Der vierte Schatten
Sage vom Grillplatz am Waldrand von Loffenau
Für Kinder ab 12 Jahren
© 25.03.2026 Gerd Groß
Lehnen Sie sich zurück und tauchen Sie ein: Hier können Sie die vollständige Sage als Hörspiel erleben.
Prolog
Wenn der Abend über Loffenau fällt und die Sonne langsam hinter den dunklen Hügeln des Schwarzwaldes verschwindet, wird der Wald stiller.
Nicht leer.
Nur… stiller.
Am Rand des Waldes liegt ein alter Grillplatz.
Tagsüber lachen dort Familien, Kinder spielen, und der Duft von Holzrauch zieht über die Wiesen.
Doch wenn es dunkel wird und das Feuer langsam kleiner wird, sagen manche im Dorf:
Dann beginnt der Wald zuzuhören.
Und manchmal — ganz selten —
erzählt er eine Geschichte zurück.
Die Geschichte
Es war an einem warmen Sommerabend, als vier Kinder mit ihren Eltern zu einer kleinen Wanderung am Waldrand von Loffenau unterwegs waren.
Der Weg führte sie schließlich zu dem Grillplatz zwischen den hohen Fichten.
Die Erwachsenen bereiteten das Feuer vor. Holz knackte, Funken stiegen auf, und bald brannte eine warme Flamme in der Mitte des Platzes.
Die Kinder setzten sich etwas abseits.
Lina, Paul, Jonas und Mila.
Sie kannten sich aus dem Dorf und aus der Schule.
Jonas blickte in den Wald.
"Mein Opa sagt", begann er, "dass hier früher ein alter Weg durch den Schwarzwald verlief."
Paul grinste.
"Und bestimmt liefen hier nachts Geister herum, oder?"
Jonas zuckte mit den Schultern.
"Vielleicht."
Mila sagte nichts.
Sie schaute nur in den dunkler werdenden Wald.
Der Abend wurde ruhiger.
Der Himmel färbte sich tiefblau.
Die Flammen des Feuers warfen tanzende Schatten über den Boden.
Dann bemerkte Lina etwas.
"Schaut mal."
Sie deutete auf den Boden neben dem Feuer.
Vier Schatten lagen dort.
Doch sie waren nur zu dritt im Licht.
Paul runzelte die Stirn.
"Warte…"
Er zählte.
"Eins… zwei… drei…"
Er schluckte.
"Warum sind da vier?"
Niemand sagte etwas.
Das Feuer knackte.
Ein Windstoß kam aus dem Wald und ließ die Flammen flackern.
Für einen Moment verschwammen die Schatten.
Dann waren es wieder vier.
Mila flüsterte:
"Vielleicht steht jemand hinter uns."
Langsam drehten sich alle um.
Doch hinter ihnen war nur der dunkle Waldrand.
Die Bäume standen dicht beieinander.
Still.
Zu still.
Plötzlich hörten sie ein Geräusch.
Ein Schritt.
Im Laub.
Dann noch einer.
Nicht nah.
Aber auch nicht weit weg.
Paul versuchte zu lachen.
"Bestimmt ein Reh."
Doch niemand glaubte das wirklich.
Der Wind strich durch die Fichten.
Und mit ihm kam etwas anderes.
Ein leises Flüstern.
Kaum hörbar.
Als würden Stimmen durch die Bäume wandern.
Jonas erinnerte sich plötzlich an eine Geschichte seines Großvaters.
"Früher…", sagte er langsam,
"haben sich hier Menschen getroffen."
"Jäger."
"Waldhüter."
"Und Reisende, die durch den Schwarzwald mussten."
Lina sah wieder auf die Schatten.
"Und?"
Jonas schluckte.
"Mein Opa hat gesagt… manchmal kam noch jemand dazu."
Das Feuer flackerte plötzlich stärker.
Ein Funkenregen stieg in die Luft.
Und genau in diesem Moment bewegte sich der vierte Schatten.
Ganz leicht.
Als hätte er gerade einen Schritt gemacht.
Die Kinder hielten den Atem an.
Dann kam die Stimme.
Leise.
Alt.
Direkt aus der Dunkelheit des Waldes.
"Habt ihr euch verlaufen?"
Die Kinder zuckten zusammen.
Am Rand des Feuers stand ein alter Mann.
Niemand hatte gesehen, wann er gekommen war.
Sein Mantel war dunkel, fast so dunkel wie der Wald hinter ihm.
Sein Gesicht lag halb im Schatten.
"Wer… wer sind Sie?" fragte Lina.
Der Mann lächelte leicht.
"Nur jemand, der den Wald kennt."
Er setzte sich auf einen der Holzstämme am Feuer.
Und jetzt passte es.
Jetzt waren es vier Schatten.
Eine Weile sagte niemand etwas.
Der Mann blickte in die Flammen.
"So viele Jahre", murmelte er.
"Und noch immer brennt hier ein Feuer."
Jonas traute sich schließlich zu fragen:
"Waren Sie schon früher hier?"
Der Mann nickte langsam.
"Sehr oft."
"Früher war dieser Platz ein Treffpunkt."
"Ein Ort, an dem Reisende Schutz fanden."
"Und manchmal…"
Er blickte in den Wald.
"Manchmal kam jemand aus dem Wald, der Hilfe brauchte."
Mila spürte plötzlich eine Gänsehaut.
"Wer?"
Der Mann antwortete nicht sofort.
Dann sagte er leise:
"Der Wald selbst."
Ein Windstoß kam aus der Dunkelheit.
Die Flammen bogen sich zur Seite.
Und für einen Moment glaubten die Kinder, zwischen den Bäumen Gestalten zu sehen.
Schatten, die sich bewegten.
Langsam.
Wie Menschen.
Oder etwas Ähnliches.
Als sie wieder zum alten Mann blickten, stand er auf.
"Passt gut auf diesen Ort auf", sagte er.
"Denn der Wald merkt sich, wer freundlich ist."
Dann trat er einen Schritt zurück.
Direkt in die Dunkelheit.
Und verschwand zwischen den Bäumen.
So leise, als hätte er nie dort gestanden.
Die Kinder sahen sich an.
Niemand sagte etwas.
Dann bemerkte Lina etwas.
Die Schatten am Feuer.
Jetzt waren es wieder drei.
Epilog
Später in der Nacht, als das Feuer fast heruntergebrannt war und die Familien den Grillplatz verließen, blieb der Waldrand still zurück.
Der Wind strich durch die Fichten.
Die Glut glühte schwach.
Und tief im Wald bewegte sich etwas.
Langsam.
Wachsam.
Als würde jemand den Platz noch einmal betrachten.
Seit jener Nacht erzählen sich manche Kinder in Loffenau eine neue Geschichte.
Dass am Grillplatz im Wald manchmal ein vierter Schatten erscheint.
Ein Schatten eines alten Hüters.
Oder vielleicht…
des Waldes selbst.
Und wenn man dort sitzt und das Feuer lange genug brennen lässt,
kann es passieren,
dass plötzlich
jemand mehr
am Feuer sitzt,
als man erwartet hat.

