🏛️ Der Zimmermann aus Weimar – Eine Zeitreise durch Gengenbach 3
Menschen begegnen der Stadtgeschichte
Dritter Akt – Leben hinter den Mauern
Sie schlendern durch die Stadt.
Hans schaut nach links und rechts.
Die Gassen sind schmal. Die Häuser stehen dicht beieinander.
"Hier ist wenig Platz."
"Den gab es auch nicht."
Vor ihnen erhebt sich der Obertorturm.
Hans bleibt stehen.
"Noch ein Turm."
"Das Obertor."
Hans schaut nach oben.
"Und dahinter?"
Eddie zeigt auf ein altes Gebäude.
"Die Gemeindebäckerei."
Hans sieht ihn an.
"Eine Bäckerei für die ganze Stadt?"
"Früher konnte nicht jeder einfach einen Ofen bauen."
"Warum?"
"Platz war knapp. Und Feuer in einer engen Stadt war gefährlich."
Hans schaut auf die Häuser.
"Also regelte die Stadt, wo gearbeitet wurde."
"Und wer arbeiten durfte."
Hans nickt.
"Das Handwerk hatte seinen Platz."
"Jedes Handwerk."
Hans betrachtet die Häuser.
"Dann war die Stadt eigentlich eine große Werkstatt."
Eddie lächelt.
"Eine Werkstatt, ein Wohnort und ein Marktplatz."
"Alles auf engstem Raum."
"So war es."
Sie gehen weiter.
Eddie biegt in die Gänsbühlstraße ein.
Hans folgt ihm.
Die Gasse wird noch enger.
Hans bleibt stehen.
"Hier soll heute ein Auto durch?"
Eddie lacht.
"Wenn es überhaupt durchpasst."
Hans schaut die Gasse entlang.
"Für Menschen gebaut."
"Für Menschen und Pferde."
"Nicht für Autos."
"Die kamen später."
Hans blickt auf die Häuser.
"Heute würde man solche Straßen verbreitern."
"Damals hätte man dafür Häuser abreißen müssen."
Hans schaut ihn an.
"Und die Menschen hätten ihre Häuser verloren."
"Deshalb blieb die Stadt eng."
Hans betrachtet die Fassaden.
"Aber nicht nur deshalb."
Eddie sieht ihn an.
"Was meinst du?"
Hans deutet auf die Häuser.
"Wenn die Werkstatt im Haus ist, der Laden davor und die Wohnung darüber, brauchst du keine großen Wege."
Eddie nickt.
"Genau."
"Heute trennen wir vieles."
"Arbeiten hier. Wohnen dort. Einkaufen wieder woanders."
Hans schaut zurück.
"Damals war alles näher."
"Sehr viel näher."
Sie gehen weiter.
Vor ihnen erscheint der Schwedenturm.
Hans betrachtet die Mauer.
"Die Stadtmauer."
"Ein Teil davon."
Hans legt die Hand auf einen Stein.
"Das war einmal Schutz."
"Das war der Sinn."
"Und heute?"
"Heute ist sie Erinnerung."
Hans blickt die Mauer entlang.
"Im Mittelalter musste eine Stadt sich schützen."
"Vor Feinden. Vor Plünderern. Vor Krieg."
"Und später?"
Eddie schaut zum Turm.
"Dann kam der Dreißigjährige Krieg."
Hans wird aufmerksam.
"Auch hier?"
"Auch hier."
"Dann haben diese Mauern mehr gesehen als nur friedliche Bürger."
Eddie nickt.
"Sie haben Menschen kommen sehen, die nicht eingeladen waren."
Hans sieht auf die schmale Gasse.
"Und die Stadt musste sie aufnehmen?"
"Wenn sie nicht stark genug war, sich zu wehren."
Hans schweigt.
Er fährt noch einmal mit der Hand über den Stein.
"Eine Mauer ist also auch eine Grenze."
"Eine Grenze und ein Schutz."
