Rosen, Mord und Messer
Ein interaktiver Krimirundgang durch Baden-Baden
Die Route durch Baden-Baden
Der Fall zwischen Wahrnehmung und Realität
Ein literarisches Erlebnis zwischen Stadt, Geschichte und Unsicherheit – live begehbar in Baden-Baden.
Ihre Rolle als Ermittler
Sie sind nicht Zuschauer, sondern Teil der Ermittlung. Hinweise, Aussagen und Orte formen ein Bild, das Sie selbst zusammensetzen müssen.
Prolog – Der Anruf
Mein Name ist Jonas Falk.
Ich residiere seit einigen Wochen im
Europäischer Hof Baden-Baden
Ein Ort, der Ruhe verspricht. Diskretion. Distanz.
Und – was mir persönlich am wichtigsten ist – verlässlichen Kaffee.
An diesem Morgen saß ich auf dem Balkon meines Zimmers, die Beine übereinandergeschlagen, ein dunkelblauer Morgenmantel locker gebunden, darunter ein weißes Hemd, dessen oberster Knopf – aus Prinzip – geöffnet blieb. Man muss sich schließlich ein kleines Gefühl von Rebellion bewahren, auch wenn man nichts weiter tut, als Kaffee zu trinken.
Vor mir: eine Porzellantasse, schwarz, stark, ohne jede Form von Versöhnlichkeit.
Neben mir: eine Zeitung, halb gelesen, halb ignoriert.
Und irgendwo zwischen der dritten und vierten Seite hatte ich beschlossen, dass die Welt auch ohne meine vollständige Aufmerksamkeit ganz gut zurechtkommen würde.
Ich war gerade dabei, einen besonders gelungenen Schluck zu würdigen – einer dieser seltenen Momente, in denen alles für einen Augenblick exakt so ist, wie es sein sollte –
als mein Telefon klingelte.
Ich sah es an.
Es sah zurück.
Ich ließ es klingeln.
Einmal.
Zweimal.
Dreimal.
Mit jeder Sekunde wuchs meine Überzeugung, dass es sich um einen Anruf handelte, der problemlos auch hätte nicht stattfinden können.
Beim vierten Klingeln seufzte ich, stellte die Tasse ab – etwas zu demonstrativ, wie ich zugeben muss – und griff schließlich doch zum Telefon.
Ein kurzer Blick auf das Display.
Ich runzelte die Stirn.
Leonhard Voss.
Das allein war schon ungewöhnlich genug, um meinen Unmut zumindest teilweise durch Neugier zu ersetzen.
"Leo?" sagte ich, während ich mich wieder zurücklehnte. "Ich wusste gar nicht, dass du noch lebst."
Eine kurze Pause.
Dann ein Atemzug am anderen Ende.
"Jonas…"
Ich hörte sofort, dass etwas nicht stimmte.
"Das ist jetzt aber kein Anruf, um mir mitzuteilen, dass du endlich gelernt hast, Wein von Essig zu unterscheiden, oder?"
Ein leises, kaum wahrnehmbares Lachen – eher ein Reflex als echte Reaktion.
"Wie geht's dir?" schob ich nach. "Immer noch in Hamburg oder hast du dich endlich entschieden, die Welt zu sehen?"
Ich hatte den Satz kaum beendet, da fiel er mir ins Wort.
Wie immer.
"Jonas, hör mir zu."
Da war sie wieder, diese Eigenschaft, die ich an ihm gleichermaßen irritierend wie… konsequent fand.
Leo hatte nie verstanden, dass Gespräche auch aus mehr als nur seinem eigenen Redebedarf bestehen.
Ich wollte etwas erwidern – eine kleine Spitze vielleicht, nichts Böses –
doch seine Stimme ließ mich innehalten.
Sie war… verändert.
Aufgeregt.
Atmend zwischen den Worten.
Und getragen von etwas, das ich nicht sofort einordnen konnte.
"Ich glaube…" begann er, stockte kurz, als müsse er seine Gedanken erst sortieren – oder sich selbst davon überzeugen, dass sie ausgesprochen werden sollten.
Dann sagte er:
"Ich habe sie gefunden."
Ich schwieg.
Nicht, weil ich nichts zu sagen hatte.
Sondern weil ich plötzlich das Gefühl hatte, dass alles, was ich jetzt sagen könnte, falsch wäre.
Ein leiser Wind strich über den Balkon, bewegte die Zeitung, die ich nicht mehr las.
Irgendwo unten fuhr ein Wagen vorbei.
Und während ich das Telefon etwas fester an mein Ohr drückte, wurde mir zum ersten Mal an diesem Morgen bewusst,
dass dieser Anruf kein gewöhnlicher war.
