🏛️ Gengenbach – Geschichte einer Stadt zwischen Kloster, Reich und Wandel 

Teil 1

Gengenbach lässt sich nicht in wenigen Jahreszahlen erzählen.

Wer heute durch die historische Altstadt geht, sieht Fachwerkhäuser, Türme, Tore, Mauern, Plätze und das ehemalige Kloster. Doch hinter diesem scheinbar geschlossenen historischen Bild liegen mehr als 1.300 Jahre Geschichte – und eine Landschaft, deren Bedeutung noch viel weiter zurückreicht.

Diese historische Betrachtung folgt den Spuren, die Menschen, Herrscher, Mönche, Handwerker, Kaufleute und Krieger in Gengenbach hinterlassen haben.

Sie erzählt von der Landschaft, die den Ort prägte, vom Kloster, aus dem ein bedeutendes geistliches Zentrum wurde, und von der Stadt, die sich zur Freien Reichsstadt entwickelte. Sie führt durch Reformation und Gegenreformation, durch den Dreißigjährigen Krieg und die Zerstörung von 1689, durch Wiederaufbau, Säkularisation, Napoleon und den Weg Badens in die Moderne.

Und sie endet nicht im Mittelalter.

Denn Gengenbachs Geschichte reicht bis in unsere Gegenwart. Gerade die Geschichte nach 1945 stellt eine Frage, die für die Stadt bis heute von Bedeutung ist:

Was bewahren wir von unserer Vergangenheit – und was geben wir der Zukunft mit?

Diese Frage steht auch hinter dem literarischen Projekt "Menschen begegnen der Stadtgeschichte – Der Zimmermann aus Weimar".

Die folgende Abhandlung erzählt zunächst die Geschichte.

Danach kann man sie dort erleben, wo sie stattgefunden hat:

auf den Straßen, Plätzen und Wegen von Gengenbach.


📖 Die fünf Kapitel der historischen Betrachtung

1. Von den ersten Menschen bis zu den Franken
Von der frühen Kulturlandschaft über Kelten und Römer bis zur Entstehung des Klosters.

2. Vom Kloster zur Reichsstadt
Wie aus dem geistlichen Zentrum eine Stadt wurde und Gengenbach seine Reichsfreiheit erlangte.

3. Gengenbach im europäischen Machtkampf
Reformation, Dreißigjähriger Krieg, französische Machtpolitik und die Katastrophe von 1689.

4. Das Ende der alten Welt und der Weg in die Moderne
Wiederaufbau, Barock, Napoleon, Baden, Eisenbahn, Kaiserreich und die Katastrophen des 20. Jahrhunderts.

5. Gengenbach – von der Nachkriegszeit bis heute
Wie aus einer vom Krieg gezeichneten Stadt jenes Gengenbach entstand, das wir heute erleben.

Geschichte beginnt nicht mit einem Gebäude

Bevor hier Mauern standen, bevor ein Kloster gegründet wurde und lange bevor Gengenbach zur Stadt wurde, gab es bereits das, was diesen Ort bis heute bestimmt:

die Landschaft.

Die Kinzig öffnet hier den Weg aus dem Schwarzwald zur Rheinebene.

Menschen kamen.

Menschen blieben.

Menschen bauten.

Menschen handelten.

Menschen kämpften.

Menschen zerstörten.

Und Menschen bauten wieder auf.

Wenn wir heute durch Gengenbach gehen, begegnen wir deshalb nicht nur einer schönen historischen Stadt.

Wir begegnen den Spuren all jener Menschen, die diesen Ort über Jahrtausende hinweg verändert haben.

Beginnen wir ganz am Anfang.


1. Von den ersten Menschen bis zu den Franken

Wenn wir heute durch Gengenbach gehen, sehen wir eine Stadt.

Wir sehen Fachwerkhäuser, Türme, Tore, Mauern und den alten Marktplatz. Doch bevor hier eine Stadt entstehen konnte, war zunächst etwas anderes da: die Landschaft.

Und wenn wir verstehen wollen, warum Gengenbach genau hier entstanden ist, müssen wir sehr weit zurückgehen – weit vor das Mittelalter, weit vor das Kloster und sogar weit vor die Römer.

Wir müssen zurück in eine Zeit, in der es Gengenbach noch gar nicht gab.

Eine Landschaft, die Menschen anzog

Gengenbach liegt dort, wo sich das Kinzigtal zur Rheinebene öffnet.

Die Kinzig durchquert den Schwarzwald und bildet einen natürlichen Weg durch das Gebirge. Von der Rheinebene führt dieser Weg nach Osten, durch das Kinzigtal und weiter in Richtung Rottweil und Schwaben.

Für Menschen war dieser Übergang schon früh von großer Bedeutung.

Hier gab es Wasser, fruchtbare Böden, Wälder und geschützte Siedlungsräume. Vor allem aber gab es einen natürlichen Verkehrsweg.

Die Menschen mussten diesen Weg nicht erst bauen.

Die Landschaft hatte ihn bereits geschaffen.

