Das Geheimnis des Hennegrabens 
Eine Schwarzwaldsage für Kinder ab 6 Jahren

© Gerd Groß 31.08.2026


🌲 Das Geheimnis beginnt

Man sagt, der Schwarzwald könne sich an alte Geschichten erinnern.

Wenn am Abend der Nebel aus dem Rheintal steigt und sich über die Weinberge von Kappelwindeck legt, wenn der Wind durch die Bäume streicht und oben die alten Mauern der Burg Windeck im letzten Licht stehen, dann kann man manchmal glauben, dass der Wald etwas erzählen möchte.

Unterhalb der Burg fließt der Hennegraben durch den Wald.

Das Wasser plätschert über Steine.

Blätter rascheln.

Und zwischen den Bäumen führt ein schmaler Weg hinauf zur Burg.

Vor langer Zeit gingen dort zwei Kinder entlang.

Sie hießen Imma und Georg.

Und sie hatten eine wichtige Aufgabe.

Sie wollten ihren Onkel nach Hause holen.


🌄 1. Kapitel: Der Weg beginnt

Es war schon später Nachmittag, als Imma ihren kleinen Bruder Georg an der Hand nahm.

Unter ihnen lag Kappelwindeck.

Die Häuser standen zwischen den Weinbergen, und über den Dächern stieg noch ein wenig Rauch in den Himmel.

Georg kannte hier jeden Weg.

Aber heute gingen sie in eine andere Richtung.

Immer weiter hinauf.

"Wo gehen wir hin?", fragte Georg.

Imma zeigte nach oben.

Dort stand die Burg Windeck.

"Zu Onkel."

Georg blieb stehen.

"Aber dort dürfen wir doch nicht hin."

Imma sah ihn ernst an.

Ihr Onkel, der Dechant, war auf der Burg festgehalten worden.

Niemand wusste genau, warum.

Für Georg war nur eines wichtig:

Onkel musste nach Hause.

Der Dechant hatte sich immer um die beiden gekümmert.

Er hatte ihnen Geschichten erzählt, ihnen Lesen beigebracht und ihnen etwas Wichtiges gesagt:

"Mut bedeutet nicht, dass man keine Angst hat."

Georg erinnerte sich daran.

"Und was bedeutet Mut dann?"

Imma lächelte.

"Dass man trotzdem weitergeht."

Sie zeigte auf den Wald.

"Wir nehmen den Hennegraben."

Georg schluckte.

Der Wald sah dunkel aus.

Aber er nahm die Hand seiner Schwester.

"Dann gehe ich mit dir."


🌿 2. Kapitel: Im Hennegraben

Schon nach wenigen Schritten waren die letzten Häuser von Kappelwindeck verschwunden.

Der Wald wurde dichter.

Das Licht zwischen den Bäumen wurde schwächer.

Und irgendwo neben ihnen plätscherte das Wasser des Hennegrabens.

Plitsch.

Platsch.

Plitsch.

Georg sah sich um.

"Ist der Weg noch weit?"

"Ein Stück", sagte Imma.

Sie stiegen über Wurzeln und kleine Steine.

Manchmal mussten sie sich an einem Baum festhalten.

Dann blieb Georg plötzlich stehen.

"Hast du das gehört?"

Imma drehte sich um.

"Was?"

Knack!

Hinter ihnen war ein Ast zerbrochen.

Georg drückte die Hand seiner Schwester.

"Da war jemand!"

Beide lauschten.

Nichts.

Dann raschelte es wieder.

Imma zog Georg vorsichtig hinter einen großen Felsen.

Das Rascheln kam näher.

Ein Schatten bewegte sich zwischen den Bäumen.

Georg hielt den Atem an.

Dann sprang plötzlich ein Reh aus dem Gebüsch.

Mit einem Satz war es verschwunden.

Georg atmete tief aus.

Imma musste lachen.

"Du hattest Angst!"

"Nein!"

"Doch."

Georg überlegte kurz.

"Na gut. Ein bisschen."

Imma nickte.

"Ich auch."

Dann gingen sie weiter.

Denn Angst konnte sie begleiten.

Aber sie durfte nicht bestimmen, wohin sie gingen.


🏰 3. Kapitel: Die Burg Windeck

Je höher die Kinder kamen, desto öfter konnten sie die Burg zwischen den Bäumen sehen.

Ein Stück Mauer.

Ein alter Turm.

Dann wieder nur dunkle Äste.

Die Burg schien immer näher zu kommen.

Endlich traten sie aus dem Wald.

Vor ihnen standen die alten Mauern der Burg Windeck.

Georg blickte nach oben.

"Sie ist riesig!"

Imma nickte.

Auch sie hatte ein mulmiges Gefühl im Bauch.

Hier oben war alles anders.

Der Wind pfiff um die Mauern.

Die Schatten wurden länger.

Und irgendwo hinter den Mauern war ihr Onkel.

"Ich habe Angst", flüsterte Georg.

Imma drückte seine Hand.

"Ich auch."

Dann gingen sie weiter.

Ganz vorsichtig.

Sie versteckten sich, wenn Menschen vorbeikamen, und warteten, bis niemand mehr zu sehen war.

Schließlich entdeckte Imma eine Tür.

Dahinter hörte sie eine Stimme.

Sie kannte diese Stimme.

"Onkel!"


🕯️ 4. Kapitel: Im dunklen Raum

Im Raum hinter der Tür war es dunkel.

In einer Ecke saß der Dechant.

Als er die Kinder sah, konnte er es kaum glauben.

