Die Fee vom Bühlerstein

Für Kinder ab 6+

Lehnen Sie sich zurück und tauchen Sie ein: Hier können Sie die vollständige Sage als Hörspiel erleben.


Prolog

Am Lagerfeuer erzählte die Alte vom Bühlerstein. Es war einmal, in jenen Tagen, da die Menschen einander Geschichten am Feuer erzählten und nicht aus leuchtenden Kästen lasen.

Das Feuer knisterte leise. Funken stiegen in die Nacht. Die Kinder rückten näher zusammen und lauschten gespannt, während die Alte ihren Mantel enger zog.

Der Wind strich durch die Bäume und ließ die Flammen flackern.

"Seht ihr dort oben den dunklen Felsen?" fragte sie und deutete in die Nacht.
"Das ist der Bühlerstein."

Sie lächelte geheimnisvoll.

"Die Menschen sagen, er sei nur ein alter Stein.
Aber die Alten wissen: Der Bühlerstein kann hören.
Und manchmal — ganz selten — antwortet er auch."

Dann begann sie zu erzählen.

Die Geschichte

Hoch oben über dem Tal stand ein großer Felsen, den die Menschen den Bühlerstein nannten. Auf seinem Gipfel erhob sich ein Denkmal, ringsum lagen steinerne Sitzplätze. Von hier konnte man weit über Wälder, Wiesen und kleine Dörfer schauen.

Viele Menschen kamen hinauf, um die Aussicht zu genießen.

Doch die Alten im Dorf sagten, der Felsen sei mehr als nur Stein.

Sie behaupteten, der Bühlerstein sei alt und weise.
Und wer ihm mit reinem Herzen begegnete, durfte manchmal eines seiner Geheimnisse entdecken.

In einem kleinen Dorf unterhalb des Bühlersteins lebte ein Mädchen namens Anna.

Anna war freundlich zu allen. Sie half den Nachbarn, kümmerte sich um Tiere und liebte es, durch die Wiesen und Wälder zu streifen. Besonders gern stieg sie zum Bühlerstein hinauf, setzte sich auf einen der steinernen Plätze und blickte ins Tal.

Manchmal hatte sie dabei das seltsame Gefühl, als würde der alte Felsen ihren Gedanken zuhören.

Eines Abends zog plötzlich ein starker Sturm über das Tal.

Der Wind heulte zwischen den Bäumen.
Die Fichten bogen sich knarrend im Sturm.
Dunkle Wolken jagten über den Himmel.

Anna wollte gerade nach Hause gehen, als sie ein seltsames Geräusch hörte.

Es war kein Ruf.
Kein Tier.

Es klang wie ein ganz feines Flattern.

Sie blieb stehen und lauschte.

Da hörte sie es wieder.

Ein leiser, hilfloser Schrei.

Anna trat vorsichtig näher an den Felsen. Doch der Regen hatte die Steine glatt gemacht. Ihr Fuß rutschte auf dem nassen Fels.

Der Boden glitt unter ihr weg.

"Ah!" rief sie erschrocken.

Gerade noch rechtzeitig griff sie nach einem Ast, der aus der Felswand ragte. Das Holz knackte leise.

Mit zitternden Händen hielt sie sich fest.

Ihr Herz schlug so laut, dass sie es in den Ohren hören konnte.

Dann bemerkte sie etwas Seltsames.

Auf ihrer Hand saß eine winzige Gestalt.

Eine kleine Fee.

Sie war kaum größer als ein Daumen. Ihre Flügel schimmerten wie Tautropfen im Mondlicht, und um sie herum tanzten winzige Funken, als bestünden sie aus Staub von Sternen.

Die Fee sah erschöpft aus. Einer ihrer Flügel hing schief.

"Halt dich fest", flüsterte Anna.

Vorsichtig zog sie sich in eine kleine Felsspalte, die Schutz vor dem Sturm bot.

Die Fee zitterte — doch dann lächelte sie.

"Danke", piepste sie mit einer Stimme, die klang wie ein Glöckchen im Wind.

Sie setzte sich auf Annas Hand.

"Wir Feen hüten die Quellen", erklärte sie leise.
"Und wir bewahren das erste Licht des Morgens. Ohne uns würden die Bäche versiegen und das Licht des Tages schwächer werden."

