Das Geheimnis des Hennegrabens
Hörspielfassung
© Gerd Groß 31.08.2026
🎙️ Die Hörspielfassung
Eine Schwarzwaldsage zum Hören
Lehnen Sie sich zurück.
Schließen Sie für einen Augenblick die Augen.
Und lassen Sie sich mitnehmen nach Kappelwindeck – hinauf zur Burg Windeck und hinein in den dunklen Wald am Hennegraben.
Dort beginnt die Geschichte von Imma und Georg.
Zwei Geschwister.
Eine gefangene Bezugsperson.
Eine alte Burg.
Und ein Weg, den sie trotz ihrer Angst gehen müssen.
🎧 Das Hörspiel
Eine tiefe Stimme erzählt.
Der Wald rauscht.
Wasser läuft über Steine.
Schritte bewegen sich durch das Laub.
Eine alte Tür öffnet sich.
Ein Schlüsselbund klirrt.
Und irgendwo über dem Kappelwindeck liegt die Burg Windeck im Dunkel.
Die Geschichte verbindet Erzählstimme, Musik und natürliche Geräusche zu einem akustischen Erlebnis.
Nicht als großes Spektakel.
Sondern ruhig, geheimnisvoll und nah.
Wie eine Geschichte, die man sich früher am Feuer erzählt hat.
▶️ Jetzt anhören
Das Geheimnis des Hennegrabens – die vollständige Hörspielfassung
🎙️ Eine Stimme erzählt
Für die Hörspielfassung wurde bewusst eine einzige Erzählerstimme gewählt.
Ein tiefer, warmer Bariton führt durch die Geschichte.
Er erzählt von Imma und Georg, beschreibt den Wald, die Burg und den Hennegraben und lässt die Figuren durch kurze Dialoge lebendig werden.
Musik und Geräusche ergänzen die Erzählung, ohne sie zu überdecken.
So entsteht kein klassisches Hörspiel mit vielen Sprecherrollen.
Es entsteht eine erzählte Sage.
🎧 Der vollständige Hörspieltext
Hier würde ich eine deutliche Zäsur setzen:
🎧 Das Hörspiel zum Nachlesen
Wer die Geschichte nicht nur hören, sondern auch als Text verfolgen möchte, findet hier die vollständige Hörspielfassung.
Imma und Georg – Das Geheimnis des Hennegrabens
Hörsage für eine Stimme
Prolog – Wo die Geschichte beginnt
[Musik: leise, märchenhaft, Schwarzwald. Langsam einsetzen.]
Wenn am Abend die Sonne über den Weinbergen von Kappelwindeck versinkt, verändert sich das Tal.
Die Geräusche des Tages werden leiser.
Die Häuser liegen still zwischen den Hängen.
Und hoch über Kappelwindeck stehen die alten Mauern der Burg Windeck.
Tagsüber mag man dort nur eine Ruine sehen.
Alte Steine.
Verwitterte Mauern.
Eine Burg, von der nicht viel mehr geblieben ist als das, was die Zeit übrig gelassen hat.
Doch wenn die Dämmerung kommt, ist es, als würde die Vergangenheit für einen Augenblick näher rücken.
Dann erzählen die Steine ihre Geschichten.
Eine davon führt hinunter in den Wald.
Dorthin, wo sich der Hennegraben durch den Kappelwindecker Wald zieht.
Ein schmaler Weg zwischen Felsen und Wurzeln.
Wasser, das über Steine rinnt.
Alte Bäume, deren Kronen sich über dem Graben schließen.
Und manchmal, wenn der Wind durch die Zweige streicht, klingt es beinahe so, als würde jemand flüstern.
Von einer längst vergangenen Zeit.
Von einem Gefangenen.
Von einer Burg.
Und von zwei Kindern.
Imma und Georg.
[Musik langsam zurücknehmen.]
So erzählt man sich die Geschichte.
Ob sie sich genau so zugetragen hat, weiß heute niemand mehr.
Aber vielleicht müssen Geschichten auch nicht in jedem Detail wahr sein.
Manchmal genügt es, dass sie etwas bewahren.
Eine Erinnerung.
Eine Hoffnung.
Oder den Mut eines Menschen.
Diese Geschichte beginnt an einem Abend in Kappelwindeck.
Vor langer Zeit.
