🏛️ Der Zimmermann aus Weimar – Eine Zeitreise durch Gengenbach 9
Menschen begegnen der Stadtgeschichte
Neunter Akt – Die Kirche wechselt den Herrn
Eddie und Hans stehen vor der Stadtkirche St. Marien.
Hans schaut zur Kirche.
"Das ist also die Stadtkirche."
"Ja."
Hans blickt noch einmal zurück zum Kloster.
"Aber das war doch die Klosterkirche."
"War sie."
"Und jetzt gehört sie der Stadt?"
Eddie nickt.
"Die Zeiten ändern sich."
Hans schaut ihn an.
"Schon wieder?"
"Diesmal gründlicher."
Hans wartet.
"Was ist passiert?"
Eddie deutet auf die Kirche.
"Napoleon."
Hans zieht die Augenbrauen hoch.
"Der Franzose?"
"Der Franzose."
"Und was hat er mit Gengenbach zu tun?"
"Mehr, als man denkt."
Eddie zeigt über die Stadt.
"Napoleon veränderte Europa. Das Alte Reich zerfiel. Kleine Herrschaften verschwanden, Grenzen wurden neu gezogen."
Hans schaut ihn an.
"Und Gengenbach?"
"Die Reichsstadt verlor ihre Selbstständigkeit."
Hans schweigt.
"Also war die Reichsstadt vorbei."
"Ja."
"Nach so vielen Jahrhunderten."
"Eine ganze Welt verschwand."
Hans blickt zur Kirche.
"Und dann kam die Säkularisierung."
"Genau."
"Das Kloster wurde aufgelöst."
"Und sein Besitz ging an weltliche Herren."
"An Baden."
Eddie nickt.
"Gengenbach wurde badisch."
Hans schaut über die Stadt.
"Also kam Napoleon, das Reich verschwand und Baden wurde der neue Herr."
"So kann man es sagen."
Hans betrachtet die Kirche.
"Und die Kirche?"
"Sie blieb."
"Nur der Herr wechselte."
"Genau."
Hans lächelt.
"Die Häuser sind geduldiger als die Herrscher."
Eddie grinst.
"Das habe ich dir doch gesagt."
Hans schaut wieder zur Kirche.
"Und dann kam Deutschland."
"1870 und 1871."
"Die Reichsgründung."
"Ja."
Hans nickt.
"Wieder ein Reich."
"Ein neues."
"Und Gengenbach?"
"Blieb, wo es war."
Hans sieht zur Kirche.
"Klosterkirche."
"Stadtkirche."
"Und später Teil eines neuen Deutschen Reiches."
Eddie nickt.
"Die Namen und Herrscher wechselten."
Hans legt die Hand an die alte Mauer.
"Aber die Steine blieben."
Eddie sieht ihn an.
"Nicht alle."
Hans schaut ihn fragend an.
"Viele wurden zerstört. Andere wieder aufgebaut. Manche haben Jahrhunderte überlebt."
Hans blickt an der Kirche hinauf.
"Dann erzählt dieses Gebäude mehr als die Menschen, die heute darin stehen."
"Vielleicht."
Hans lächelt.
"Schon wieder vielleicht."
"Ich bin Maurer. Ich prüfe erst, bevor ich abreiße."
Hans lacht.
Eine Weile stehen beide schweigend vor der Kirche.
Hans betrachtet die Fassade.
"Schon erstaunlich."
"Was?"
"Ein Herrscher verschwindet."
Eddie wartet.
"Ein Reich verschwindet."
Hans legt die Hand wieder auf den Stein.
"Und das Gebäude steht noch."
Eddie nickt.
"Nicht unverändert."
Hans schaut ihn an.
"Aber erkennbar."
"Genau."
Hans blickt über die Stadt.
"Dann ist Veränderung vielleicht nicht das Gegenteil von Erhalt."
Eddie lächelt.
"Das habe ich dir doch schon einmal gesagt."
"Nein."
Hans schaut zur Kirche.
"Jetzt sehe ich es."
Beide wenden sich der Kirche zu.
Vor ihnen liegen Jahrhunderte.
Hinter ihnen die Stadt.
Und über ihnen die Türme, die Herrscher, Kriege und neue Zeiten kommen und gehen.
Die Kirche aber steht noch.
