🏛️ Der Zimmermann aus Weimar – Eine Zeitreise durch Gengenbach 7
Menschen begegnen der Stadtgeschichte
Siebter Akt – Was bleibt, wenn alles verloren ist?
Eddie und Hans gehen am Haigerbach entlang.
Eine Weile sagen beide nichts.
Das Wasser begleitet sie.
Hans schaut zurück zur Stadt.
"Je länger ich sie sehe, desto weniger weiß ich, was ich mit ihr machen würde."
Eddie lächelt.
"Das ist vielleicht ein gutes Zeichen."
"Warum?"
"Weil du inzwischen nicht mehr nur die schiefen Wände siehst."
Hans nickt.
"Aber ich sehe auch, was fehlt."
"Was fehlt?"
"Geld. Platz. Wohnungen. Arbeit."
Eddie nickt.
"Und Zeit."
Hans bleibt stehen.
"Zeit?"
"Eine Stadt wie diese braucht Zeit."
"Die Menschen haben sie nicht."
"Das ist das Problem."
Sie gehen weiter.
"Wenn wir alles neu bauen", sagt Hans, "könnten wir schnell Wohnungen schaffen."
"Ja."
"Wenn wir sanieren, dauert es länger."
"Ja."
"Und kostet mehr."
"Manchmal."
Hans schaut ihn an.
"Du machst es mir nicht leicht."
Eddie grinst.
"Ich bin Maurer."
Hans lächelt.
"Das merke ich."
Sie gehen weiter.
Hans blickt auf die Häuser.
"Und was ist mit den Menschen, die heute hier wohnen?"
Eddie schaut ihn an.
"Was meinst du?"
"Sie können nicht zehn Jahre warten, bis jedes Haus saniert ist."
Eddie schweigt.
"Sie brauchen jetzt eine Wohnung."
"Ja."
"Eine trockene Wohnung."
"Ja."
"Eine warme Wohnung."
"Ja."
"Mit Licht. Mit Wasser. Mit einem ordentlichen Fenster."
Eddie nickt.
"Du hast recht."
Hans schaut ihn an.
"Schon wieder?"
"Ich sagte nicht, dass du mit allem recht hast."
Hans lacht.
"Das wäre auch zu viel verlangt."
Sie gehen weiter.
Vor ihnen liegt die Eckkapelle.
Hans bleibt stehen.
"Was ist das?"
"Die Eckkapelle."
Hans schaut sich um.
"Sie steht ziemlich allein."
"Früher war die Stadt dichter."
Hans blickt über die Dächer.
Hinter der Kapelle erhebt sich der Kastellberg.
Hans deutet hinauf.
"Und der Berg?"
Eddie folgt seinem Blick.
"Da oben beginnt eine viel ältere Geschichte."
"Wie alt?"
"Älter als Gengenbach."
Hans schaut ihn an.
"Kelten?"
"Ja."
"Und danach?"
"Die Römer."
Hans betrachtet den Berg.
"Also stand hier schon jemand, bevor das Kloster kam."
"Menschen kommen und gehen. Orte bleiben."
Hans nickt.
"Und manchmal zerstören Menschen, was andere vor ihnen aufgebaut haben."
Eddie sieht ihn an.
"Das ist die Geschichte fast jeder Stadt."
Sie gehen weiter.
Dann erreichen sie das Kriegerdenkmal.
Hans wird still.
Eddie ebenfalls.
Eine Weile stehen beide vor den Namen.
Hans liest.
"So viele."
Eddie nickt.
"Und jeder hatte ein Zuhause."
Hans schaut ihn an.
"Eine Familie."
"Eltern."
"Eine Frau."
"Kinder."
Hans blickt wieder auf die Namen.
"Für uns sind es Namen auf Stein."
Eddie antwortet leise:
"Für ihre Familien waren es Menschen."
Eine Pause.
"Was hat eine Mutter davon, dass ihr Sohn auf einem Denkmal steht?"
Eddie schaut auf den Stein.
"Nichts."
Hans senkt den Blick.
"Was hat ein Kind davon, dass sein Vater gefallen ist?"
"Nichts."
"Und was hat eine Stadt davon?"
Eddie schweigt.
Hans schaut über Gengenbach.
"Sie verliert Menschen."
"Und mit ihnen Arbeit."
"Handwerker."
"Bauern."
"Väter."
"Söhne."
Eddie deutet auf die Stadt.
"Und danach müssen die anderen weitermachen."
Hans sieht ihn an.
"So wie nach einem Brand."
"Nur dass man bei einem Brand das Haus wieder aufbauen kann."
Hans blickt zum Denkmal.
"Einen Menschen nicht."
Stille.
Der Wind geht über den Berg.
Hans schaut hinunter auf Gengenbach.
Von hier oben wirken die engen Gassen kleiner.
Die Türme ragen aus den Dächern.
Die Stadt liegt unter ihnen.
Hans sagt:
"Von hier sieht sie anders aus."
Eddie nickt.
"Man sieht nicht mehr jede schiefe Wand."
Hans lächelt.
"Und nicht jeden schlechten Putz."
"Das hilft."
Hans schaut weiter.
"Aber man sieht, dass es eine Stadt ist."
"Eine gewachsene Stadt."
Hans schweigt lange.
Dann sagt er:
"Vielleicht ist das die Frage."
"Welche?"
"Ob wir eine Stadt bauen wollen, die besser aussieht."
Eddie wartet.
"Oder eine Stadt, die etwas erzählt."
Eddie sieht hinunter.
"Vielleicht müssen wir beides versuchen."
Hans nickt.
"Sanieren, wo es geht."
"Neu bauen, wo es nötig ist."
"Und die Struktur erhalten."
Eddie lächelt.
"Jetzt fängst du an, wie ein Gengenbacher zu denken."
Hans schaut ihn an.
"Ich bin erst seit heute hier."
"Das reicht manchmal."
Beide schauen noch einmal über die Stadt.
Hans sagt leise:
"Sie hat viel verloren."
Eddie antwortet:
"Aber sie steht noch."
Hans nickt.
"Dann sollten wir gut überlegen, was wir mit dem machen, was geblieben ist."
Eddie deutet auf die Staffeln.
"Komm."
Hans schaut ihn an.
"Wohin?"
"Zurück in die Stadt."
Sie steigen die Staffeln hinunter.
Schritt für Schritt kommen sie der Stadt wieder näher.
Hans blickt noch einmal zurück.
"So viele Namen."
Eddie nickt.
"Und so viele Geschichten."
Unten erreichen sie wieder den Haigerbach.
Das Wasser begleitet sie ein Stück.
Vor ihnen erhebt sich der Prälatenturm.
Hans bleibt stehen.
"Noch ein Turm."
"Und ein Teil der alten Befestigung."
Eddie zeigt auf den Wehrgang.
"Hier konnten die Männer die Stadt verteidigen."
Hans blickt über die Mauer.
"Heute läuft man hier spazieren."
"Die Zeiten ändern sich."
Hans fährt mit der Hand über die Steine.
"Aber die Mauer bleibt."
Eddie nickt.
"Wenn man sie lässt."
Hans schaut ihn an.
Eddie geht weiter.
Vor ihnen liegt das Kloster.
Hans bleibt stehen.
Eddie deutet auf die Gebäude.
"Und hier beginnt wieder eine andere Geschichte."
Hans blickt zum Kloster.
"Dann zeig sie mir."
Eddie lächelt.
"Komm."
