🪨 Der Zauberberg vom Immenstein
Eine Sage aus längst vergessener Zeit
🌕 Akt III – Die Hüterinnen und das Gleichgewicht
Für Leser ab: 10+
© 15.10.2026 Gerd Groß
🧭 Die Wanderung als Erzählraum
Diese Sage folgt einer realen Wanderroute.
Jede Station der Wanderung entspricht einem Kapitel der Geschichte.
Der Weg ist damit nicht nur Kulisse, sondern Teil der Handlung.
📍 Die Örtlichkeit erleben in Bilderwelten
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Ein Hörerlebnis der besonderen Art. Folgen sie den Wegen und erleben die Wanderung neu.
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Diese WanderSage ist Teil von:
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📜 Die Sage
🌕 Akt III – Die Hüterinnen und das Gleichgewicht
🪨 Das Herz des Berges
Katharina blieb reglos stehen.
Der Nebel lag dicht zwischen den Felsen. Sie konnte weder den Pfad noch die Fichten am Waldrand erkennen. Nur das goldene Glimmen in der Felsspalte war noch da. Es pulsierte tief im Gestein, langsam und ruhig, wie das Licht einer Flamme, das niemals erlischt.
Katharina blickte dorthin, wo die Fremde eben noch gestanden hatte.
Wer war diese Frau? Und woher wusste sie, was die Menschen seit Jahrhunderten nicht mehr hören?
Da bewegte sich der Nebel vor ihr.
Langsam schälte sich eine Gestalt aus dem weißen Dunst. Der dunkle Mantel, das fahle Gesicht, die Augen, in denen sich das goldene Licht spiegelte – Katharina erkannte die Fremde wieder.
Ob sie zurückgekehrt war oder sich die ganze Zeit in ihrer Nähe aufgehalten hatte, konnte Katharina nicht sagen.
Katharina:
"Wer seid Ihr? Und was ist das für ein Licht?"
Die Frau antwortete nicht sofort. Sie wandte sich dem Felsen zu und legte eine Hand auf das kalte Gestein.
Die Fremde:
"Du siehst Licht. Andere sehen darin Reichtum. Aber nur wenige begreifen, was sie vor sich haben."
Katharina blickte zu den Bienen. Tausende saßen auf dem Fels, dicht an dicht. Ihr feines Summen war kaum noch zu hören. Es schien, als lauschten sie gemeinsam auf etwas, das tief unter der Erde lag.
Katharina:
"Meine Bienen sind sonst bei solcher Kälte in ihren Stöcken. Sie dürften gar nicht hier sein."
Die Fremde:
"Und doch sind sie gekommen."
Katharina:
"Warum?"
Die Frau strich mit den Fingerspitzen über eine schmale Ritze im Stein. Darunter glomm das Gold heller auf.
Die Fremde:
"Weil sie hören, was die Menschen vergessen haben."
Katharina spürte wieder das tiefe Zittern. Es kam nicht aus der Luft, sondern schien durch ihre Füße in ihren Körper zu steigen.
Katharina:
"Was ist dieser Berg?"
Nun hob die Frau den Blick.
Die Fremde:
"Der Immenstein ist das schlafende Herz dieser Landschaft. Tief in seinem Inneren ruht eine Kraft, älter als die Wege der Menschen, älter als ihre Häuser und ihre Namen."
Sie hielt inne.
Die Fremde:
"Wenn das Gleichgewicht dieser Landschaft bedroht ist, erwacht dieses Herz. Dann kommen die Bienen."
Katharina sah auf die kleinen Körper, die sich an den Stein schmiegten.
Katharina:
"Sie wärmen den Felsen?"
Die Fremde:
"Sie geben ihm, was er braucht. Und der Fels gibt ihnen zurück, was sie am Leben hält. Kein Wesen steht allein. Was die Bienen empfangen, geben sie weiter. Was der Berg bewahrt, lässt er wieder strömen."
