Der Kreis der stillen Schritte
Märchen vom Hexentanzplatz
Für Zuhörer ab 12+
Prolog
Wenn der Mond über den Schwarzwald steigt und die Wälder ihr dunkles Kleid anlegen, gibt es Orte, die selbst der Wind nur flüsternd berührt.
Einer dieser Orte ist der Hexentanzplatz.
Am Tage wirkt er harmlos.
Ein runder Platz im Wald, von uralten Steinen umgeben. Moos wächst zwischen den Fugen, und manchmal sitzen Wanderer dort und essen ihr Brot.
Doch die Alten im Tal sagen:
Man solle diesen Platz nach Sonnenuntergang meiden.
Nicht, weil dort Hexen tanzen.
Sondern weil sie es immer noch tun könnten.
Die Geschichte
Vor vielen Jahren lebte im Dorf unterhalb des Berges ein Junge namens Lorenz.
Lorenz war neugierig.
Zu neugierig, wie manche meinten.
Während andere Kinder nach Hause liefen, wenn der Abend kam, zog Lorenz hinaus in die Wälder. Er wollte wissen, ob die alten Geschichten wahr waren.
Besonders eine Geschichte ließ ihm keine Ruhe.
Die vom Hexentanzplatz.
Man sagte, in alten Zeiten hätten sich dort Hexen versammelt, wenn der Mond rund und hell am Himmel stand.
Dann hätten sie im Kreis getanzt, bis die Luft flimmerte und der Wald den Atem anhielt.
Doch eines Tages — so erzählten die Alten — sei etwas geschehen, über das niemand gern sprach.
Seitdem liege ein Fluch auf dem Platz.
Eines Herbstabends, als Nebel aus den Tälern kroch, machte sich Lorenz auf den Weg.
Der Mond hing bleich über den Bäumen.
Der Wald war still.
Zu still.
Als er den Hexentanzplatz erreichte, spürte er sofort, dass dieser Ort anders war.
Die Luft war kälter.
Der Wind schien den Kreis zu meiden.
Und die Steine, die den Platz umgaben, standen so ordentlich, als hätten sie jemand einst bewusst aufgestellt.
Lorenz trat einen Schritt in den Kreis.
Da hörte er etwas.
Ein Geräusch.
Ganz leise.
Als würden Füße über trockene Blätter gleiten.
Er drehte sich um.
Doch niemand war da.
Dann kam der Nebel.
Er kroch zwischen die Steine.
Langsam.
Lautlos.
Und plötzlich glaubte Lorenz, Gestalten darin zu sehen.
Schlanke Schatten.
Drehend.
Wie Tänzer.
Ein leises Flüstern wehte über den Platz.
Ein Lachen.
Nicht fröhlich.
Nicht freundlich.
Alt.
Sehr alt.
Lorenz wollte gehen.
Doch seine Füße bewegten sich nicht.
Der Boden unter ihm vibrierte leicht.
Und dann erschien sie.
Eine Frau im Nebel.
Ihr Kleid war schwarz wie die Nacht, ihr Haar so weiß wie der Mond.
Ihre Augen jedoch…
waren älter als der Wald.
"Warum betrittst du unseren Kreis, Menschenkind?" fragte sie.
Ihre Stimme klang wie Wind zwischen kahlen Ästen.
Lorenz schluckte.
"Ich wollte nur wissen… ob die Geschichten wahr sind."
Die Frau lächelte.
Langsam.
Ein Lächeln, das nicht ganz menschlich war.
"Oh ja", sagte sie.
"Sie sind wahr."
Hinter ihr erschienen weitere Gestalten.
Erst eine.
Dann drei.
Dann ein ganzer Kreis aus Schatten.
Sie bewegten sich lautlos.
Und plötzlich verstand Lorenz:
Er stand mitten im Tanzkreis der Hexen.
"Du hast unseren Platz betreten", sagte die Frau.
"Nun musst du eine Wahl treffen."
Der Nebel begann sich zu drehen.
Die Schatten bewegten sich schneller.
"Bleibst du —
und lernst unsere Geheimnisse?"
Oder…
"Gehst du —
und vergisst, was du gesehen hast?"
Lorenz spürte den Blick der Hexen auf sich.
Der Wald war vollkommen still.
Selbst der Mond schien zu warten.
Lorenz dachte an sein Dorf.
An seine Mutter.
An das warme Licht im Fenster.
Dann machte er einen Schritt rückwärts.
"Ich glaube… manche Geheimnisse gehören dem Wald."
Die Hexe betrachtete ihn lange.
Dann nickte sie.
Zum ersten Mal lächelte sie wirklich.
"Eine kluge Antwort."
Sie hob die Hand.
Der Nebel löste sich.
Die Schatten verschwanden.
Und plötzlich stand Lorenz wieder allein auf dem Hexentanzplatz.
Epilog
Am nächsten Morgen fanden die Dorfbewohner Lorenz am Waldrand.
Er sagte nichts über die Nacht.
Nicht ein Wort.
Doch manchmal, wenn er später am Hexentanzplatz vorbeiging, blieb er stehen und hörte in den Wald.
Und wenn der Nebel zwischen den Steinen tanzte…
glaubte er manchmal,
leise Schritte zu hören.
Schritte
in einem Kreis
der niemals ganz stillsteht.
© 17.03.2026 Gerd Groß