1. Kapitel – Der Weg nach oben
[Atmosphäre: sehr leiser Abendwald.]
Imma stand am Rand der Weinberge und sah hinauf.
Dort oben lag die Burg Windeck.
Im letzten Licht des Tages zeichneten sich ihre Mauern dunkel gegen den Himmel ab.
Neben ihr stand ihr kleiner Bruder Georg.
Er fror.
"Imma", sagte er leise, "müssen wir wirklich gehen?"
Imma sah ihn an.
Sie hätte ihm gern gesagt, dass alles gut werden würde.
Aber das wusste sie selbst nicht.
Also sagte sie nur:
"Wir müssen."
Hinter ihnen lag Kappelwindeck.
Ihr Zuhause.
Die vertrauten Häuser.
Die Weinberge.
Die Wege, die sie kannten.
Vor ihnen lag der Wald.
Und irgendwo dort oben, in der Burg Windeck, war ihr Onkel gefangen.
Der Dechant hatte den Kindern nach dem Tod ihrer Eltern ein Zuhause gegeben.
Er war für sie da gewesen, wenn niemand sonst da war.
Nun hatten ihn die Männer der Windeck fortgebracht.
Warum, wusste Georg nicht.
Die Erwachsenen hatten von einer Fehde gesprochen.
Von Streit.
Von Ehre.
Von Dingen, die für Kinder schwer zu verstehen waren.
Aber Imma verstand eines sehr gut.
Ihr Onkel brauchte Hilfe.
Und niemand kam.
Also würden sie selbst gehen.
Imma nahm Georgs Hand.
"Komm."
Sie gingen.
Zuerst führte der Weg durch die letzten Weinberge.
Dann kamen die ersten Bäume.
Hinter ihnen blieb Kappelwindeck zurück.
Vor ihnen begann der Hennegraben.
2. Kapitel – Der Hennegraben
[Geräusch: leise Schritte auf Waldboden. Sehr dezentes Wasser.]
Schon nach wenigen Minuten wurde es dunkler.
Die Bäume standen dicht beieinander.
Das Wasser des Hennegrabens rauschte neben ihnen über die Steine.
Georg ging dicht hinter seiner Schwester.
"Glaubst du, sie suchen uns?"
"Ja."
"Und wenn sie uns finden?"
Imma blieb stehen.
Sie sah ihren Bruder an.
Dann sagte sie:
"Dann laufen wir weiter."
Georg nickte.
Er war erst zehn Jahre alt.
Und obwohl er versuchte, tapfer zu sein, konnte Imma spüren, wie seine Hand zitterte.
Sie drückte sie fester.
"Hab keine Angst."
"Ich habe aber Angst."
Imma schwieg einen Moment.
Dann sagte sie:
"Ich auch."
Georg sah sie überrascht an.
"Du?"
"Natürlich."
"Aber du bist doch mutig."
Imma sah den dunklen Weg vor ihnen.
"Mutig sein heißt nicht, dass man keine Angst hat."
Sie nahm wieder seine Hand.
"Man muss nur trotzdem weitergehen."
Dann gingen sie weiter.
Der Hennegraben wurde enger.
Felsen ragten aus dem Boden.
Wurzeln lagen quer über dem Weg.
Und immer wieder sah Imma nach oben.
Zwischen den Bäumen konnte sie die Burg Windeck erkennen.
Nur für einen Augenblick.
Dann war sie wieder verschwunden.
Doch die Kinder wussten:
Sie kamen näher.
3. Kapitel – Ein Geräusch im Wald
[Atmosphäre etwas dichter. Wasser und Wind leicht verstärken.]
Es wurde stiller.
Zu still.
Georg blieb plötzlich stehen.
"Imma."
"Was ist?"
"Hast du das gehört?"
Imma lauschte.
Nichts.
Nur das Wasser.
Dann knackte hinter ihnen ein Ast.
Georg griff nach ihrer Hand.
Imma zog ihn hinter einen Felsen.
Beide blieben reglos.
Wieder ein Geräusch.
Ein Schritt.
Dann noch einer.
Jemand kam durch den Wald.
Georg hielt den Atem an.
Imma legte einen Finger auf die Lippen.
Die Schritte kamen näher.
Noch näher.
Dann bewegte sich etwas zwischen den Bäumen.
Ein Schatten.
Georg schloss die Augen.