"Imma? Georg? Was macht ihr denn hier?"

Georg lief sofort zu ihm.

"Wir holen dich nach Hause!"

Der Dechant nahm seinen kleinen Neffen in die Arme.

Dann sah er Imma an.

"Ihr seid den ganzen Weg allein gekommen?"

Imma nickte.

"Durch den Hennegraben."

Der Dechant wurde ganz still.

"Ihr müsst sehr mutig gewesen sein."

Da hörten sie plötzlich Schritte.

Alle drei schauten zur Tür.

Die Schritte kamen näher.

Imma stellte sich neben ihren Bruder.

Die Tür öffnete sich.

Ein Mann trat herein.

Er war der Burgherr.

Er sah zuerst den Dechanten an.

Dann die beiden Kinder.

"Wer seid ihr?", fragte er.

"Ich bin Imma."

Sie zeigte auf ihren Bruder.

"Und das ist Georg."

Der Burgherr sah die Kinder erstaunt an.

"Wie seid ihr hierhergekommen?"

Imma antwortete:

"Durch den Hennegraben."

"Ganz allein?"

Imma nickte.

Der Burgherr sah sie lange an.

Dann fragte er:

"Warum seid ihr gekommen?"

Imma zeigte auf ihren Onkel.

"Wir wollen ihn nach Hause bringen."


🔑 5. Kapitel: Der Schlüssel

Der Burgherr schwieg.

Er hatte mit vielem gerechnet.

Aber nicht mit zwei Kindern, die bei Dunkelheit durch den Wald gekommen waren, um ihren Onkel zu holen.

Er sah Georg an.

Der Junge hielt die Hand seiner Schwester ganz fest.

Dann sah er Imma an.

Sie hatte Angst.

Das konnte er sehen.

Aber sie war trotzdem gekommen.

Der Burgherr nahm einen Schlüssel aus seiner Tasche.

"Manchmal", sagte er langsam, "braucht es mehr Mut, um um etwas zu bitten, als um etwas zu kämpfen."

Dann ging er zu einer Tür.

Klirr!

Der Schlüssel drehte sich im Schloss.

Die Tür öffnete sich.

Der Dechant war frei.

Georg konnte es kaum glauben.

"Wir dürfen gehen?"

Der Burgherr nickte.

"Ja."

Imma sah ihn an.

"Warum?"

Der Mann blickte hinaus in die Nacht.

"Weil eine alte Streitigkeit nicht wichtiger sein sollte als eine Familie."

Der Dechant trat zu ihm.

"Danke."

Der Burgherr nickte nur.

Dann sagte er zu Imma:

"Vergiss den Weg nicht, den du gegangen bist."

Imma wusste sofort, was er meinte.

Den Hennegraben.

Den dunklen Wald.

Die Angst.

Und den Mut.


🌙 6. Kapitel: Der Weg nach Hause

Gemeinsam machten sich die drei auf den Weg.

Die Burg Windeck blieb hinter ihnen zurück.

Vor ihnen lag der Wald.

Der gleiche Wald wie zuvor.

Aber jetzt fühlte er sich nicht mehr ganz so dunkel an.

Das Wasser des Hennegrabens rauschte neben dem Weg.

Plitsch.

Platsch.

Plitsch.

Georg ging zwischen Imma und dem Dechanten.

"Ich glaube", sagte er, "ich habe heute etwas gelernt."

"Was denn?", fragte der Dechant.

Georg dachte nach.

"Dass man auch Angst haben kann und trotzdem mutig ist."

Der Dechant lächelte.

"Das ist eine wichtige Erkenntnis."

Imma nahm ihren Bruder an der Hand.

Bald sahen sie die ersten Lichter von Kappelwindeck.

Ihr Zuhause.

Die Nacht war fast vorbei.

Am Himmel zeigte sich bereits ein heller Streifen.

Als sie den Wald verließen, drehte sich Imma noch einmal um.

Hoch oben stand die Burg Windeck.

Ihre alten Mauern leuchteten im ersten Licht des Morgens.

Dann gingen die drei weiter.

Nach Hause.


🌳 Und was erzählt der Wald heute?

Viele Jahre sind vergangen.

Die Burg Windeck ist heute eine Ruine.

Doch ihre alten Mauern stehen noch immer über Kappelwindeck.

Der Hennegraben fließt weiterhin durch den Wald.

Das Wasser läuft über die Steine.

Der Wind bewegt die Blätter.

Und wer heute durch den Wald wandert, kann vielleicht verstehen, warum Imma und Georg ihren Weg niemals vergessen haben.

Denn ihre Geschichte erzählt von etwas, das auch heute noch wichtig ist:

Man muss nicht besonders groß sein, um mutig zu sein.

Man muss nicht ohne Angst sein.

Manchmal reicht es, die Hand eines Menschen zu nehmen, den man liebt.

Und den nächsten Schritt zu machen.

Denn Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben. Mut bedeutet, trotzdem weiterzugehen.


⭐ Das Ende einer Geschichte – und der Anfang einer Wanderung

Wenn du den Hennegraben selbst entdecken möchtest, kannst du den Weg von Kappelwindeck hinauf zur Burg Windeck wandern.

Vielleicht hörst du dabei das Wasser zwischen den Steinen.

Vielleicht raschelt ein Reh im Wald.

Und vielleicht kannst du dir vorstellen, wie zwei Kinder vor langer Zeit genau hier entlanggegangen sind.

Imma und Georg.

Hand in Hand.

Auf dem Weg nach Hause.