🏛️ Der Zimmermann aus Weimar – Eine Zeitreise durch Gengenbach 8
Menschen begegnen der Stadtgeschichte
Achter Akt – Eine Stadt, die schon einmal neu entstanden ist
Vor ihnen liegt das Kloster.
Hans bleibt stehen.
"Das Kloster wurde im achten Jahrhundert gegründet."
Hans schaut ihn an.
"Willst du mich verarschen? – Das soll so alt sein?"
Eddie lacht.
"Warum?"
Hans zeigt auf die Gebäude.
"Das hier ist Barock."
"Ist es auch."
"Dann ist es keine tausend Jahre alt."
"Die Gebäude nicht."
Hans schaut ihn fragend an.
Eddie deutet auf das Kloster.
"Das Kloster ist viel älter als das, was du vor dir siehst."
Hans blickt über die Mauern.
"Also ist das hier neu."
"Nicht ganz."
"Was dann?"
Eddie wird ernst.
"Das hier ist das Ergebnis einer Katastrophe."
Hans wartet.
"Der Pfälzische Erbfolgekrieg."
"Die Franzosen?"
Eddie nickt.
"Sie kamen über den Rhein."
"Und Gengenbach?"
"Wurde zerstört."
Hans schaut auf die Stadt.
"Alles?"
"Vieles."
"Warum?"
"Weil nicht nur Soldaten bekämpft wurden."
Eddie zeigt über die Dächer.
"Man wollte dem Gegner die Lebensgrundlage nehmen."
Hans schweigt.
"Häuser wurden zerstört. Dörfer. Höfe. Vorräte. Ernten."
"Damit niemand bleiben konnte."
"Damit niemand den Truppen folgen konnte."
Hans blickt zum Kloster.
"Und Gengenbach?"
"Musste wieder anfangen."
Hans schaut auf die Gebäude.
"Also ist das hier ein Neubeginn."
"Ja."
"Und die Menschen hatten nichts?"
"Wenig."
"Dann mussten sie wieder aufbauen."
Eddie nickt.
"Stein für Stein."
Hans schaut auf seine Hände.
"Das kenne ich."
"Nur dass es diesmal nicht um ein einzelnes Haus ging."
Eddie deutet auf die Stadt.
"Es ging um eine ganze Stadt."
Hans schweigt.
Dann schaut er wieder zum Kloster.
"Und sie mussten neu bauen."
Eddie nickt.
"Sie hatten keine andere Wahl."
Hans blickt auf die barocken Formen.
"Sie haben also nicht versucht, das Alte genau wieder hinzustellen."
"Nein."
"Sie mussten neu bauen."
"Im Stil ihrer Zeit."
Hans schaut Eddie an.
"Aber sie haben die Stadt nicht aufgegeben."
"Nein."
Hans schweigt.
"Das ist ein Unterschied."
Eddie nickt.
"Ein großer."
Hans geht langsam weiter.
"Dann könnte man es heute genauso machen."
Eddie bleibt stehen.
"Wie meinst du das?"
Hans zeigt auf die Häuser.
"Wenn wir vieles abreißen müssten …"
Eddie schaut ihn an.
"… könnten wir trotzdem Gengenbach erhalten."
Hans nickt.
"Eine neue Stadt."
"Im alten Gewand."
Eddie denkt nach.
"Das wäre möglich."
"Breitere Wohnungen."
"Modernere Häuser."
"Mehr Licht."
"Bessere Heizung."
"Und trotzdem die alten Straßen."
Eddie schaut auf das Kloster.
"Sie haben es damals geschafft."
Hans nickt.
"Vielleicht können wir es auch."
Eddie lächelt.
"Dann wäre Abriss nicht unbedingt das Ende."
Hans sieht ihn an.
"Sondern ein neuer Anfang."
Eine Weile schweigen beide.
Hinter ihnen liegt die Stadt.
Vor ihnen das Kloster.
Hans schaut noch einmal zurück.
"Vielleicht muss man Geschichte nicht konservieren."
Eddie sieht ihn an.
"Was dann?"
Hans schweigt einen Moment.
"Man kann sie auch hinter sich lassen."
Eddie wartet.
Hans blickt auf die alten Häuser.
"Wenn wir neu bauen, verschwindet etwas."
"Aus den Köpfen?"
"Nein."
Hans schüttelt den Kopf.
"Die Menschen werden sich erinnern."
Er schaut auf die Mauern.
"Aber was wir abreißen, können wir nicht mehr sehen."
Eddie nickt langsam.
Hans fährt fort:
"Die Spuren verschwinden. Die Balken. Die Mauern. Die Türen. Die Gassen."
"Die Geschichte bleibt."
"Im Kopf."
Hans blickt wieder über die Stadt.
"Aber nicht mehr vor unseren Augen."
Eine lange Stille.
Eddie sagt leise:
"Dann ist Neubau immer auch ein Abschied."
Hans nickt.
"Und Erhalten ist nicht nur Festhalten."
"Was ist es dann?"
Hans sieht auf das Kloster.
"Entscheiden, was die Menschen nach uns noch sehen sollen."
Eddie schaut ihn an.
Hans lächelt kaum merklich.
"Vielleicht ist das die eigentliche Arbeit."