"Und irgendwann wird aus Schutz ein Hindernis."
Eddie schaut ihn an.
"Wann?"
Hans zuckt mit den Schultern.
"Wenn die Stadt wächst."
Eddie nickt langsam.
"Das ist eine gute Frage."
Sie gehen weiter.
Vor ihnen liegt die Alte Ratskanzlei.
Hans bleibt stehen.
"Hier wurde entschieden."
"Hier wurde beraten."
"Wer hat entschieden?"
Eddie schaut auf das Gebäude.
"Gengenbach war Reichsstadt."
Hans wartet.
"Und das Kloster?"
"Das Kloster hatte Macht."
"Also zwei Herren?"
"Mehr als zwei."
Hans schaut ihn an.
"Und die Bürger?"
Eddie lächelt.
"Die Bürger hatten etwas zu sagen."
"Wie viel?"
"Mehr als anderswo. Weniger als heute."
Hans blickt auf die Ratskanzlei.
"Dann haben sie schon damals gelernt, ihre Stadt selbst zu gestalten."
"Das haben sie."
Hans schaut noch einmal auf das Gebäude.
"Dann mussten sie auch entscheiden, was gebaut wurde."
"Natürlich."
"Und was nicht."
Eddie nickt.
"Eine Stadt entsteht nicht einfach."
Hans lächelt.
"Das sage ich als Handwerker."
Sie gehen weiter.
Vor ihnen öffnet sich die Höllengasse.
Hans schaut in die schmale Gasse.
"Höllengasse."
"So heißt sie."
Hans grinst.
"Der Name passt."
"Warum?"
Hans deutet auf die enge Gasse.
"Wenn hier ein Pferdewagen entgegenkommt, beginnt die Hölle."
Eddie lacht.
"Dann warst du noch nie hier, wenn Markt ist."
Sie gehen ein Stück weiter.
Plötzlich öffnet sich der Blick.
Vor ihnen steht der Marktbrunnen.
Hans bleibt stehen.
"Das ist anders."
"Was?"
"Hier ist Platz."
Eddie nickt.
"Der Marktplatz."
Hans betrachtet den Brunnen.
"Wasser mitten in der Stadt."
"Der Brunnen versorgte die Menschen."
Hans schaut sich um.
"Hier traf sich die Stadt."
"Hier wurde gehandelt. Hier wurde geredet. Hier erfuhr man, was in der Stadt geschah."
Hans blickt vom Brunnen zu den Häusern.
"Dann war dieser Platz mehr als ein Platz."
"Das Herz der Stadt."
Hans nickt.
"Jetzt verstehe ich."
Eddie schaut ihn an.
"Was?"
Hans blickt zurück in die engen Gassen.
"Warum man eine Stadt nicht einfach auseinandernehmen kann."
Eddie wartet.
"Jedes Haus hängt mit dem nächsten zusammen."
Eddie lächelt.
"Jetzt siehst du mehr als Balken und Mauern."
Hans schaut über den Marktplatz.
"Ich sehe eine Ordnung."
"Eine gewachsene Ordnung."
"Die man heute leicht für Unordnung hält."
Eddie nickt.
"Und genau da beginnt unser Problem."
Hans sieht ihn an.
"Welches Problem?"
Eddie deutet auf die engen Gassen.
"Wir wollen heute anders wohnen."
Hans schaut auf die Häuser.
"Das ist kein Problem."
Eddie lächelt.
"Noch nicht."
Hans grinst.
"Du meinst, ich werde eines daraus machen."
"Ich kenne Zimmerleute."
Hans lacht.
"Dann zeig mir weiter deine Stadt."
Eddie deutet über den Marktplatz.
"Komm."
Gemeinsam gehen sie weiter.
Hinter ihnen bleiben die engen Gassen.
Vor ihnen steht eine neue Frage.
Nicht mehr nur:
Wie wurde diese Stadt gebaut?
Sondern:
Wie soll sie weiterleben?