Und genau diese Lage wird die Geschichte Gengenbachs über Jahrtausende bestimmen.

Wer durch das Kinzigtal wollte, kam an diesem Raum vorbei.

Die Steinzeit

Die Geschichte beginnt vor mehr als 7.000 Jahren.

Archäologische Funde zeigen, dass Menschen das Kinzigtal bereits in der Mittleren Steinzeit, etwa ab 9500 vor Christus, nutzten.

Es waren zunächst Jäger und Sammler. Sie bewegten sich durch die Landschaft, folgten den Tieren, nutzten die Wälder und Gewässer und kannten die natürlichen Wege durch das Tal.

Mit der Jungsteinzeit ab etwa 5500 vor Christus änderte sich die Lebensweise.

Die Menschen wurden sesshafter. Sie begannen, Ackerbau und Viehzucht zu betreiben. Aus einer Landschaft, die man durchstreifte, wurde zunehmend eine Landschaft, die man gestaltete.

Wir dürfen uns darunter allerdings noch keine Stadt vorstellen.

Und wir sollten auch nicht behaupten, dass an genau der Stelle der heutigen Gengenbacher Altstadt seit der Steinzeit ununterbrochen Menschen lebten.

Aber eines können wir mit Sicherheit sagen:

Der Raum, in dem Gengenbach später entstehen sollte, gehört zu einer sehr alten Kulturlandschaft.

Die heutige Stadt ist nur die jüngste Schicht einer Geschichte, die viele Jahrtausende zurückreicht.

Die Kelten

Viele Jahrhunderte später prägt die keltische Kultur den südwestdeutschen Raum.

Die Kelten waren kein einheitliches Volk im heutigen Sinn. Sie bestanden aus verschiedenen Stammesgemeinschaften. Doch sie verbanden ähnliche kulturelle Traditionen, eine hoch entwickelte Metallverarbeitung, Landwirtschaft, Handwerk und weitreichende Handelsbeziehungen.

Auch das Kinzigtal gehörte zu dieser keltisch geprägten Welt.

Die Menschen lebten nicht mehr nur von dem, was die Natur ihnen unmittelbar gab. Sie bewirtschafteten ihre Felder, betrieben Viehzucht, verarbeiteten Metall und handelten mit anderen Regionen.

Die Landschaft um Gengenbach war damit längst keine unberührte Wildnis mehr.

Sie war eine vom Menschen geprägte Kulturlandschaft.

Und dann kam eine Macht, die diese Landschaft grundlegend verändern sollte.

Die Römer kommen

Mit der römischen Expansion erreicht eine neue politische und militärische Macht den Oberrhein.

Die Römer erkennen schnell die Bedeutung des Kinzigtals.

Um 73/74 nach Christus, unter Kaiser Vespasian, entsteht eine römische Verbindung von Straßburg über das Kinzigtal nach Rottweil.

Was die Landschaft vorgegeben hatte, machen die Römer zu einer festen Verkehrs- und Militärroute.

Soldaten marschieren hier.

Waren werden transportiert.

Menschen reisen.

Und entlang dieser Verbindung entstehen militärische und wirtschaftliche Einrichtungen.

Gengenbach liegt nun an einer überregionalen Verkehrsachse des Römischen Reiches.

Das Kastell auf dem Kastellberg

Und hier begegnen wir einem wichtigen Zeugnis dieser römischen Zeit:

dem Kastellberg.

Auf der Anhöhe entstand ein römischer Militärstützpunkt beziehungsweise eine römische Befestigungsanlage, die mit der Sicherung und Kontrolle des Verkehrsweges durch das Kinzigtal verbunden war.

Von einer erhöhten Position aus ließ sich das Tal überblicken.

Damit erkennen wir etwas, das später für Gengenbach immer wieder eine Rolle spielen wird:

Dieser Ort besitzt strategischen Wert.

Wer den Zugang zum Kinzigtal kontrolliert, kontrolliert einen wichtigen Weg durch den Schwarzwald.

Das gilt für die Römer.

Es wird später für mittelalterliche Herrscher gelten.

Und es wird sogar noch in den großen europäischen Kriegen der frühen Neuzeit eine Rolle spielen.

Der Kastellberg ist deshalb mehr als nur ein archäologischer Fund.

Er ist ein früher Hinweis darauf, warum Gengenbach dort liegt, wo es liegt.

Römisches Leben

Die Römer hinterließen jedoch nicht nur Straßen und Militär.

Archäologische Funde zeigen, dass hier auch Menschen lebten und wirtschafteten.

Münzen, Keramik, Baureste und ein im Jahr 1974 entdeckter römischer Ziegelofen zeugen von einer römisch geprägten Siedlungs- und Wirtschaftslandschaft.

Die Römerzeit dauerte mehrere Jahrhunderte.

Doch auch das Römische Reich war nicht unvergänglich.

Im 3. Jahrhundert geriet die römische Herrschaft am Oberrhein zunehmend unter Druck.