Und plötzlich sprang ein Reh aus dem Unterholz.
Mit wenigen Sätzen verschwand es zwischen den Bäumen.
Stille.
Georg atmete aus.
Imma sah ihn an.
"Du hast dich erschrocken."
"Nein."
"Doch."
"Ein bisschen."
Imma lächelte.
"Ich auch."
Für einen kurzen Moment mussten beide lachen.
Dann sah Imma wieder nach oben.
Die Burg Windeck war zwischen den Bäumen zu sehen.
Diesmal war sie näher.
Viel näher.
Und plötzlich war Imma nicht mehr zum Lachen zumute.
Denn sie wusste:
Der gefährlichste Teil ihres Weges begann erst.
4. Kapitel – Die Mauern der Burg Windeck
[Musik: dunkleres, zurückhaltendes Motiv. Nicht dramatisch.]
Die Kinder verließen den Hennegraben.
Vor ihnen erhoben sich die Mauern der Burg Windeck.
Im Dunkel wirkten sie größer als am Tag.
Kälter.
Abweisender.
Georg sah hinauf.
"Imma."
"Ja?"
"Ich möchte nach Hause."
Imma sah zurück.
Dort unten lag Kappelwindeck.
Sie konnten es nicht mehr sehen.
Aber sie wussten, dass es dort war.
"Wir gehen nach Hause", sagte Imma.
"Wann?"
Sie sah zur Burg.
"Wenn wir Onkel gefunden haben."
Sie gingen näher.
An einer Mauer blieben sie stehen.
Aus der Burg drangen Stimmen.
Männer.
Ein Lachen.
Dann das Klirren von Metall.
Georg rückte näher an seine Schwester.
Imma suchte nach einem Weg.
Sie wartete.
Eine Fackel bewegte sich über den Burghof.
Zwei Männer gingen vorbei.
Dann wurde es wieder dunkel.
"Jetzt", flüsterte Imma.
Sie liefen.
Ganz leise.
Bis sie einen schmalen Durchgang erreichten.
Hinter ihnen lag der Wald.
Vor ihnen die Burg.
Imma legte die Hand auf das alte Holz.
Die Tür bewegte sich.
Sie war nicht verschlossen.
Georg sah seine Schwester an.
"Ist das gut?"
Imma schüttelte langsam den Kopf.
"Ich weiß es nicht."
Dann öffnete sie die Tür.
Und die beiden Kinder betraten die Burg Windeck.
[Musik kurz halten, dann ausblenden.]
[Kurze Stille.]
Von diesem Augenblick an gab es für sie keinen Weg zurück.
5. Kapitel – Im Inneren der Burg
[Atmosphäre: gedämpfter Wind, sehr leise. Kein Wald mehr.]
Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss.
Imma und Georg standen still.
Vor ihnen lag ein schmaler Gang.
Die Mauern waren aus kaltem Stein.
Eine Fackel brannte in einiger Entfernung und warf flackernde Schatten über den Boden.
Georg flüsterte:
"Imma."
"Was?"
"Wir sollten nicht hier sein."
Imma wusste, dass er recht hatte.
Doch sie nahm seine Hand.
"Wir müssen Onkel finden."
Sie gingen langsam weiter.
Jeder Schritt schien in der Burg viel lauter zu sein als draußen im Wald.
Von irgendwoher drangen Stimmen.
Die Kinder blieben stehen.
Eine Männerstimme.
Dann eine zweite.
Sie konnten die Worte nicht verstehen.
Imma zog Georg in eine Nische.
Kurz darauf kamen zwei Männer den Gang entlang.
Sie sprachen leise miteinander.
Einer trug einen Schlüsselbund.
Georg sah ihm nach.
"Der hat Schlüssel."
"Ich weiß."
"Vielleicht ist einer davon für Onkel."
Imma antwortete nicht.
Sie wartete, bis die Männer verschwunden waren.
Dann folgten sie ihnen.
6. Kapitel – Die Stimme hinter der Tür
[Geräusch: einzelne Schritte auf Stein.]
Der Gang führte tiefer in die Burg.
Hier war es dunkler.
Die Fackeln standen weiter auseinander.
Georg stolperte.
Imma fing ihn auf.
"Leise."
Dann hörte sie etwas.
Eine Stimme.
Ganz schwach.
Sie blieb stehen.
