tief unter der Erde sprudelte plötzlich kristallklares, sprudelndes Wasser hervor, das sich mit dem dunklen mischte und es immer weiter verdrängte. Wo eben noch die Schwärze geherrscht hatte, floss nun ein reiner, lebendiger Strom, der das Mondlicht in tausend Facetten spiegelte. Ein süßlicher Duft von frischem Quellwasser und feuchter Erde erfüllte die Luft.
Anselm wusste augenblicklich: Dies war das Zeichen. Hier, wo die Dunkelheit dem Licht gewichen war, wo das Geheimnis der Natur sich dem Glauben offenbarte, hier sollten sie ihr Werk beginnen. Mit leuchtenden Augen rief er seine Brüder herbei. Gemeinsam hoben sie an dieser Stelle einen einfachen Altar aus Feldsteinen und begannen mit dem Bau einer kleinen Holzkapelle. Jeder Stein, der gesetzt wurde, jede Holzbalken, der gehauen wurde, war ein Dank an das Wunder der Quelle.
Mit den Jahren wuchs aus dieser bescheidenen Anfängen die mächtige Benediktinerabtei, die dem Ort ihren Namen gab: Schwarzach – nicht mehr nur wegen des ehemals dunklen Wassers, sondern als Erinnerung an die Nacht, in der die Dunkelheit dem Licht wich und eine göttliche Quelle das Fundament für ein heiliges Werk legte. Und so wurde das Schwarzacher Münster, erbaut über Jahrhunderten in verschiedenen Stilen, zu einem ewigen Zeugnis dieses Wunders, einer Brücke zwischen Himmel und Erde, gespeist vom reinen Wasser und dem unerschütterlichen Glauben, der aus dem Ruf des Schwarzen Wassers erwuchs.
© 02.06.2025 Gerd Groß