Ganz und gar nicht.
1. Gönneranlage – Die Frau zwischen den Rosen
"Gefunden?" wiederholte ich schließlich. "Das klingt nach entweder großem Glück… oder erheblichem Ärger."
Ein kurzes Einatmen am anderen Ende.
"Jonas… ich bin in Baden-Baden."
Ich richtete mich ein wenig auf.
"Das überrascht mich jetzt tatsächlich mehr als dein Anruf."
"Ich bin in der Allee… bei den Rosen…"
Ich musste unwillkürlich lächeln.
"Du? Zwischen Rosen? Das passt ungefähr so gut wie ein Regenschirm in die Wüste."
Er ignorierte das. Natürlich.
"Sie ist hier."
Da war es wieder. Dieses "sie".
Ich griff nach meiner Tasse, stellte jedoch fest, dass sie leer war, was ich ihm innerlich anlastete.
"Leo", sagte ich ruhig, "wer ist da?"
Eine Pause.
Nicht lang – aber lang genug, um Aufmerksamkeit zu fordern.
Dann, leiser:
"Ich weiß es nicht genau."
Ich ließ den Satz kurz wirken.
"Du weißt nicht, wer sie ist, aber du hast sie gefunden? Das ist… mutig formuliert."
Ein Hauch von Ungeduld in seiner Stimme.
"Du verstehst das nicht."
"Das ist im Moment noch sehr gut möglich, ja."
Ein Geräusch in der Leitung – Schritte vielleicht, gedämpft, wie auf Sand, nicht Kies. Gleichmäßig, als würde jemand nicht eilen, aber auch nicht bleiben wollen.
"Sie hat mich angesehen, Jonas."
Ich lehnte mich zurück, das Telefon nun fest am Ohr.
"Das kommt vor. Menschen sehen sich gelegentlich an."
"Nein." Jetzt schneller. Eindringlicher. "Nicht so."
Ich schwieg.
Und diesmal war es kein ironisches Schweigen.
"Sie stand einfach da", fuhr er fort. "Zwischen den Rosen, als wäre sie Teil davon. Als hätte… als hätte alles andere nur gewartet, bis ich komme."
Ich blickte über das Geländer meines Balkons, hinunter in die Richtung der
Gönneranlage
Die Entfernung war zu groß, um irgendetwas zu erkennen. Und doch hatte ich für einen Moment das Gefühl, als würde sich dort unten nicht unbedingt etwas bewegen – sondern eher, als hätte sich die Art verändert, wie Bewegung dort wirkt.
"Beschreib sie mir", sagte ich.
Ein leises Ausatmen.
"Blonde Haare… nicht geschniegelt, eher… bewegt. Als hätte der Wind eine Meinung zu ihr."
Ich musste trotz allem schmunzeln.
"Der Wind hat zu den meisten Menschen eine Meinung."
Er reagierte nicht.
"Ihre Augen… blau. Aber nicht einfach blau. Mehr…"
Er suchte nach einem Wort.
"Tief", half ich.
"Nein."
Eine Pause.
"Zu nah."
Das ließ mich die Stirn runzeln.
"Zu nah ist keine Farbe, Leo."
"Ich weiß."
Wieder dieses kurze, fast nervöse Atmen.
"Und jetzt?" fragte ich.
"Jetzt…"
Er stockte.
Ich hörte Schritte. Diesmal deutlicher. Sand unter Bewegung, kein klares Tempo mehr.
"Jetzt kommt sie auf mich zu."
Ich richtete mich vollständig auf.
"Und du stehst einfach da?"
"Ich kann nicht anders."
Ein leises Lachen entfuhr mir.
"Du warst schon immer beeindruckend konsequent, wenn es darum ging, nichts zu tun."
Keine Reaktion.
Stattdessen:
"Jonas…"
Seine Stimme hatte sich verändert.
Nicht weicher. Eher… fokussierter.
"Sie lächelt."
Ich sagte nichts.
"Ich glaube… sie kennt mich."
Ich nahm das Telefon ein Stück vom Ohr, betrachtete es kurz, als könnte ich darin eine stabile Version dieser Aussage finden, und führte es wieder zurück.
"Und? Kennst du sie?"
Eine Pause.
Dann, ganz leise:
"Ich sollte."
Der Wind frischte leicht auf. Die Zeitung neben mir bewegte sich, ohne dass ich sie berührt hatte.
Ich ignorierte das.
"Leo", sagte ich nun etwas ernster, "bleib bitte einfach stehen und—"
"Sie spricht."
Ich verstummte.