Das goldene Licht wanderte durch die Spalte. Für einen Moment sah es aus, als flösse flüssiger Honig durch die Adern des Gesteins.
Katharina:
"And Ihr? Was habt Ihr damit zu tun?"
Hinter der ersten Gestalt bewegte sich der Nebel.
Eine zweite Frau trat daraus hervor, dann eine dritte. Katharina hatte sie nicht kommen hören. Ihre Gewänder waren dunkel wie nasse Erde und graue Felsen. In ihren Haaren lagen Tannennadeln und kleine Blätter, als wären sie geradewegs aus dem Wald getreten.
Die erste Frau richtete sich auf.
Die Fremde:
"Wir sind die Hüterinnen des Immensteins. Die Menschen nennen uns Hexen."
Katharina wich nicht zurück. Sie hatte Angst, erkannte aber keine Feindseligkeit in den Gesichtern der Frauen.
Katharina:
"Warum zeigt Ihr Euch mir?"
Die älteste der drei sah auf Katharinas Räuchergefäß.
Die Hüterin:
"Weil du nicht gekommen bist, um zu nehmen. Du bist deinen Bienen gefolgt, weil du sie nicht allein lassen wolltest."
Dann legte sie die Hand wieder auf den Stein.
Die Hüterin:
"Merke dir, Katharina: Nicht alles, was leuchtet, ist für Menschenhände bestimmt. Und nicht alles, was verborgen liegt, ist verloren."
Katharina wollte etwas erwidern.
Da knackte es im Unterholz.
Ein Ast brach. Dann noch einer.
Die Bienen bewegten sich unruhig auf dem Felsen.
Die drei Frauen wandten gleichzeitig den Kopf zum Wald.
🌑 Der Eindringling
Zwischen den Fichten erschien ein Licht.
Es schwankte hin und her, verschwand hinter einem Stamm und tauchte wenig später wieder auf. Eine Laterne.
Ein Mann kämpfte sich durch das Unterholz. Er trug einen groben Mantel, schwere Stiefel und über der Schulter einen kleinen Sack. In der Hand hielt er eine Laterne. Am Gürtel hing eine kurze Hacke.
Es war Matthias, ein Knecht aus Neusatz.
Er blieb stehen, als er das goldene Leuchten erblickte.
Sein Mund öffnete sich, doch zunächst kam kein Wort über seine Lippen.
Dann trat er näher.
Matthias:
"Bei allen Heiligen! Was ist denn das?"
Das Licht aus der Felsspalte spiegelte sich in seinen Augen.
Matthias:
"Gold! Das muss Gold sein!"
Katharina machte einen Schritt auf ihn zu.
Katharina:
"Matthias, bleibt stehen!"
Doch der Knecht hörte sie kaum. Er stellte die Laterne auf einen Felsvorsprung und beugte sich vor. Seine Augen folgten dem goldenen Schein, der sich tief im Gestein bewegte.
Matthias:
"Ich hab es gewusst. Im Schlosswald gibt es Dinge, von denen keiner etwas versteht. Mein Vater hat schon davon gesprochen. Aber dass es so etwas hier gibt …"
Er zog die Hacke aus seinem Gürtel.
Die Hüterinnen standen reglos im Nebel.
Nur das Licht im Felsen veränderte sich. Es wurde schwächer, als hätte jemand eine Hand darüber gelegt.
Katharina:
"Lege die Hacke weg!"
Matthias lachte nervös.
Matthias:
"Warum? Wenn hier Gold im Berg steckt, dann kann es doch nicht einfach für immer hier liegen bleiben."
Katharina:
"Ihr wisst nicht, was Ihr da vor Euch habt."
Matthias:
"Ich sehe genug!"
Er setzte den Fuß auf einen flachen Stein und hob die Hacke.
In diesem Augenblick ging ein Zittern durch den Felsen.
Es war stärker als zuvor.
