Die Sage vom Rockertweibchen

Der Fluch des Waldes und die klagende Gräfin von Gernsbach 

© 14.04.2026 Gerd Groß

Prolog

Hoch über dem Murgtal, wo der Wald dichter wird als der Tag und die Schatten länger leben als das Licht, liegt der Rockertwald.
Ein Ort, an dem der Mensch nur Gast ist – und nicht alles wieder hinausfindet.

Die Alten sagen: Der Wald vergisst nichts.
Keine Schuld. Kein Versprechen. Kein Wort, das zu schwer gesprochen wurde.

Und manchmal, wenn der Wind durch die Tannen streicht, klingt es, als würde jemand rufen:
"Hu… hu…"

Nicht laut.
Nur so, dass man es nicht mehr loswird.

Die Sage

Nach dem Tod eines Grafen von Eberstein erbte seine Witwe nicht nur Besitz, sondern auch Streit.

Zwischen den Gemeinden Scheuern, Hilpertsau und Reichental lag der Rockertwald – begehrt, umkämpft, unklar im Recht.

Es kam zum Manngericht.
Grafen und Ritter versammelten sich unter dem Blick des Gesetzes.

Die Gräfin wusste, dass der Wald ihr nicht gehörte.
Doch sie wusste auch, dass Wahrheit manchmal ein zu teurer Besitz ist.

Nicht die Wahrheit fürchtete sie – sondern den Verlust ihres Namens.

So trat sie vor das Gericht.

In schwarzer Trauerkleidung.
Stolz, still, beherrscht.

In ihrer Haube verborgen ein Löffel.
In ihren Schuhen Erde aus ihrem Burghof.

Und sie sprach den Eid.

So gewiss der Himmel über mir ist, so gewiss stehe ich auf meinem Grund und Boden.

Der Schwur wurde anerkannt.

Doch der Wald hörte zu.

Nur wenige Tage später starb sie.

Und mit ihrem Tod begann etwas, das keine Grenze mehr kannte.

Seit jener Zeit geht sie um im Rockertwald.

Man nennt sie das Rockertweibchen.

Niemand weiß genau, was sie ist.
Nur was sie hinterlässt.

Eine schwarze Gestalt im Seidenrock.
Ein Mieder wie aus Erinnerung.
Eine Samthaube mit dunklem Federbusch.
Und ein Bund Schlüssel, der Türen trägt, die niemand findet.

Manchmal geht sie zu Fuß.
Manchmal fährt sie in einer Kutsche ohne Pferde.
Manchmal hört man Hunde, die Wild jagen, das niemand sieht.

Und immer vorher – oder danach – dieses Rufen:

"Hu… hu…"

Wer ihr begegnet, erzählt Verschiedenes.

Einige sagen, sie habe Körbe gehoben, als helfe sie den Menschen.
Andere sagen, sie habe sich selbst darauf gesetzt, schwer wie ein Urteil.

Mädchen, die ihr begegneten, kehrten verändert zurück – oder gar nicht.

Manche wurden durch den Wald geführt, als wüssten sie selbst nicht mehr wohin.
Andere fanden den Weg nach Hause, ohne erklären zu können warum.

Ein Schneider aus Obertsrot beschimpfte sie einst im Dunkel.

Er verschwand.

Am Morgen fand man ihn zerschunden am Lautenfelsen – ohne Erinnerung an den Weg.

Wilderer berichten, sie habe sich an ihr Feuer gesetzt, wortlos.
Als man sie fortschickte, war einer von ihnen verschwunden – und wurde erst Stunden später weit entfernt wiedergefunden, verletzt und stumm.

Und doch:

Es gibt Jahre, in denen der Wald reich ist.
In denen das Heu wächst, als würde es getragen.

Als ob etwas den Wald nicht nur fordert – sondern auch schützt.

Niemand versteht diese Ordnung.

Vielleicht ist genau das der Punkt.

Epilog

Heute spricht man selten über sie.

Die Wege sind sicherer geworden.
Die Welt heller.

Doch der Rockertwald hat seine eigene Zeit behalten.

Und wenn Nebel zwischen den Stämmen steht und der Abend zu früh kommt, dann glauben manche, eine schwarze Gestalt am Rand des Weges zu sehen.

Mit Schlüsseln in der Hand.

Und einem Blick, der nicht fragt – sondern erinnert.

"Hu… hu…"

Nicht als Drohung.

Sondern als Antwort auf etwas, das niemand mehr gestellt hat.