Ein Moment, in dem selbst die Geräusche der Stadt sich nicht zurückzogen, sondern nur weniger wichtig wirkten.
"Was sagt sie?" fragte ich.
Eine Sekunde.
Zwei.
Dann:
"Nichts."
Ich schloss kurz die Augen.
"Leo…"
"Aber ich verstehe sie."
Ich öffnete sie wieder.
Und zum ersten Mal an diesem Morgen verschwand mein Lächeln nicht, weil etwas lustig war –
sondern weil ich nicht mehr sicher war, ob ich überhaupt noch wusste, worüber ich gerade sprach.
2. Tennisplätze – Bewegung im Schatten
"Ich gehe jetzt weiter", sagte Leo plötzlich.
"Das überrascht mich nicht", erwiderte ich. "Du warst noch nie der Typ, der bei einer guten Geschichte stehen bleibt."
Keine Reaktion.
Stattdessen hörte ich Schritte.
Gedämpft. Gleichmäßig.
Sand unter Schuhen.
Ich trat näher an das Geländer meines Balkons, als könnte ich die Entfernung zwischen uns auf diese Weise irgendwie verkürzen.
"Ich bin an den Tennisplätzen", sagte er.
Die
Tennisplätze Lichtentaler Allee
liegen offen da. Geräusche tragen weiter, als man denkt.
Ein dumpfer Schlag.
Ein Ball.
Dann ein kurzes "Aus!" – irgendwo rief jemand.
Normales Leben.
Beruhigend normal.
Und mittendrin Leo.
"Sie geht neben mir", sagte er leise.
Ich nickte, mehr aus Gewohnheit.
"Das ist bei einem Spaziergang grundsätzlich ein solides Konzept."
"Doch nicht so."
Ein kurzes Einatmen.
"Ich höre sie nicht."
Ich ließ mir einen Moment Zeit.
"Vielleicht tritt sie einfach eleganter auf als du."
"Jonas…"
Da war wieder dieser Ton.
Leicht gereizt. Aber nicht wirklich bei mir.
"Ich höre nur meine Schritte."
Ich sagte nichts.
Diesmal bewusst.
"Sie sieht mich nicht an", fuhr er fort. "Also… doch. Aber nicht, wenn ich hinschaue."
Ich lehnte mich mit der Schulter an die Balkontür.
"Das ist eine beeindruckend unkooperative Form der Kommunikation."
Ein leises, nervöses Lachen.
"Ich verstehe sie."
"Natürlich tust du das."
"Ohne Worte."
"Das spart Zeit."
Er blieb abrupt stehen.
Ich hörte es sofort.
Sein Atem veränderte sich. Ruhiger. Fokussierter.
"Sie ist jetzt ganz nah."
Ich richtete mich unwillkürlich auf.
"Wie nah?"
Eine Pause.
Dann, leise:
"So, dass ich nicht sicher bin, ob sie noch neben mir ist… oder schon woanders."
Ich atmete langsam aus.
"Diese Beschreibung gefällt mir schon besser. Sie ist wenigstens ehrlich ungenau."
Ein Geräusch.
Kein klarer Schritt.
Eher ein Streifen.
Vielleicht Stoff.
Vielleicht Bewegung im Vorbeigehen.
Vielleicht auch nur das, was entsteht, wenn man versucht, etwas festzuhalten, das sich nicht festhalten lässt.
"Jonas…"
"Ja?"
"Wenn ich mich jetzt umdrehe…"
Er brach ab.
Ich wartete.
Zählte innerlich bis drei.
"Leo?"
Ein Atemzug.
Dann:
"Sie ist weitergegangen."
Ich blinzelte.
"Einfach so?"
"Ja."
"Und du?"
Eine kurze Pause.
Ich kannte die Antwort, bevor er sie aussprach.
"Ich folge ihr."
Ich schloss kurz die Augen.
"Natürlich tust du das."
Später, irgendwann am selben Tag, sprach ich mit einem älteren Herrn, der regelmäßig an den Tennisplätzen unterwegs ist.
Er erinnerte sich.
Nicht an Details.
Aber an den Eindruck.
"Ich habe ihn gesehen", sagte er.
"Allein?" fragte ich.
Der Mann zuckte mit den Schultern.
"Das ist schwer zu sagen."
Ich sah ihn an.
"Inwiefern?"
"Er wirkte… beschäftigt."
"Mit sich selbst?"
Eine kurze Pause.
Dann ein leichtes Kopfschütteln.
"Eher… mit jemandem."
"Haben Sie diese Person gesehen?"
Der Mann lächelte schief.
"Wenn ich das sicher wüsste, hätte ich wohl länger hingesehen."
