🏛️ Der Zimmermann aus Weimar – Eine Zeitreise durch Gengenbach 4
Menschen begegnen der Stadtgeschichte
Vierter Akt – Was wäre, wenn?
Hans steht am Marktbrunnen.
Menschen kommen vorbei. Händler, Handwerker, Bürger.
Das Wasser läuft aus dem Brunnen.
"Hier ist Leben", sagt Hans.
"Das war immer so."
Hans schaut über den Platz.
"Und trotzdem ist alles eng."
Eddie nickt.
"Die Stadt ist auf engem Raum gewachsen."
Hans geht weiter.
Vor ihnen steht der Narrenbrunnen.
Hans betrachtet die Figuren.
"Was ist das?"
"Ein Stück Gengenbach."
Hans lächelt.
"Ihr nehmt euch selbst nicht ganz ernst."
"Das gehört dazu."
Hans deutet auf den Narren.
"Nur hier am Brunnen?"
Eddie lacht.
"Nein. Manche sitzen auch da drüben."
Hans zwinkert ihm zu.
"Dann ist die Narretei ja gut verteilt."
Sie gehen weiter.
Die Höllengasse wird enger.
Die Häuser rücken näher zusammen.
Hans bleibt stehen.
"Jetzt verstehe ich den Namen."
Eddie lacht.
"Noch nicht."
Sie gehen weiter.
Die Gasse wird schmaler.
Hans schaut nach oben.
"Die Häuser kommen sich hier ja entgegen."
"Sie nehmen den Platz, den sie bekommen haben."
Hans betrachtet ein Fenster.
"Und schief sind sie auch."
"Alt."
"Schief."
Eddie lächelt.
"Du bist Zimmermann. Du siehst so etwas."
"Natürlich."
Hans deutet auf das Fenster.
"Das Fenster würde ich heute nicht mehr einbauen."
"Warum?"
"Weil du im Winter daneben frierst."
Eddie nickt.
"Dafür hast du im Sommer frische Luft."
Hans schaut ihn an.
"Und im Winter?"
"Da machst du das Fenster zu."
"Und frierst trotzdem."
Eddie lacht.
Hans geht weiter.
"Heute baue ich eine Wohnung anders."
"Wie?"
"Gerade Wände. Räume, die zusammenpassen. Türen, durch die man auch einen Schrank bekommt."
Eddie schaut ihn an.
"Und die Möbel?"
"Die stelle ich dahin, wo ich sie haben will."
"Das kannst du hier nicht immer."
Hans zeigt auf ein Haus.
"Dort bekommst du schon den Schrank kaum um die Ecke."
Eddie nickt.
"Das stimmt."
Hans bleibt stehen.
"Und dann kommt die Kälte durch die Fenster."
"Früher war man anderes gewohnt."
Hans schüttelt den Kopf.
"Aber heute sind die Menschen anderes gewohnt."
Eddie sieht ihn an.
"Das ist der Punkt."
Hans deutet auf die Häuser.
"Heute wollen die Menschen Licht. Wärme. Luft. Ein Badezimmer. Eine Küche, in der man arbeiten kann. Räume, in denen eine Familie vernünftig leben kann."
Eddie nickt.
"Das wollen sie."
"Dann sag mir, warum wir ihnen das verwehren sollen."
Eddie antwortet nicht sofort.
Hans fährt fort:
"Weil ein Haus alt ist?"
"Nein."
"Weil ein Balken dreihundert Jahre alt ist?"
"Nein."
"Oder weil jemand irgendwann beschlossen hat, dass eine krumme Wand Geschichte ist?"
Eddie sieht ihn an.
"So einfach ist es nicht."
Hans bleibt vor einem Haus stehen.
"Doch. Für die Familie, die darin lebt, ist es einfach."
Er zeigt auf die schmale Fassade.
"Sie braucht eine Wohnung, die warm ist. Die trocken ist. Die Licht hat. Die Platz bietet."
Eddie nickt langsam.
"Da hast du recht."
Hans schaut ihn an.
"Dann müssen wir neu bauen."
"Vielleicht."
"Nicht vielleicht."
Hans zeigt die Straße hinunter.
"Wenn wir die Häuser zurücksetzen, bekommen wir breitere Straßen."
Er deutet nach oben.
"Mehr Licht."
Dann auf die Fassaden.
"Bessere Wohnungen."
Eddie bleibt stehen.
"Und was machen wir mit dem, was dabei verloren geht?"
Hans sieht ihn an.
"Wir können nicht alles behalten."
"Warum nicht?"
"Weil eine Stadt kein Museum ist."
Eddie lächelt.
"Das sage ich auch nicht."
"Was dann?"
Eddie deutet auf die Häuser.
"Dass du unterscheiden musst."
Hans wartet.
"Ein einzelnes Haus kann vielleicht weg."
"Und?"
"Aber wenn du Haus für Haus abreißt, verschwindet irgendwann die ganze Stadt."
Hans schweigt.
Eddie zeigt auf die Gasse.
"Dann ist nicht nur ein Gebäude verschwunden."
Er zeigt auf die Straße.
