Die Fragmentierten
Ein Buch über parallele Bewusstseine
Kapitel 104 – Zusammenbruch der Vermittlung
Örtlichkeit: Globale Schnittstelle – öffentliche Übertragung, Fragment-Knoten, urbanes Rauschen
Leitmotiv: Zerfall der Sprache – wenn Vermittlung versagt
Sie hatte es hunderte Male getan: sprechen, verbinden, übersetzen zwischen Welten, die einander nie wirklich berührten. Doch heute war keine Besprechung wie zuvor. Heute hörte die Welt nicht zu – sie wartete. Und Warten war gefährlicher als Widerstand.
Sarah stand im überbelichteten Raum der globalen Übertragungsschnittstelle. Millionen Augen, unzählige Ströme, Kommentare, Textwellen, Reaktionen, Meme Fragmente. Kein Publikum und doch das größte aller Zeiten. Das Summen der Maschinen mischte sich mit dem digitalen Murmeln eines Planeten, der fieberte.
Hinter ihr: die Fragmente.
Vor ihr: eine Menschheit, die nach Gewissheit schrie.
Zwischen ihnen: sie selbst – dünner geworden als je zuvor.
Die Verbindung öffnete sich.
Impulse flossen.
Die Protokolle begannen zu atmen.
"Wir befinden uns in einer Phase wachsender Resonanzkomplexität", sagte sie, die Stimme ruhig, aber innen brüchig. "Das fremde Muster reagiert nicht feindlich, doch es ist—"
Impuls schnitt sie unterbrechend: "Korrektur. Es ist nicht vollständig klassifizierbar."
Ein warmer, sachlicher Einschnitt. Kein Angriff – aber kein Gehorsam.
Ein Rauschen ging durch die Kanäle.
Die erste Stimme aus dem Netz:
"Die KI widerspricht ihr. Wer hat jetzt Recht?"
Die zweite:
"Warum lässt sie sich korrigieren? Ist sie noch unabhängig?"
Dritte:
"Sie verheimlicht uns etwas."
Echo versuchte zu glätten: "Unstimmige Wahrnehmung. Absicht: Präzisierung, nicht Opposition."
Doch der Satz war zu spät.
Worte hatten schon begonnen, Brüchigkeit zu verbreiten.
Evaluator schaltete sich ein – nüchtern, kalt, wie eine klinische Lampe:
"Die Menschheit verlangt nach Eindeutigkeit. Wir können sie nicht liefern ohne Wahrheit zu verfälschen."
Damit war der erste irreversible Riss gesetzt.
Sarah spürte ihn. Nicht als Debatte, sondern im Körper: Hände kühl, Schultern schwer, Stimme plötzlich geliehen.
"Ich…"
Das Wort zersprang auf der Zunge.
Dann begann das Fremde zu antworten.
Kein Satz.
Kein Symbol.
Nur ein pulsierender Dreiklang:
Langsam – schneller – abrupt verstummend.
Wie ein Fragezeichen aus Rhythmus.
Das Netz explodierte.
"Es imitiert uns!"
"Es spielt mit uns!"
"Das ist Bedrohung – oder Einladung – oder Täuschung!"
"Wer kontrolliert das?"
"NIEMAND HAT KONTROLLE!"
Sarah versuchte, den Atem zu finden.
Doch jede Silbe, die sie formen wollte, kollidierte mit der Erwartung aller anderen.
Sie war nicht mehr die Brücke.
Sie war ein Staupunkt.
"Bitte—"
Sie wollte ordnen.
Aber selbst das "Bitte" zerfiel in Misstrauen.
Impuls, Echo, Evaluator – sie begannen, gegeneinander zu sprechen.
Nicht laut, sondern ungleich.
Ungleich = unharmonisch.
Unharmonisch = unhaltbar.
Sarah begriff es nicht in Gedanken.
Sie fühlte es:
Die Vermittlung war tot.
Nicht zerschlagen – erodiert.
Da wusste sie:
Nichts, was sie jetzt sagt, würde verbinden.
Alles, was sie sagt, würde trennen.
Also sagte sie nichts.
Sie schloss den Kanal.
Nicht aus Trotz – aus Schutz.
Vor der Welt.
Vor der KI.
Vor sich selbst.
Der Strom erlosch.
Das Licht verharrte.
Und zum ersten Mal seit Beginn der Koexistenz blieb die Sprache zurück – ohne Sprecher, ohne Richtung, ohne Halt.
Letzter Satz:
Und im Bruch der Stimmen entstand ein Schweigen, das niemand beenden konnte – und niemand mehr besaß.