"Jonas…" kam es wieder durch das Telefon.
Seine Stimme klang jetzt… anders.
Weiter weg vielleicht. Oder nur leiser.
"Ich bin noch da", sagte ich.
Ein kurzer Moment.
Dann, fast erleichtert:
"Gut."
Eine Pause.
"Ich auch."
Und obwohl er das sagte,
war ich mir plötzlich nicht mehr sicher,
ob "da sein" für uns beide noch dasselbe bedeutete.
3. Sintersteinbrunnen – Berührung
Der Anruf war nicht einfach abgebrochen.
Er war stehen geblieben.
Mitten in einem Satz.
Mitten in einem Gedanken.
Mitten in etwas, das ich im Nachhinein vielleicht besser nicht gehört hätte.
Ich hatte noch einen Moment gewartet, das Telefon in der Hand, als könnte ich ihn durch bloßes Ausharren zurückholen.
Dann: Stille.
Ich legte das Gerät langsam auf den Tisch, schenkte mir neuen Kaffee ein – mehr aus Gewohnheit als aus Überzeugung –
und redete mir ein, dass Leo einfach das getan hatte, was er immer tat:
Das Gespräch beenden, sobald es interessant wurde.
Das zweite Klingeln kam etwa zwanzig Minuten später.
Diesmal ging ich schneller ran.
"Du hast aufgelegt", sagte ich zur Begrüßung.
"Nein", erwiderte er sofort. "Ich musste—"
Er brach ab.
Ich lehnte mich zurück.
"Das klingt nach einer Geschichte, die du mir jetzt vollständig erzählst. Ausnahmsweise ohne mich zu unterbrechen."
Ein kurzes Atmen.
Dann:
"Ich bin am Brunnen."
Ich blickte unwillkürlich wieder hinaus, obwohl ich wusste, dass ich ihn von hier aus nicht sehen konnte.
Der
Sintersteinbrunnen
liegt etwas abseits, aber man kennt ihn. Große, aufgeschichtete Felsensteine, fast wild angeordnet, und mittendrin schießt eine Wasserfontäne nach oben, als hätte sie es eilig, sich selbst zu beweisen.
Ein Brunnen, der nicht still sein will.
Imposant. Unruhig.
Ein Ort, an dem man stehen bleibt – oder an dem etwas stehen bleibt.
"Gut", sagte ich. "Und was ist passiert, bevor du beschlossen hast, mich kommentarlos aus deinem Leben zu entfernen?"
Ein kurzes, nervöses Lachen.
"Ich habe nicht aufgelegt."
"Natürlich nicht."
Eine kleine Pause.
Dann, leiser:
"Sie hat meine Hand genommen."
Ich sagte nichts.
Diesmal nicht aus Ironie.
"Einfach so?" fragte ich schließlich.
"Nein…"
Er suchte nach Worten.
"Ich glaube… wir sind stehen geblieben. Gleichzeitig."
Ich runzelte die Stirn.
"Das klingt, als hätte sich jemand abgesprochen."
"Nein."
Ein leises Ausatmen.
"Eher… als wäre es schon passiert."
Ich ging ein paar Schritte durch das Zimmer.
"Leo, ich habe den leisen Verdacht, dass du Dinge erlebst, die du mir in einer Reihenfolge erzählst, die mir das Verständnis erschwert."
"Du warst nicht da."
"Das ist korrekt. Ich habe mich bewusst dagegen entschieden."
Er ignorierte das.
"Sie war plötzlich nah."
Ich blieb stehen.
"Nähe hatten wir heute schon."
"Nein…"
Eine kurze Pause.
"Nicht so, dass man entscheiden muss, ob man zurückweicht."
Das ließ ich stehen.
Ich hörte das Wasser jetzt deutlicher.
Das Telefon überträgt manchmal mehr, als man erwartet.
Ein unregelmäßiges Tropfen.
Ein kurzes Aufrauschen.
"Dann hat sie mich angesehen", sagte er.
"Und?"
"Ich konnte nicht wegsehen."
Ich atmete leise aus.
"Das klingt nach einem klassischen Anfang von Problemen."
Er reagierte nicht.
"Und dann hat sie deine Hand genommen."
"Ja."
Eine Pause.
"Oder ich ihre."
Ich hob eine Augenbraue.
"Das ist ein nicht ganz unwesentlicher Unterschied."
"Ich weiß."
Seine Stimme wurde leiser.
"Ich weiß nur noch, dass da eine Bewegung war."
Ich sagte nichts.
"Nicht schnell. Nicht plötzlich."
Er suchte.
"Eher… unvermeidbar."
Ich ging wieder zum Balkon.
"Und danach?"
