🏛️ Der Zimmermann aus Weimar – Eine Zeitreise durch Gengenbach
Menschen begegnen der Stadtgeschichte
Zweiter Akt – Hinter dem Tor
Das Kinzigtor liegt vor ihnen.
Hans bleibt stehen.
Der Turm hat bessere Tage gesehen.
Im Mauerwerk sind Schäden zu erkennen. Der Putz ist an manchen Stellen abgefallen. Das Tor ist alt und abgenutzt.
Hans betrachtet das Mauerwerk.
"Das hat viel erlebt."
"Mehr, als man sieht", sagt Eddie.
Sie gehen durch das Tor.
Hans schaut sich um.
Die Häuser sind alt. Fachwerk, Putz, Mauern. Dazwischen Spuren von Umbauten und Beschädigungen.
Hans bleibt stehen.
"Das ist deine Stadt?"
"Ja."
"Sie hat gelitten."
Eddie nickt.
"Kriege haben ihre Spuren hinterlassen. Besatzungen haben an den Kräften der Menschen gezehrt."
Hans schaut ihn an.
"Und trotzdem leben die Menschen hier."
"Was bleibt ihnen anderes?"
Hans blickt auf die Häuser.
"Man kann aufgeben."
"Oder anpacken."
Hans sieht ihn an.
"Du hast dich entschieden."
Eddie lächelt.
"Ich bin Maurer."
Hans schaut auf seine Hände.
"Dann baust du lieber auf, als dass du aufgibst."
"Das habe ich gelernt."
Sie gehen weiter.
Hans bleibt vor dem Wehrgeschichtlichen Museum stehen.
Er betrachtet das Gebäude.
"Schon wieder Krieg."
Eddie nickt.
"Der Krieg gehört zu unserer Geschichte."
Hans schaut ihn an.
"Und die Menschen?"
Eddie wird still.
"Viele kamen nicht zurück."
Hans blickt auf das Museum.
"Aus unserer Stadt?"
"Aus unserer Stadt. Und aus vielen Orten, die mit Gengenbach verbunden waren."
Hans schweigt einen Moment.
"Sie haben ihr Leben gegeben."
"Manche freiwillig. Manche, weil sie mussten."
Eddie schweigt einen Augenblick.
Dann sagt er:
"Und manche wurden deportiert."
Hans schaut ihn an.
"Deportiert?"
Eddie nickt.
"Menschen, die hier gelebt haben. Menschen, die Nachbarn waren. Menschen, die zu dieser Stadt gehörten."
Hans blickt wieder zum Museum.
"Und wohin brachte man sie?"
"Fort von hier."
"Und kamen sie zurück?"
Eddie antwortet nicht sofort.
"Viele nicht."
Hans senkt den Blick.
Eine Weile sagt keiner etwas.
Dann fragt Hans:
"Und ihre Familien?"
"Die blieben zurück."
Eddie sieht über die Straße.
"Sie mussten weiterleben. Arbeiten. Kinder großziehen. Die Stadt wieder aufbauen."
Hans blickt auf die alten Häuser.
"Das ist also auch Gengenbach."
"Ja."
"Nicht nur die Häuser."
"Nein."
Eddie schaut ihn an.
"Die Menschen."
Hans sieht noch einmal zum Museum.
"Dann darf man nicht vergessen, was sie getragen haben."
Eddie nickt.
"Darum steht es hier."
Hans geht langsam weiter.
Nach einigen Schritten bleibt er vor einem alten Haus stehen.
Er betrachtet das Fachwerk.
"Und dieses Haus?"
Eddie sieht hinauf.
"Es hat auch schon einiges erlebt."
Hans zeigt auf einen Balken.
"Der ist noch gut."
"Viele sind es."
Hans deutet auf eine beschädigte Stelle.
"Aber hier müsste man ran."
"Ja."
"Und dort auch."
Eddie nickt.
Hans geht ein paar Schritte zurück und betrachtet die Fassade.
"Mit dem richtigen Handwerker könnte man vieles retten."
Eddie sieht ihn an.
"Das war doch der Grund, warum du nach Gengenbach gekommen bist."
Hans lächelt kurz.
"Ich habe gesagt: Wenn ein Balken noch zu retten ist, rette ich ihn."
"Und wenn nicht?"
Hans betrachtet das Haus noch einmal.
"Dann muss man ehrlich sein."
"Was heißt das?"
Hans antwortet nach kurzem Überlegen:
"Dann muss man entscheiden, ob man repariert, ersetzt oder neu baut."
Eddie nickt.
"Genau darum geht es."
Hans schaut ihn an.
"Schon jetzt?"
"Schon seit Jahren."
Hans blickt über die Häuser.
"Und was sagen die Leute?"
Eddie deutet auf die Stadt.
"Die einen wollen erhalten."
"Und die anderen?"
"Die wollen Wohnungen. Licht. Wärme. Platz."
Hans nickt langsam.
"Also haben beide recht."
Eddie lächelt.
"Das macht die Sache schwierig."
Sie gehen weiter.
Hans bleibt vor einem weiteren alten Haus stehen.
"Wie viele davon sind in diesem Zustand?"
"Mehr, als uns lieb ist."
Hans schaut die Straße entlang.
"Und draußen?"
"Draußen entstehen neue Häuser."
"Neue Wohnungen."
"Schneller und günstiger."
Hans nickt.
"Das verstehe ich."
Eddie schaut ihn an.
"Aber?"
Hans blickt zurück auf die alten Häuser.
"Ich habe noch kein Aber."
Eddie lächelt.
"Das kommt noch."
Vor ihnen öffnet sich der Marktplatz.
Das Alte Kaufhaus steht vor ihnen.
Daneben erhebt sich das Rathaus.
Hans bleibt stehen.
Er schaut über den Platz.
"Dann lass uns diese Stadt erleben."
Eddie deutet auf den Marktplatz.
"Hier beginnt das Herz von Gengenbach."
Sie gehen weiter.