"Die Gasse ist weg."
Dann auf den Platz.
"Der Platz verändert sich."
Dann auf den Turm.
"Und irgendwann steht ein Turm allein zwischen neuen Häusern."
Hans schaut zum Niggelturm.
"Das Gesamtbild."
"Genau."
Hans denkt nach.
"Du meinst, die Häuser erzählen nicht einzeln."
"Sie erzählen miteinander."
Hans blickt die Gasse entlang.
"Das ist ein gutes Argument."
Eddie lächelt.
"Ich bin Maurer."
Hans lacht.
"Und ich bin Zimmermann."
Sie gehen weiter.
Durch die Engelgasse.
Dann durch eine kleine Gasse.
Wieder Höllengasse.
Wieder rücken die Häuser eng zusammen.
Hans bleibt stehen.
"Du musst zugeben: Wenn man hier alles neu bauen würde, könnte man die Stadt besser planen."
Eddie nickt.
"Ja."
Hans schaut ihn überrascht an.
"Du gibst mir recht?"
"Bei einem Teil."
"Welchem?"
"Wir könnten vieles besser bauen."
Hans wartet.
Eddie fährt fort:
"Aber besser bauen heißt nicht automatisch besser leben."
Hans betrachtet ihn.
"Und schlechter bauen heißt nicht automatisch besser leben."
Eddie lächelt.
"Jetzt reden wir."
Hans deutet auf die Häuser.
"Dann brauchen wir einen Weg dazwischen."
"Vielleicht."
"Schon wieder vielleicht."
Eddie grinst.
"Ich prüfe erst, bevor ich entscheide."
Hans schaut ihn an.
"Was würdest du prüfen?"
"Was noch trägt."
"Das Gebäude?"
"Das Gebäude."
Eddie zeigt auf die Straße.
"Aber auch die Straße."
"Warum?"
"Weil nicht nur das Haus Geschichte trägt."
Hans sieht sich um.
Eddie fährt fort:
"Die Gasse. Der Platz. Die Stellung der Häuser. Die Mauer. Die Türme."
Hans nickt langsam.
"Die ganze Stadt."
"Genau."
Vor ihnen erhebt sich der Niggelturm.
Hans schaut hinauf.
"Auch den?"
"Auch den."
"Was spricht dafür, ihn stehen zu lassen?"
Eddie sieht zum Turm.
"Er erzählt, woher die Stadt kommt."
"Ein neuer Turm könnte das auch."
"Nein."
Hans wartet.
"Ein neuer Turm würde erzählen, was wir heute denken."
Hans schaut ihn lange an.
"Und der alte?"
"Der erzählt, was die Menschen vor uns erlebt haben."
Hans schweigt.
Sie gehen weiter.
Am Scheffelhaus bleiben sie stehen.
Hans betrachtet das Gebäude.
"Und wenn wir alles abreißen?"
Eddie antwortet nicht sofort.
"Dann hätten wir eine neue Stadt."
"Mit guten Wohnungen."
"Wahrscheinlich."
"Mit Licht."
"Ja."
"Mit Wärme."
"Ja."
"Mit geraden Wänden."
Eddie lacht.
"Du lässt nicht locker."
"Ich bin Zimmermann."
Eddie nickt.
"Und ich bin Maurer."
Hans schaut auf das Scheffelhaus.
"Was würdest du also tun?"
Eddie blickt auf das Gebäude.
"Ich würde zuerst prüfen, was noch trägt."
Hans nickt.
"Und wenn es trägt?"
"Dann würde ich versuchen, es zu erhalten."
"Auch wenn es teuer wird?"
Eddie schaut ihn an.
"Wenn es sich lohnt."
Hans hebt eine Augenbraue.
"Und wer entscheidet, ob es sich lohnt?"
Eddie schweigt.
Hans wartet.
"Die Stadt?"
"Die Eigentümer?"
"Die Menschen, die darin wohnen?"
Eddie nickt.
"Alle müssen mitreden."
Hans schaut auf die alten Häuser.
"Dann wird es schwierig."
"Natürlich."
Hans blickt zurück in die enge Gasse.
"Weil Geschichte gegen Wohnqualität steht."
Eddie schüttelt den Kopf.
"Nein."
"Was dann?"
"Weil wir beides brauchen."
Hans sieht ihn an.
Eddie deutet auf die Häuser.
"Die Menschen brauchen ein gutes Zuhause."
Dann zeigt er auf den Turm.
"Aber eine Stadt braucht auch ein Gedächtnis."
Hans schweigt.
Er betrachtet noch einmal die schiefen Wände, die engen Fenster und die alten Balken.
Dann sagt er:
"Vielleicht ist die Frage nicht, ob wir abreißen oder erhalten."
Eddie schaut ihn an.
"Sondern?"
Hans blickt die Straße hinunter.
"Was wir verändern können, ohne die Stadt zu verlieren."
Eddie lächelt.
"Jetzt wird es interessant."
Sie gehen weiter.
Vor ihnen liegt das Scheffelhaus.
Und die Frage bleibt zwischen ihnen.