"Hast du das gehört?"
Georg nickte.
Sie gingen weiter.
Die Stimme kam aus einem Raum hinter einer schweren Holztür.
Imma legte ihr Ohr an das Holz.
"... morgen ..."
Sie konnte die Worte kaum verstehen.
Dann erkannte sie die Stimme.
"Onkel."
Georg wollte sofort die Tür öffnen.
Imma hielt ihn zurück.
"Warte."
Sie sah den Gang hinunter.
Niemand.
Dann drückte sie vorsichtig die Klinke.
Die Tür öffnete sich.
7. Kapitel – Der Gefangene
[Musik: sehr leise, warmes Motiv.]
Der Raum war klein.
An der Wand brannte eine einzelne Fackel.
Auf einem Schemel saß der Dechant.
Seine Hände waren gefesselt.
Er hob den Kopf.
Für einen Augenblick schien er nicht zu begreifen, was er sah.
Dann stand er auf.
"Imma?"
Georg lief zu ihm.
"Onkel!"
Der Dechant ging in die Knie und schloss den Jungen in die Arme.
"Was tut ihr hier?"
"Wir holen dich."
Der Dechant sah zu Imma.
Sein Gesicht wurde ernst.
"Ihr müsst sofort fort."
"Nein."
"Imma."
"Wir gehen nicht ohne dich."
Der Dechant schüttelte den Kopf.
"Ihr versteht nicht, was ihr getan habt. Wenn euch jemand hier findet..."
Er sprach den Satz nicht zu Ende.
Denn draußen waren Schritte zu hören.
Imma erstarrte.
Der Dechant sah zur Tür.
Die Schritte kamen näher.
Dann blieben sie stehen.
Jemand sprach.
Ein Schlüssel bewegte sich im Schloss.
Die Tür öffnete sich.
8. Kapitel – Der Burgherr
[Musik vollständig zurücknehmen.]
Zwei Männer standen vor der Tür.
Hinter ihnen kam ein dritter.
Er trug keine hastige Bewegung in sich.
Keinen Zorn.
Er blieb einfach stehen und sah in den Raum.
Sein Blick fiel auf den Dechanten.
Dann auf Georg.
Dann auf Imma.
Niemand sprach.
Der Burgherr von Windeck hatte die Kinder gefunden.
Oder sie ihn.
Er trat ein.
"Wer seid ihr?"
Imma hielt Georgs Hand.
"Imma."
"Und der Junge?"
"Georg."
Der Burgherr sah sie lange an.
"Wie seid ihr hierhergekommen?"
Imma antwortete:
"Durch den Hennegraben."
Der Mann hob leicht den Kopf.
"Aus Kappelwindeck?"
"Ja."
Er sah zum Dechanten.
Dann wieder zu den Kindern.
"Ihr seid allein gekommen?"
Imma nickte.
"Warum?"
Imma schwieg.
Der Burgherr wartete.
Schließlich sagte sie:
"Wir wollten unseren Onkel holen."
Einer der Männer hinter ihm lachte leise.
Der Burgherr drehte nur den Kopf.
Das Lachen verstummte.
Dann sah er wieder Imma an.
"Du weißt, wer ich bin?"
"Der Burgherr."
"Und du weißt, dass dein Onkel mein Gefangener ist?"
"Ja."
"Dann weißt du auch, dass du hier nichts zu fordern hast."
Imma sah auf den Boden.
Georg drückte ihre Hand.
Dann hob sie den Kopf.
"Ich weiß."
Ihre Stimme war leise.
"Aber ich kann Sie bitten."
Der Burgherr antwortete nicht.
Draußen strich der Wind über die Mauern.
Für einen Augenblick war nur das Flackern der Fackel zu hören.
9. Kapitel – Eine Entscheidung
Der Burgherr ging langsam durch den Raum.
Er blieb vor dem Dechanten stehen.
Dann sah er die Kinder an.
Er hatte in seinem Leben viele Menschen vor sich stehen sehen.
Männer mit Waffen.
Männer, die um Besitz stritten.
Männer, die von Ehre sprachen und dabei bereit waren, andere ins Unglück zu stürzen.
Doch diese beiden Kinder waren ohne Waffen gekommen.
Ohne Schutz.
Durch den dunklen Wald.
Bis in seine Burg.