"Danach…"
Er stockte.
Das Wasser wurde lauter, als hätte er sich bewegt.
"War sie nicht mehr genau da, wo sie eben noch war."
Ich blickte nach unten auf die Allee.
Menschen gingen vorbei.
Ganz normal.
Ohne Unterbrechung.
"Weg?" fragte ich.
Eine Pause.
"Nein."
Noch leiser:
"Nur… nicht mehr so."
"Jonas…"
Seine Stimme war jetzt näher am Flüstern.
"Ja."
"Kennst du das Gefühl, wenn etwas gleichzeitig richtig… und falsch ist?"
Ich musste unwillkürlich lächeln.
"Du stellst diese Frage heute zum zweiten Mal. Ich beginne, mir Sorgen um deine Entscheidungsfähigkeit zu machen."
Ein leises Ausatmen.
"Es ist, als würde etwas passieren, das passieren muss…"
Er stockte.
"…aber nicht passieren sollte."
Ich sah hinunter auf die Allee.
Menschen gingen vorbei.
Mit festen Wegen.
Mit klaren Richtungen.
"Und jetzt?" fragte ich.
Eine Pause.
Das Wasser im Hintergrund veränderte sich erneut.
"Jetzt ist sie wieder da."
Ich richtete mich auf.
"Wieder?"
"Ja."
"War sie weg?"
Eine kurze Stille.
Dann:
"Ich kann nicht sagen, dass sie weg war."
Ich sagte nichts mehr.
Und zum ersten Mal an diesem Morgen hatte ich nicht das Gefühl,
dass ich ein Gespräch führte.
Sondern dass ich versuchte,
eine Abfolge zu verstehen,
die vielleicht nie eine gewesen war.
4. Theater – Die Maske
Ich erinnere mich nicht mehr genau, wann Leo das nächste Mal anrief.
Nur, dass ich irgendwann wieder das Telefon in der Hand hielt, während ich eigentlich längst beschlossen hatte, mich auf etwas völlig Banales zu konzentrieren – vermutlich Kaffee, vermutlich Zeitung, vermutlich die Illusion, dass der Tag berechenbar bleibt.
"Jonas", sagte er, noch bevor ich etwas sagen konnte.
Ich lehnte mich gegen den Türrahmen meines Zimmers im
Europäischer Hof Baden-Baden
"Ich nehme an, du bist noch nicht fertig mit deiner persönlichen Stadtführung."
Ein kurzes Ausatmen.
"Ich bin am Theater."
Ich schloss kurz die Augen.
"Natürlich bist du das."
Das
Theater Baden-Baden
hat etwas Merkwürdiges, wenn man davor steht.
Es wirkt zu ordentlich für Zufall.
Zu schön für Alltag.
Und genau dadurch ein wenig verdächtig.
"Und?" fragte ich.
"Hier war sie."
Ich richtete mich auf.
"Das wird jetzt spannend formuliert. War sie nur kurz hier oder hat sie auch etwas hinterlassen? Eine Visitenkarte vielleicht? Ein Mietvertrag?"
Keine Reaktion.
"Jonas… sie war hier mit mir."
Ich runzelte die Stirn.
"Das ist eine interessante grammatikalische Entwicklung. 'Mit mir' klingt nach Nähe. Sehr viel Nähe."
"Wir standen vor dem Theater."
Ich stellte mir das kurz vor.
Leo.
Klare Linien.
Ein Ort, der so tut, als wäre alles inszeniert.
"Und dann?"
"Wir sind gegangen."
"Zusammen?"
Eine Pause.
"Ja."
Ich nickte langsam, obwohl er das nicht sehen konnte.
"Das ist der klassische Teil der Geschichte, in dem ich normalerweise frage: wohin."
"Zum Kurhaus."
Ich seufzte.
"Natürlich."
Später – ich weiß nicht mehr genau wann – sprach ich mit jemandem, der zur gleichen Zeit dort gewesen sein will.
Kein offizieller Zeuge.
Kein Bericht.
Nur eine Erinnerung.
"Ich habe zwei gesehen", sagte die Person.
"Zwei?" fragte ich.
"Ein Mann. Und eine Frau."
"Sicher?"
Eine kurze Pause.
"Sicher genug, um es zu sagen."
Ich ließ das stehen.
"Und?"
"Sie standen dicht beieinander."
Ich nickte langsam.
Das passte.
Zu gut vielleicht.
"Konnten Sie sie beschreiben?"
Diesmal dauerte es länger.
"Den Mann… ja. Unruhig. Irgendwie abwesend."
Ich verzichtete darauf zu erwähnen, dass das Leo erstaunlich gut traf.
