Der Hunger, der keiner war
Ort der Lesung: Brotschberg
Prolog – Vom Hunger
Bevor wir sprechen, prüft euch.
Nicht den Magen.
Den inneren Raum.
Der Brotschberg wirkt unscheinbar.
Kein Turm krönt ihn.
Keine Mauern ragen auf.
Kein Tropfen hallt im Fels.
Nur Wind.
Nur Gras.
Nur Weite.
Und doch trägt dieser Hügel einen Namen, der schwerer wiegt als Stein.
Brot.
Das Einfachste.
Das Notwendigste.
Das, was geteilt wird, bevor man fragt.
Fragt euch:
Wann habt ihr zuletzt wirklich Hunger gespürt?
Und wann zuletzt Sättigung?
Diese Sage erzählt nicht von Wundern.
Sie erzählt von einem Irrtum.
Die Sage
An einem klaren Herbstmorgen stieg ein Mann den Pfad zum Brotschberg hinauf.
Er war erfolgreich.
Er hatte Verträge unterschrieben, Häuser gebaut, Reisen unternommen.
Sein Name stand auf Papier, seine Stimme in Sitzungen.
Und doch begleitete ihn ein Gefühl, das sich nicht abschütteln ließ.
Hunger.
Nicht im Körper.
Im Inneren.
Er nannte es Unzufriedenheit.
Manchmal Ehrgeiz.
Manchmal Sehnsucht.
Doch wenn er ehrlich war, wusste er: Es war Leere.
Er setzte sich oben ins Gras. Der Blick reichte weit über Saverne, über Dächer und Felder, bis zum fernen Band des Rheins.
Der Wind strich ruhig über die Höhe.
Er hatte Brot dabei. Dunkles Bauernbrot, noch leicht warm vom Morgen.
Er brach ein Stück ab, kaute – und spürte nichts.
"Warum reicht es nie?" murmelte er.
"Was?"
Die Stimme war klar und hell.
Neben ihm stand ein Junge. Barfuß. Vielleicht zehn Jahre alt. Seine Kleidung war einfach, grob gewebt, wie aus einer anderen Zeit.
Der Mann blinzelte. "Wo kommst du her?"
Der Junge zuckte mit den Schultern. "Von unten."
Er setzte sich ins Gras, als wäre es selbstverständlich.
"Was reicht nie?" fragte er erneut.
Der Mann sah auf das Brot in seiner Hand. "Alles."
Der Junge lächelte leicht. Aus seiner Tasche zog er ein kleines Stück Brot – kaum größer als eine Handfläche.
"Das ist alles, was ich habe."
"Und das reicht dir?"
Der Junge nickte. "Für heute."
Der Wind legte sich für einen Moment. Es war, als würde der Hügel lauschen.
"Und morgen?" fragte der Mann.
"Morgen werde ich wieder arbeiten", sagte der Junge ruhig. "Und wenn ich wieder Brot habe, werde ich wieder essen."
Der Mann schüttelte den Kopf. "Du verstehst nicht. Es geht nicht um Brot."
"Doch", sagte der Junge. "Immer."
Er brach sein kleines Stück in zwei Hälften und reichte eine dem Mann.
"Teilen macht satt."
Der Mann lachte kurz. "Das ist ein Spruch."
Der Junge schüttelte den Kopf. "Nein. Es ist eine Ordnung."
Sie aßen schweigend.
Und während sie kauten, spürte der Mann zum ersten Mal etwas anderes als Leere.
Es war kein Triumph.
Kein Erfolg.
Kein Überschwang.
Es war Ruhe.
Er sah hinunter ins Tal. Die Häuser wirkten kleiner. Die Wege klarer. Die Menschen – nicht als Konkurrenz, nicht als Publikum, sondern als Gemeinschaft.
"Was willst du später werden?" fragte er den Jungen.
Der Junge zuckte mit den Schultern. "Ich werde leben."
"Und mehr nicht?"
"Was wäre mehr?"
Der Mann schwieg.
Er dachte an seine Projekte. An die Verträge. An die Nächte voller Unruhe. An den Wunsch, größer zu werden, sichtbarer, bedeutender.
"Und wenn du alles hättest?" fragte er leise.
Der Junge sah ihn an, als sei die Frage seltsam.
"Dann würde ich teilen."
Der Wind kam zurück, stärker diesmal. Ein Schwarm Vögel zog über den Himmel.
Als der Mann wieder sprechen wollte, war der Platz neben ihm leer.
Kein Junge.
Keine Spur im Gras.
Nur das halbe Stück Brot in seiner Hand.
Er aß es langsam zu Ende.
Und zum ersten Mal seit Jahren fühlte er sich satt.
Nicht schwer.
Nicht träge.
Sondern genug.
Als er den Hügel hinabstieg, war nichts anders – und alles.
Er kündigte nicht sein Leben.
Er verbrannte keine Verträge.
Er zog nicht in die Einsamkeit.
Aber er begann, anders zu handeln.
Er teilte Wissen.
Er teilte Erfolg.
Er teilte Verantwortung.
Und wann immer das alte Gefühl zurückkehren wollte, stieg er wieder auf den Brotschberg – mit einem Laib Brot unter dem Arm.
Manche sagen, sie hätten dort oben manchmal einen barfüßigen Jungen gesehen.
Andere sagen, es sei nur der Wind im Gras.
Doch wer sein Brot auf dieser Höhe bricht und nicht alles für sich behält, der merkt:
Der Berg nimmt nichts.
Er erinnert nur.
Epilog – Genug
Schaut noch einmal ins Tal.
Die Welt dort unten ist laut.
Sie fordert.
Sie misst.
Hier oben misst nichts.
Der Brotschberg kennt keine Verträge.
Keine Ranglisten.
Kein Mehr.
Nur Erde.
Nur Wind.
Nur das einfache Gesetz des Teilens.
Vielleicht ist der größte Hunger unserer Zeit keiner nach Nahrung.
Vielleicht ist es der Hunger nach Bedeutung.
Und vielleicht liegt die Antwort nicht im Mehr –
sondern im Genug.
Wenn ihr heute hinabgeht, nehmt kein Wunder mit.
Nehmt ein Stück Brot mit.
Und die Erinnerung daran,
dass Sättigung dort beginnt,
wo wir aufhören zu zählen.
Damit hast du nun:
Greifenstein – Schuld und Kreis
Saint-Vit – Zeit und Stille
Brotschberg – Hunger und Genug
Eine vollständige elsässische Wandertrilogie.
Wenn du möchtest, kann ich sie dir auch noch als zusammenhängendes Lesemanuskript mit sanften Übergängen zwischen den drei Stationen gestalten – dramaturgisch fließend wie ein einziger Weg.
© 28.02.2026 Gerd Groß