Für einen Menschen, den sie liebten.
Imma sagte nichts mehr.
Sie musste auch nichts mehr sagen.
Der Burgherr sah zu den Fesseln des Dechanten.
Dann zu einem der Männer.
"Den Schlüssel."
Der Mann zögerte.
"Herr?"
"Den Schlüssel."
Er reichte ihn ihm.
Der Burgherr ging zum Dechanten.
Das Schloss klemmte.
Einmal.
Zweimal.
Dann sprang es auf.
Die Ketten fielen zu Boden.
[Geräusch: Metall fällt auf Stein.]
Georg sah auf die Ketten.
Der Dechant rieb seine Handgelenke.
Imma atmete langsam aus.
"Warum?", fragte der Dechant.
Der Burgherr sah ihn an.
"Weil dieser Streit schon lange genug gedauert hat."
Er blickte zu den Kindern.
"Und weil ich nicht möchte, dass zwei Kinder wegen des Streits der Erwachsenen Angst vor dieser Burg haben müssen."
Imma sah ihn an.
Der Mann wandte sich zur Tür.
"Geht."
Der Dechant verneigte sich.
"Danke."
Der Burgherr sagte nichts.
Die drei gingen an ihm vorbei.
Kurz vor der Tür blieb Imma stehen.
Sie drehte sich um.
"Danke", sagte sie noch einmal.
Der Burgherr nickte.
Dann öffnete Imma die Tür.
Und gemeinsam verließen sie den Raum.
10. Kapitel – Zurück durch den Hennegraben
[Musik: das warme Motiv aus dem Prolog, sehr leise.]
Die Nacht lag über dem Wald.
Unterhalb der Burg Windeck führte der Weg zurück in den Hennegraben.
Imma ging vorne.
Georg neben dem Dechanten.
Niemand sprach lange.
Dann blieb Georg stehen.
"Onkel?"
"Ja?"
"Glaubst du, der Burgherr ist böse?"
Der Dechant dachte nach.
"Ich glaube, Georg, dass kein Mensch nur gut oder nur böse ist."
Georg sah zurück.
Oben über den Bäumen war die Burg Windeck noch zu erkennen.
"Warum hat er uns dann gehen lassen?"
Der Dechant lächelte.
"Vielleicht, weil ihr ihm etwas gezeigt habt."
"Was?"
"Dass Mut manchmal stärker ist als Macht."
Georg sah zu Imma.
"Das hat sie gesagt."
Imma drehte sich um.
"Was habe ich gesagt?"
"Dass man mutig sein kann, obwohl man Angst hat."
Der Dechant sah die beiden Kinder an.
Dann gingen sie weiter.
Das Wasser des Hennegrabens rauschte neben ihnen.
Und weit über ihnen stand die Burg Windeck.
Still.
Dunkel.
Als würde sie auf das Tal hinuntersehen.
[Musik langsam ausblenden.]
Epilog – Was geblieben ist
Viele Jahre sind vergangen.
Kappelwindeck hat sich verändert.
Die Menschen bauen Häuser, fahren auf Straßen und gehen ihren täglichen Wegen nach.
Doch oben über dem Tal stehen noch immer die Mauern der Burg Windeck.
Und unten im Wald fließt noch immer der Hennegraben.
Vielleicht erinnert sich das Wasser.
Vielleicht erinnern sich die alten Bäume.
Vielleicht sind es auch nur wir Menschen, die an bestimmten Orten Geschichten brauchen.
Wenn ihr einmal von Kappelwindeck hinauf zur Burg Windeck geht und dabei den Hennegraben entlangwandert, dann bleibt vielleicht für einen Augenblick stehen.
Hört auf das Wasser.
Auf den Wind.
Auf den Wald.
Und vielleicht könnt ihr euch vorstellen, wie zwei Kinder vor langer Zeit denselben Weg gegangen sind.
Angst im Herzen.
Aber eine Hand in der anderen.
Imma und Georg.
Sie gingen durch die Dunkelheit, weil sie jemanden liebten.
Und vielleicht ist genau das die Geschichte, die der Hennegraben bis heute bewahrt.
Die Geschichte von zwei Geschwistern.
Von einer Burg.
Von einer Entscheidung.
Und von dem Mut, den man findet, wenn man für einen Menschen, den man liebt, weitergeht, obwohl man Angst hat.