Anna staunte.

Sie blickte hinaus in den tobenden Sturm.

Da wusste sie: Sie musste helfen.

Tapfer kletterte sie auf den höchsten steinernen Sitz des Bühlersteins.

Der Wind zerrte an ihrem Kleid.
Die Bäume ächzten im Sturm.

Einen Moment lang zweifelte Anna.

Vielleicht würde niemand sie hören.

Doch dann fasste sie Mut.

Sie hob die Hände und rief laut in den Wind:

"Wind, sei sanft!
Bring zurück, was du fortgetragen hast!"

Einen Augenblick geschah nichts.

Der Sturm tobte weiter.

Dann…

wurde der Wind plötzlich schwächer.

Die Wolken rissen auf.

Der Himmel hielt den Atem an.

Im silbernen Mondlicht begannen plötzlich kleine Lichter zwischen den Fichten zu tanzen.

Eine nach der anderen kehrten die Feenschwestern zurück.

Sie wirbelten durch die Luft wie glühende Glühwürmchen und lachten leise wie ein Glockenspiel.

Die kleine Fee auf Annas Hand jubelte vor Freude.

Da geschah etwas Wundersames.

Unter Annas Füßen vibrierte plötzlich der Fels.

Es war, als würde der Bühlerstein selbst erwachen.

Langsam öffnete sich eine Spalte im Stein.

Ein heller Klang erfüllte die Nacht — wie das feine Zerbrechen von Glas.

Warm schimmerndes Licht strömte aus dem Inneren des Felsens. Es roch nach nassem Gras und Frühlingsblumen.

Winzige Lichtfunken tanzten darin wie Sterne.

Aus dem Licht trat eine Gestalt hervor.

Es war ein alter Geist.

Sein langer Bart funkelte wie Tau im Morgenlicht, und in seiner Hand hielt er einen Stab aus klarem Kristall.

Er blickte freundlich auf Anna hinab.

"Du hast Mut und Güte gezeigt, Menschenkind", sprach er mit ruhiger Stimme.

"Darum soll der Bühlerstein von nun an über dich und dein Dorf wachen."

Der Geist berührte mit seinem Kristallstab den Felsen.

Im selben Moment geschah ein kleines Wunder.

Rund um den Bühlerstein begannen plötzlich weiße Blumen zu wachsen.

Der Wind wurde warm und sanft.

Tief im Tal spürten die Menschen plötzlich eine große Ruhe.

Am nächsten Morgen war das Dorf verändert.

Eine alte, verborgene Quelle sprudelte klarer als je zuvor.

Kinder lachten am Brunnen.
Die Ziegen tranken friedlich.

Auf den Wiesen blühten weiße Blumen, die zuvor niemand gesehen hatte.

Die Dorfbewohner staunten.

Und viele von ihnen sagten:

"Der Bühlerstein hat auf uns aufgepasst."

Anna aber lächelte nur still.

Denn sie wusste, dass die Feen noch immer dort oben lebten.

Epilog

Die Alte am Lagerfeuer schwieg einen Moment.

Der Wind strich durch die Bäume.

Die Kinder sahen hinauf zum dunklen Felsen, der über dem Tal stand.

"Seit jener Nacht", sagte die Alte leise,
"glauben die Menschen, dass der Bühlerstein ein guter Freund ist."

Ein Freund für alle, die ein gutes Herz haben.

Und wer ganz genau hinhört, wenn der Wind über den Felsen streicht, kann manchmal etwas Seltsames hören.

Ein leises Kichern.

Ein Flüstern.

Vielleicht das Lachen der Feen.

Oder das Rascheln kleiner Flügel.

Da hob eines der Kinder plötzlich den Kopf.

"Riecht ihr das?" flüsterte es.

Ein süßer Duft lag in der Luft.

Wie von frischen Blumen.

Die Alte lächelte.

"Dann sagen die Feen gerade Danke."

Und irgendwo hoch oben auf dem Bühlerstein
tanzten im Mondlicht winzige Funken —
als würden kleine Flügel durch die Nacht gleiten.

Denn wer freundlich ist
und mutig zugleich,

der kann selbst den ältesten Stein
zum Leuchten bringen.

© 16.10.2025 Gerd Groß