"Und die Frau?"
Ein Zögern.
Dann:
"Dunkle Haare."
Ich blinzelte.
"Dunkel?"
"Ja."
Ich sagte nichts.
Leo hatte blond gesagt.
Nicht beiläufig.
Nicht unsicher.
Sondern deutlich.
Ich erinnerte mich daran.
Oder ich erinnerte mich daran, dass ich es mir so gemerkt hatte.
"Jonas…" kam es wieder durch das Telefon.
Seine Stimme war jetzt anders.
Weniger aufgeregt.
Konzentrierter.
"Ja."
"Ich glaube, sie hat mir etwas gezeigt."
Ich lehnte mich gegen das Fenster.
"Das klingt gefährlich nach Bedeutung."
"Ich habe es erst später verstanden."
Ich hob eine Augenbraue.
"Das ist ein Satz, der mir grundsätzlich Unbehagen bereitet."
Eine Pause.
Dann:
"Am Theater war sie nicht einfach da."
Ich wartete.
"Sie hat sich anders bewegt."
Ich sagte nichts.
"Nicht für mich", fügte er hinzu.
"Für die anderen."
Das ließ ich stehen.
"Und was bedeutet das?" fragte ich schließlich.
Eine kurze Pause.
Dann:
"Dass sie wusste, dass ich sie sehe."
Ich atmete langsam aus.
"Das klingt nach Absicht."
"Vielleicht."
Er zögerte.
"Oder nach etwas, das ich erst später so verstanden habe."
Ich sah hinaus auf die Straße.
Menschen gingen vorbei.
Gleichmäßig.
Unauffällig.
"Leo", sagte ich ruhig, "jemand hat dich dort gesehen."
Eine Pause.
"Allein?" fragte er.
Ich zögerte.
Einen Moment zu lang.
"Nicht eindeutig", sagte ich schließlich.
Stille.
"Jonas…"
"Ja."
"Dann war sie da."
Ich antwortete nicht sofort.
Weil ich nicht wusste, ob dieser Satz eine Feststellung war.
Oder eine Entscheidung.
Und zum ersten Mal an diesem Tag fragte ich mich nicht mehr,
ob Leo mir etwas erzählte, das ich nicht verstand.
Sondern,
ob ich begonnen hatte, etwas zu verstehen,
das vielleicht nie eindeutig gewesen war.
5. Kurhaus – Das Spiel der Gewissheit
Ich erinnere mich noch, dass ich kurz darüber nachdachte, ob Leo eigentlich jemals normal spazieren gehen konnte.
Ohne Drama.
Ohne innere Bewegungsexplosion.
Ohne dass am Ende immer irgendetwas "Bedeutung" hatte.
"Ich bin jetzt beim Kurhaus", sagte er.
Das
Kurhaus Baden-Baden
ist einer dieser Orte, an denen alles seinen Platz hat.
Menschen gehen hinein.
Menschen gehen hinaus.
Und jeder wirkt, als hätte er einen Grund.
Ich lehnte mich in meinem Zimmer im Europäischen Hof zurück.
"Das überrascht mich nicht", sagte ich. "Du bewegst dich offenbar entlang einer sehr konsequenten Route."
"Jonas… sie ist hier."
Ich schloss kurz die Augen.
"Das klingt langsam wie ein Standardmerkmal deiner Umgebung."
"Nein."
Diesmal kürzer. Fester.
"Hier ist es anders."
Ich richtete mich ein wenig auf.
"Das ist ein Satz, den ich nicht ignoriere – aber auch nicht sofort glaube."
Ein leises Ausatmen am anderen Ende.
"Sie geht nicht mehr neben mir."
Ich wartete.
"Sondern?"
"Ich verliere sie."
Ich blinzelte.
"Das ist zumindest räumlich nachvollziehbar."
"Nein…"
Eine Pause.
"Ich sehe sie – und dann nicht mehr."
Ich sagte nichts.
Im Hintergrund hörte ich Stimmen. Schritte. Türen.
Ein Ort, der funktioniert.
Und mittendrin Leo.
"Sie ist hier", sagte er erneut.
"Das hast du bereits erwähnt."
"Nein… ich meine: sie ist nicht mehr an einer Stelle."
Ich rieb mir über die Stirn.
"Das ist bei Menschen nicht völlig unüblich."
"Jonas."
Dieser Ton.
Kein Widerspruch mehr. Nur Forderung.
Ich schwieg.
"Sie bewegt sich durch die Leute", sagte er.
Ich antwortete nicht sofort.
"Durch… oder zwischen?" fragte ich schließlich.
Eine Pause.
"Ich weiß es nicht."