Die Bienen lösten sich von der Oberfläche. Tausende kleiner Körper erhoben sich gleichzeitig, verdunkelten für einen Moment das goldene Licht und schwirrten über dem Stein.
Matthias ließ die Hacke sinken.
Matthias:
"Was ist das?"
Die älteste Hüterin trat aus dem Nebel.
Die Hüterin:
"Ein letzter Augenblick, Mensch. Überlege, bevor du etwas zerbrichst, das du nicht wieder zusammensetzen kannst."
Ihre Stimme war nicht laut. Doch sie trug bis zu den dunklen Bäumen.
Matthias wich einen Schritt zurück. Dann sah er wieder auf das Gold.
Sein Blick glitt zur Hacke in seiner Hand. Für einen Augenblick schien er zu überlegen, sie wegzulegen. Doch dann sah er erneut das goldene Leuchten. Seine Finger schlossen sich fester um den Griff.
Matthias:
"Ihr wollt es für euch behalten! Deshalb erzählt Ihr mir solchen Unsinn."
Er hob die Hacke erneut.
Katharina wusste, dass sie ihn nicht mit Gewalt aufhalten konnte. Und sie spürte, dass die Hüterinnen ihn nicht einfach fortschicken würden. Nicht, solange er bereit war, den Felsen zu verletzen.
🐝 Katharinas Entscheidung
Ein kleiner roter Schein glomm noch in der Schale. Der dünne Faden Rauch stieg langsam auf und zog zwischen den Steinen hindurch.
Sie dachte an die Bienenstöcke daheim und an die Stunden, in denen sie gelernt hatte, die Tiere zu beobachten. Sie wusste, dass Rauch Bienen beruhigen konnte. Doch hier war alles anders.
Diese Bienen gehörten zu diesem Ort. Und Katharina musste einen Weg finden, sie zu schützen, ohne den Berg zu gefährden.
Katharina nahm das Räuchergefäß vorsichtig in beide Hände.
Katharina:
"Matthias, seht mich an! Nicht den Felsen. Mich!"
Er blickte kurz zu ihr.
Katharina:
"Wenn Ihr Gold sucht, dann müsst Ihr zuerst wissen, was Ihr da brechen wollt."
Matthias:
"Ich weiß, was Gold ist!"
Katharina:
"Nein. Ihr wisst, was es wert sein könnte. Das ist nicht dasselbe."
Sie ging langsam seitwärts, weg von der Felsspalte. Dabei hielt sie das Räuchergefäß so, dass der dünne Rauch in Richtung der Bienen zog.
Katharina:
"Seht Ihr die Tiere? Sie sind nicht hier, um einen Schatz zu bewachen. Sie sind hier, weil der Berg sie braucht. Und wenn Ihr mit Eisen in den Stein schlagt, dann wisst Ihr nicht, was Ihr damit zerstört."
Matthias blickte zu den Bienen. Der Schwarm zog in unruhigen Schleiern über die Felswand. Das goldene Leuchten flackerte.
Matthias:
"Dann soll der Berg eben ohne sie auskommen."
Katharina blieb stehen.
Katharina:
"Und wenn er es nicht kann?"
Zum ersten Mal schwieg Matthias.
Er sah auf die Hacke in seiner Hand. Dann blickte er zu den Bienen, die sich langsam wieder auf dem Felsen niederließen. Das Zittern hatte nachgelassen, und das goldene Licht wurde ruhiger.
Matthias trat näher, ohne die Hacke zu heben.
Matthias:
"Ich wollte nur einmal etwas finden, das mein Leben verändert."
Katharina sah ihn an. Für einen Moment war er nicht mehr der Mann, der den Felsen aufbrechen wollte. Er war nur ein Mensch, der auf etwas gehofft hatte.
Katharina:
"Vielleicht habt Ihr etwas gefunden. Aber nicht das, was Ihr erwartet habt."