Um 260 nach Christus wurde die römische Grenze in dieser Region zurückgenommen.

Die römische Herrschaft verschwand.

Aber der Weg durch das Kinzigtal blieb.

Und damit blieb auch die Bedeutung der Landschaft bestehen.

Die Alemannen

Nach dem Ende der römischen Herrschaft verändert sich die politische und gesellschaftliche Ordnung.

Alemannische Gruppen gewinnen in der Region zunehmend an Bedeutung.

Wir sollten uns diese Entwicklung nicht als einen einzigen Tag vorstellen, an dem ein neues Volk erscheint und ein altes verschwindet.

Vielmehr verändert sich die Bevölkerung über längere Zeiträume.

Neue Siedlungen entstehen, neue politische Strukturen entwickeln sich und die alemannische Sprache und Kultur prägen die Region.

Diese Prägung reicht bis in die Gegenwart.

Wenn wir heute von der Ortenau als Teil des alemannischen Kulturraums sprechen, reicht diese Geschichte weit zurück.

Doch auch die Herrschaft der Alemannen sollte nicht dauerhaft bestehen bleiben.

Die Franken

Im 5. und 6. Jahrhundert gerät die Region zunehmend unter fränkischen Einfluss.

Damit beginnt eine neue politische Epoche.

Das Gebiet wird Teil des fränkischen Herrschaftsraumes.

Unter den fränkischen Königen wächst ein Reich, das große Teile Westeuropas umfasst.

Mit Karl dem Großen erreicht dieses Frankenreich um 800 eine gewaltige Ausdehnung.

Nach seinem Tod wird das Reich geteilt. Aus dem östlichen Teil entwickelt sich das Ostfränkische Reich.

Und aus dieser Entwicklung entsteht schließlich jene politische Welt, die später als Heiliges Römisches Reich bezeichnet wird.

Mit Otto I. erreicht diese Entwicklung im 10. Jahrhundert einen neuen Höhepunkt.

Im Jahr 962 wird Otto I. in Rom zum Kaiser gekrönt.

Warum ist das für unsere Geschichte wichtig?

Weil Gengenbach später eine Reichsabtei und schließlich eine Freie Reichsstadt werden wird.

Noch sind wir davon weit entfernt.

Aber die politische Welt, in der diese Entwicklung möglich wird, entsteht gerade.

Und dann kommt das Kloster

Um das Jahr 725 geschieht in Gengenbach etwas Entscheidendes.

Ein Benediktinerkloster entsteht.

Traditionell wird seine Gründung mit dem Missionsbischof Pirmin und dem fränkischen Grafen Ruthard verbunden.

Damit beginnt für Gengenbach eine völlig neue Epoche.

Denn das Kloster wird nicht einfach ein religiöser Ort.

Es wird zu einem Zentrum von Glauben, Bildung, Wirtschaft, Grundbesitz und Macht.

Menschen siedeln sich in seiner Nähe an.

Land wird bewirtschaftet.

Handwerk entsteht.

Märkte entwickeln sich.

Und aus dieser Verbindung von Landschaft, Verkehrsweg und Kloster wird schließlich die Stadt entstehen, durch die wir heute gehen.

Wenn wir also gleich weiter in die Geschichte Gengenbachs eintreten, sollten wir uns eines merken:

Gengenbach wurde nicht an diesem Ort gegründet, weil jemand irgendwann einen schönen Platz für eine Stadt suchte.

Die Geschichte begann viel früher.

Die Landschaft hatte den Weg geschaffen.

Die Menschen hatten ihn seit Jahrtausenden genutzt.

Die Römer hatten seine strategische Bedeutung erkannt.

Die Alemannen und Franken hatten die politische Landschaft verändert.

Und nun sollte das Kloster den entscheidenden Impuls geben.

Aus einem alten Verkehrs- und Siedlungsraum sollte Gengenbach werden.


📖 Gengenbach – Geschichte einer Stadt

📖 Teil 1: Von den ersten Menschen bis zu den Franken

Von der Landschaft über Kelten und Römer bis zur Gründung des Klosters.

➡️ Zum 1. Teil

📖 Teil 2: Vom Kloster zur Reichsstadt

Wie aus dem Klosterort eine selbstbewusste Reichsstadt wurde – und wie Reformation und Gegenreformation Gengenbach veränderten.

➡️ Zum 2. Teil

📖 Teil 3: Gengenbach im europäischen Machtkampf

Dreißigjähriger Krieg, französische Machtpolitik und die Zerstörung von 1689.

➡️ Zum 3. Teil

📖 Teil 4: Das Ende der alten Welt und der Weg in die Moderne

Wiederaufbau, Napoleon, Baden, Eisenbahn, Kaiserreich, Weltkriege und der Neubeginn.

➡️ Zum 4. Teil

📖 Teil 5: Gengenbach – von der Nachkriegszeit bis heute

Wie aus einer vom Krieg gezeichneten Stadt das historische Gengenbach entstand, das wir heute erleben.

➡️ Zum 5. Teil