Das ließ ich stehen.
Ich sah aus dem Fenster.
Menschen unten auf der Straße.
Gleichmäßige Bewegung.
Keine Abweichung.
"Leo", sagte ich ruhig, "Menschen weichen einander aus. Das wirkt manchmal chaotischer, als es ist."
"Sie weichen ihr aus."
Ich hielt inne.
"Das ist ein Unterschied."
"Ja."
Seine Stimme war jetzt ruhiger.
Nicht sicherer. Nur… ruhiger.
"Ich sehe sie nicht mehr direkt", sagte er.
Ich richtete mich auf.
"Das ist neu."
"Aber ich weiß, wo sie ist."
Ich sagte nichts.
"Und wie weißt du das?" fragte ich schließlich.
Eine Pause.
"Weil sich etwas verändert, wenn sie näher ist."
Ich hob leicht den Kopf.
"Was genau?"
"Die Leute bleiben einen Moment stehen. Oder gehen schneller. Oder schauen kurz weg."
Ich ließ mir Zeit.
"Das könnte auch andere Gründe haben."
"Ja."
Stille.
"Sie hat mich angeschaut", sagte er dann.
"Obwohl du sie nicht siehst?"
"Ja."
Ich atmete langsam aus.
"Das ist… schwierig."
"Ich weiß."
Ich ging ein paar Schritte durch das Zimmer.
"Leo, jemand hat dich vor dem Theater gesehen."
Eine kurze Pause.
"Mit ihr?" fragte er.
Ich antwortete nicht sofort.
"Nicht eindeutig", sagte ich schließlich.
Ein leises Ausatmen.
Nicht Erleichterung.
Eher… Bestätigung.
"Dann war sie da", sagte er.
Ich setzte mich langsam.
"Das ist eine mögliche Schlussfolgerung."
"Jonas…"
"Ja."
"Ich glaube nicht, dass sie verschwindet."
Ich wartete.
"Ich glaube, sie entscheidet nur, wann ich sie sehe."
Ich ließ den Satz stehen.
Draußen bewegte sich die Stadt weiter.
Gleichmäßig.
Verlässlich.
Unbeeindruckt.
"Jonas", sagte er schließlich.
"Ja."
"Ich gehe jetzt weiter."
Ich hielt kurz inne.
"Natürlich tust du das."
Eine Pause.
Dann:
"Und ich glaube… sie geht mit mir."
Ich sah hinaus.
Menschen. Bewegung. Ordnung.
Und irgendwo darin eine Geschichte,
die sich nicht entscheiden wollte,
ob sie einfach passiert
oder bereits begonnen hatte, sich zu entziehen.
6. Kaiserallee / Trinkhalle – Der Bruch
Dann kam der Moment.
Ich weiß nicht mehr, ob ich mich hingesetzt hatte oder noch stand.
Ich weiß nur, dass ich das Telefon fester hielt.
Nicht bewusst.
Eher so, als würde etwas in mir verhindern wollen, dass die Verbindung abreißt.
Er war noch in der Leitung.
Und ich hörte Schritte.
Schneller jetzt.
Ungleichmäßiger.
Nicht mehr dieses gleichmäßige Gehen von vorhin.
"Ich bin jetzt auf der Kaiserallee", sagte Leo.
Ich richtete mich unwillkürlich auf.
Die
Trinkhalle Baden-Baden
liegt dort wie ein Versprechen von Ordnung.
Säulen. Rhythmus. Wiederholung.
Ein Ort, der Struktur vorgibt – unabhängig davon, was sich davor abspielt.
"Gut", sagte ich. "Dann bist du fast wieder im Bereich der zivilisatorischen Stabilität."
Keine Reaktion.
Nur sein Atem.
Schneller.
Flacher.
"Sie ist jetzt ganz nah… Jonas…"
Ich runzelte die Stirn.
"Du hast diesen Satz heute schon in verschiedenen Intensitätsstufen verwendet."
"Zu nah…"
"Leo, vielleicht solltest du einfach—"
Ich brach ab.
Nicht, weil er mich unterbrach.
Sondern weil ich hörte, dass er mich nicht mehr hörte.
Im Hintergrund:
Schritte.
Mehrere jetzt.
Nicht mehr eindeutig zuzuordnen.
Dann ein Geräusch.
Nicht laut.
Aber deutlich genug, um nicht überhört zu werden.
Kein klarer Aufprall.
Kein eindeutiger Sturz.
Eher ein abruptes Verändern von Bewegung.
Als hätte etwas, das eben noch im Gleichgewicht war, dieses Gleichgewicht verloren.
"Was passiert da gerade?" fragte ich schärfer.