Matthias blickte lange auf die Felsspalte. Dann wanderte sein Blick zu den Bienen. Sie schienen wieder zur Ruhe gekommen zu sein. Er betrachtete den Felsen noch einen Augenblick, dann senkte er langsam die Hacke.
Dann legte er sie auf den Boden.
Matthias nahm seine Laterne.
Er blickte ein letztes Mal auf den Felsen, dann wandte er sich ab und verschwand zwischen den Fichten.
Seine Schritte wurden leiser.
Schließlich war nur noch das Summen der Bienen zu hören.
🌕 Die Grenze
Die drei Hüterinnen standen wieder vor Katharina.
Die älteste betrachtete sie lange.
Die Hüterin:
"Du hast ihn nicht besiegt."
Katharina:
"Ich wollte nicht, dass er verletzt wird. Und ich wollte nicht, dass er den Berg verletzt."
Zum ersten Mal erschien ein kaum sichtbares Lächeln auf dem Gesicht der Hüterin. Sie trat näher an Katharina heran.
Die Hüterin:
"Du hast den Felsen nicht gerettet, weil du stärker warst als der Mensch. Du hast ihm Zeit gegeben, sich zu erinnern."
Katharina:
"Woran sollte er sich erinnern?"
Die Hüterin:
"Dass er nicht allein auf dieser Welt lebt."
Hinter ihnen begann der Nebel sich zu bewegen. Für einen Augenblick öffnete sich zwischen den Fichten ein schmaler Blick hinunter ins Tal. Katharina erkannte die dunklen Dächer von Neusatz und dahinter die Wälder, die sich bis zu den fernen Höhen erstreckten.
Dann schloss sich der Nebel wieder.
Die Hüterin:
"Du hast heute gesehen, was verborgen bleiben muss. Aber du darfst nicht vergessen, was du gesehen hast."
Katharina blickte auf ihre Hände. Sie waren kalt und zitterten leicht.
Katharina:
"Und wenn eines Tages wieder jemand kommt, der den Berg aufbrechen will?"
Die drei Frauen sahen einander an.
Die Hüterin:
"Dann wird der Berg wieder prüfen, wer vor ihm steht."
Katharina:
"Und was soll ich tun?"
Die älteste Hüterin antwortete:
Die Hüterin:
"Höre hin. Schau genau. Und vergiss niemals, dass Bewahren manchmal mehr Mut verlangt als Nehmen."
Ein tiefer Ton ging durch den Felsen.
Die Bienen hoben sich ein letztes Mal in die Luft. Im goldenen Schein zeichneten ihre Flügel winzige Lichtpunkte in den Nebel. Dann ließen sie sich wieder auf dem Stein nieder.
Katharina wusste, dass sich etwas verändert hatte. Sie hatte keine Zauberformel gelernt und keine geheimnisvolle Kraft erhalten. Doch sie hatte gesehen, was auf dem Spiel stand – und dass ein einziger unbedachter Schlag mit der Hacke genügen konnte, um etwas zu zerstören, dessen Wert kein Mensch ermessen konnte.
Und dass Bewahren manchmal bedeutet, die Hand zurückzuhalten.
Die Hüterinnen traten zurück.
Der Nebel nahm sie auf.
Als Katharina noch einmal blinzelte, waren sie verschwunden.
Nur der Immenstein ragte vor ihr auf, dunkel und still. Tief in seinem Inneren glomm das Gold.
Und das Herz des Berges schlief wieder.
🌍 Realwelt trifft Mythos
[Bühl, Bühlertal/ Nordschwarzwald] bildet die reale Grundlage dieser Wanderung.
Die Sage ist eine narrative Verdichtung des Weges selbst.
🧭 Einordnung
Diese Erzählung gehört zur Sammlung der
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🌐 Kontext
Der Schwarzwald ist nicht nur Landschaft, sondern ein Raum voller Geschichten, die zwischen Realität und Legende existieren.
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