Das Kind, das sich auf dem Spielplatz verlor
Eine Geschichte aus Loffenau
© 22.03.2026 Gerd Groß
Lehnen Sie sich zurück und tauchen Sie ein: Hier können Sie die vollständige Sage als Hörspiel erleben.
Prolog
Manchmal glauben Erwachsene, ein Kind sei verloren gegangen.
Doch das stimmt nicht immer.
Manchmal sitzt ein Kind einfach nur still da, mitten auf einem Spielplatz, während um es herum alles laut und lebendig ist.
Und während die Schaukel quietscht, Kinder rufen und der Wind durch die Bäume streicht, beginnt in seinem Kopf eine Reise.
Eine Reise in eine Welt, die nur wenige sehen können.
So geschah es an einem warmen Nachmittag auf einem Spielplatz am Rand eines alten Waldes.
Dort begann eine Geschichte, die größer war als Holzbrücken, Türme und Sand.
Und tiefer als jeder Gedanke.
Die Geschichte
Der Spielplatz war voller Stimmen.
Kinder liefen über die Holzstege, balancierten über Seile und rutschten lachend in den Sand.
Doch ein Kind saß etwas abseits.
Auf einem breiten Baumstamm.
Sein Name war Emil.
Emil sprach nicht viel.
Aber er beobachtete.
Und er dachte nach.
Während die anderen Kinder Ritterburgen eroberten oder Drachen jagten, blickte Emil zum Waldrand.
Die Bäume dort wirkten älter.
Fast so, als würden sie auf etwas warten.
Und plötzlich fragte er sich:
Was wäre, wenn der Wald mehr ist als nur ein Wald?
Was, wenn dort jemand lebt, den man nur sehen kann, wenn man lange genug still bleibt?
In diesem Moment hörte Emil etwas.
Ein ganz leises Rascheln.
Doch der Wind hatte aufgehört.
Emil rutschte vom Baumstamm und ging ein paar Schritte Richtung Waldrand.
Nicht weit.
Nur ein kleines Stück.
Der Spielplatz war noch immer hinter ihm zu hören, doch die Geräusche wurden weicher.
Und dann sah er es.
Ein Licht.
Ganz klein.
Dann noch eines.
Und noch eines.
Die Lichter schwebten zwischen den Bäumen.
Langsam formten sie Gestalten.
Drei kleine Wesen mit schimmernden Flügeln.
Elfen.
Eine der Elfen trat näher.
Ihre Stimme klang wie ein Hauch im Gras.
"Du kannst uns sehen."
Emil dachte kurz nach.
Dann sagte er ruhig:
"Vielleicht, weil ich gerade nichts anderes suche."
Die Elfen sahen sich an.
Als hätten sie genau auf diese Antwort gewartet.
Die größte von ihnen lächelte.
"Viele Kinder kommen hierher."
"Aber nur wenige bleiben lange genug still."
Emil setzte sich wieder auf den Baumstamm.
"Was macht ihr hier?"
Die Elfe blickte in den Wald.
"Wir bewachen etwas."
"Was denn?"
"Die Türen."
In diesem Moment veränderte sich der Wald.
Es war, als würde die Erde tief unter ihnen atmen.
Ein Knacken.
Langsam.
Schwer.
Die Elfen wurden plötzlich ernst.
"Er kommt", flüsterte eine.
Emil spürte, wie der Boden leicht vibrierte.
Zwischen den Bäumen bewegte sich etwas.
Zuerst glaubte Emil, ein alter Baum würde sich im Wind neigen.
Doch dann trat die Gestalt hervor.
Groß.
Gewaltig.
Und uralt.
Der Körper bestand aus Rinde, Wurzeln und Moos. Kleine Pilze wuchsen auf seinen Schultern, und aus seinem Rücken ragten Äste wie ein Geweih.
Seine Augen leuchteten ruhig und tiefgrün.
Der Wurzelwächter.
Er blieb stehen.
Ganz still.
Der Wald selbst schien zu warten.
Dann blickte der Wächter zu Emil.
Nicht bedrohlich.
Eher prüfend.
"So klein", murmelte eine der Elfen.
"Und doch sieht er uns."
Der Wächter senkte leicht den Kopf.
Als würde er Emil begrüßen.
Emil schluckte.
"Bewacht er auch die Türen?"
Die Elfe nickte.
"Die älteste."
Emil dachte nach.
Und während er dachte, begann sich etwas zu verändern.
Der Boden zwischen den Wurzeln eines alten Baumes begann schwach zu leuchten.
Ein warmes Licht.
Wie ein verborgenes Tor.
Die Elfen lächelten leise.
"Du hast sie gefunden."
Emil staunte selbst.
"Ich glaube… ich habe sie mir nur vorgestellt."
Der Wurzelwächter bewegte sich langsam.
Als hätte er genau darauf gewartet.
Doch plötzlich hörte Emil eine Stimme.
Weit entfernt.
"Emil!"
Noch einmal.
"Emil, wo bist du?"
Der Wald begann sich zu verändern.
Die Elfen wurden wieder zu Licht.
Der Wächter wurde still wie ein Baum.
Und der Spielplatz kam zurück.
Epilog
"Da bist du ja!"
Emil blickte auf.
Seine Mutter stand vor ihm.
Kinder liefen über den Sand, die Schaukel bewegte sich im Wind.
Alles war wieder normal.
"Du warst ganz still", sagte sie.
Emil sah zum Waldrand.
Für einen Moment glaubte er, etwas zu erkennen.
Eine große Gestalt zwischen den Bäumen.
Ruhig.
Wachend.
Und kleine Lichter, die langsam zwischen den Ästen verschwanden.
Dann war alles wieder wie vorher.
Emil lächelte.
Denn er wusste jetzt etwas, das viele Erwachsene vergessen haben:
Man muss sich nicht verlaufen, um eine andere Welt zu finden.
Manchmal reicht es,
still zu sitzen
und lange genug
zu träumen.