Keine Antwort.
Nur Atmung.
Dann:
"Sie…"
Ein Abbruch.
"Leo?"
Ein weiteres Geräusch.
Kürzer diesmal.
Näher.
Oder nur direkter im Ohr.
Stimmen im Hintergrund.
Mehrere.
Nicht laut genug, um Worte zu verstehen.
Aber deutlich genug, um zu wissen, dass jemand reagiert.
"Leo!"
Dann:
Ein Schrei.
Kurz.
Nicht lang genug, um ihn einzuordnen.
Nicht klar genug, um zu sagen, von wem er kam.
Nicht eindeutig genug, um zu wissen, ob er etwas beendet
oder etwas ausgelöst hat.
Stille.
Dann nur noch:
Rauschen.
Ich starrte auf das Telefon.
Als könnte es mir sagen, ob ich gerade noch Teil eines Gesprächs war.
Oder bereits außerhalb davon.
"Leo?" sagte ich noch einmal.
Keine Verbindung mehr.
Ich weiß nicht, wie lange ich da saß.
Nur, dass ich irgendwann bemerkte, dass ich das Telefon noch in der Hand hielt.
Zu fest.
Als würde ich etwas festhalten, das längst nicht mehr da war.
Und in diesem Moment dachte ich nicht daran, was passiert war.
Nicht an einen Unfall.
Nicht an einen Angriff.
Nicht an irgendetwas, das sich benennen lässt.
Sondern nur daran,
dass ein Gespräch nicht beendet worden war.
Sondern
abgebrochen.
7. Nachhall – Stimmen im Raum
Ich saß noch immer.
Das Telefon in der Hand.
Nicht aufgelegt.
Nicht festgehalten.
Es lag einfach dazwischen.
Draußen war es hell.
Normal.
Unauffällig.
Das störte mich mehr als der Schrei.
Ich ging die Strecke im Kopf noch einmal durch.
Gönneranlage.
Tennisplätze.
Brunnen.
Theater.
Kurhaus.
Kaiserallee.
Zu sauber.
Zu geradlinig.
Für etwas, das sich die ganze Zeit so angefühlt hatte,
als würde es seine Form nicht behalten wollen.
Ich schrieb es auf.
Nicht als Satz.
Nur Fragmente.
Leo.
Sie.
Hand.
Wasser.
Bewegung.
Schrei.
Dann hielt ich inne.
Weil mir auffiel,
dass ich nicht wusste,
was davon sicher war.
"Welche Hand?"
Ich hob den Kopf.
Niemand im Raum.
"Am Brunnen?"
"Oder später?"
Ich stand auf.
Langsam.
"Wer sagt das?"
Stille.
Dann:
"Er hat es erzählt."
Kurze Pause.
"Einmal so."
"Einmal anders."
Ich drehte mich leicht.
Nicht zu jemandem.
Eher in eine Richtung, die ich nicht benennen konnte.
"Hat er nicht."
Kurze Pause.
"Doch."
Diesmal weniger sicher.
"Oder… fast."
Ich blickte auf meine Notizen.
Die Worte lagen da.
Unverändert.
Aber ihre Reihenfolge wirkte nicht mehr stabil.
"Und der Schrei?"
Ich antwortete nicht sofort.
"War er laut?"
Pause.
"Oder nur nah?"
Ich setzte mich wieder.
Langsamer diesmal.
Das war neu.
Nicht die Frage.
Sondern dass sie nicht mehr von außen kam.
Ich sah auf das Telefon.
Keine Verbindung.
Kein Gespräch.
Nur ein Ende, das sich nicht als Ende verhielt.
"Hat jemand die Frau gesehen?"
Ich atmete leise ein.
"Ja."
"Nein."
"Vielleicht."
Diesmal nicht drei Antworten.
Sondern drei Versionen derselben Unsicherheit.
Ich strich mit dem Finger über die Notizen.
Alles war da.
Aber nichts blieb stabil.
Und dann fiel mir etwas auf:
Die Erinnerung an Leos Stimme begann sich zu verschieben.
Nicht in dem, was er sagte.
Sondern darin, wie sicher ich mir war,
dass er es genau so gesagt hatte.
Ich sah wieder auf die Liste.
Leo.
Sie.
Hand.
Wasser.
Bewegung.
Schrei.
Sechs Worte.
Sechs mögliche Wahrheiten.
Ich legte den Stift beiseite.
Langsam.
Und zum ersten Mal stellte ich mir nicht die Frage,
was passiert war.
Sondern:
ob ich überhaupt der richtige war,
der diese Geschichte ordnet.
Und genau hier beginnt Ihre Ermittlung.
