Der Hüter von Windeck
Sage vom Abenteuerspielplatz neben der alten Burg
Für Zuhörer ab 10–12+
Prolog
Hoch über Bühl ragen die Mauern der alten Burg Windeck aus dem Wald.
Am Tage kommen Wanderer, setzen sich auf die Steine und genießen den Blick über das Rheintal. Kinder lachen auf dem Abenteuerspielplatz unterhalb der Burg, klettern auf Holztürme und rutschen den Hang hinunter.
Alles wirkt freundlich und lebendig.
Doch wenn der Abend kommt und der Wind durch die zerbrochenen Mauern streicht, sagen die Alten im Tal manchmal:
Die Burg schläft nicht.
Sie wacht.
Und tief unter dem Hügel, auf dem heute Kinder spielen, liegen noch immer Steine aus einer viel älteren Zeit.
Steine, die sich erinnern.
Die Geschichte
Es war ein warmer Sommerabend, als Mara, Jonas und Felix noch einmal zum Abenteuerspielplatz bei der Burg Windeck hinaufgingen.
Die Sonne stand tief über dem Rheintal und färbte den Himmel rotgolden.
Über ihnen ragten die dunklen Mauern der alten Burg.
Der Wind strich durch die zerfallenen Fensteröffnungen und klang manchmal fast wie ein leises Flüstern.
"Stellt euch vor", sagte Jonas und deutete hinauf,
"hier oben haben früher Ritter gewohnt."
Felix grinste.
"Oder Geister."
Mara lachte.
"Quatsch. Burgen haben keine Geister."
Doch genau in diesem Moment fuhr ein Windstoß durch die Mauern der Ruine.
Ein langes, heulendes Geräusch zog durch die Steine.
Alle drei schwiegen einen Moment.
Dann liefen sie zum Spielplatz.
Der große Holzturm stand mitten auf dem Hügel, fast so hoch wie die alten Burgmauern.
Von oben konnte man weit über Bühl und das Rheintal schauen.
Felix sprang über die Hängebrücke.
Jonas rutschte die Seilbahn hinunter.
Mara setzte sich auf den Rand der Sandfläche.
Plötzlich runzelte sie die Stirn.
"Hört ihr das?"
Die anderen blieben stehen.
Der Wind war plötzlich still geworden.
Die Burg über ihnen wirkte dunkler als zuvor.
Mara klopfte mit dem Fuß auf den Boden.
Dumpf.
Hohl.
Nicht wie Erde.
Mehr wie Stein.
"Vielleicht liegt hier noch etwas von der alten Burg", sagte Jonas.
Neugierig begannen sie zu graben.
Mit Stöcken.
Mit den Händen.
Die Erde war locker.
Zu locker.
Nach kurzer Zeit stießen sie auf einen flachen Stein.
Er war rund.
Und auf seiner Oberfläche waren Linien eingeritzt.
Spiralen.
Kreise.
Und in der Mitte ein Gesicht.
Ein Gesicht mit geschlossenen Augen.
Als würde es schlafen.
In diesem Moment rauschte plötzlich der Wald auf.
Ein kalter Wind strich vom Burgturm hinunter zum Spielplatz.
Die Kinder sahen hinauf.
Für einen Augenblick glaubten sie, eine Gestalt auf der Mauer der Burg stehen zu sehen.
Doch dann war sie wieder verschwunden.
Da begann der Stein zu vibrieren.
Ganz leicht.
Wie ein langsamer Atem.
Mara zog erschrocken ihre Hand zurück.
"Habt ihr das gespürt?"
Felix nickte.
"Ja…"
Jonas erinnerte sich plötzlich an eine Geschichte seines Großvaters.
"Mein Opa hat einmal erzählt, dass die Ritter von Windeck einen Wächter hatten", sagte er leise.
"Einen alten Stein, der über den Hügel wachte."
"Und wo ist der jetzt?" fragte Mara.
Jonas sah auf den Stein im Boden.
"Vielleicht… genau hier."
Der Wind fuhr erneut durch die Ruine.
Ein tiefes Grollen war zu hören.
Nicht laut.
Aber alt.
Sehr alt.
Die Linien auf dem Stein begannen schwach zu leuchten.
Die Kinder hielten den Atem an.
Mara legte vorsichtig ihre Hand auf den Stein.
"Wir wollten nichts kaputt machen", flüsterte sie.
"Wir spielen nur hier."
Für einen Moment geschah nichts.
Dann…
verstummte der Wind.
Die Linien wurden langsam wieder dunkel.
Und der Stein hörte auf zu beben.
Die Kinder sahen sich an.
Langsam schoben sie Erde über den Stein zurück.
Niemand sagte etwas.
Doch als sie gingen, glaubten sie hinter sich ein leises Geräusch zu hören.
Als würde irgendwo hoch oben auf der Burg jemand über den Hügel wachen.
Epilog
Am nächsten Tag spielten wieder Kinder auf dem Abenteuerspielplatz unter der Burg Windeck.
Sie kletterten.
Sie lachten.
Sie rutschten den Hang hinunter.
Alles war wie immer.
Doch tief unter dem Hügel lag noch immer der alte Stein.
Und manchmal, wenn der Abendwind durch die Ruine streicht und über den Spielplatz hinunterweht…
glauben manche Kinder zu spüren,
dass der Boden ganz leicht vibriert.
Als würde der alte Hüter von Windeck noch immer über den Hügel wachen.
Still.
Geduldig.
Und verborgen unter den Spuren spielender Kinder.
© Gerd Groß 16.03.2026

