🪨 Der Zauberberg vom Immenstein

Eine Sage aus längst vergessener Zeit

🌫️ Akt II – Der Weg in den Nebel

Für Leser ab: 10+

© 15.10.2026 Gerd Groß


🧭 Die Wanderung als Erzählraum

Diese Sage folgt einer realen Wanderroute.
Jede Station der Wanderung entspricht einem Kapitel der Geschichte.

Der Weg ist damit nicht nur Kulisse, sondern Teil der Handlung.


📍 Die Örtlichkeit erleben in Bilderwelten

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📜 Die Sage

🌫️ Akt II – Der Weg in den Nebel

Der leuchtende Fels

Schon nach wenigen Schritten waren die letzten Häuser von Neusatz hinter den Bäumen verschwunden. Das vertraute Licht aus den Fenstern, das ferne Bellen eines Hundes und selbst die Geräusche der Dorfstraße waren verstummt. Vor ihr lag nur noch der schmale Pfad, der sich zwischen den Stämmen den Hang hinaufwand.

Der Nebel war dichter geworden.

Er hing zwischen den Tannen wie ein feuchtes Tuch und legte sich auf die Zweige. Wasser sammelte sich an den Nadeln und tropfte auf das Moos. Unter Katharinas Schuhen knirschten gefrorene Blätter. Wo der Weg eine Biegung machte, schienen die Bäume plötzlich näher zusammenzurücken.

Sie kannte diesen Wald. Schon als Kind war sie mit ihrem Vater hier gewesen, hatte Beeren gesammelt, Reisig aufgelesen und an warmen Sommertagen dem Summen der Bienen gelauscht.

Doch heute war alles anders.

Die Tannen ragten wie dunkle Riesen aus dem Dunst. Ihre Äste bewegten sich kaum, und wenn Katharina zwischen den Stämmen eine Gestalt zu erkennen glaubte, war es beim zweiten Hinsehen nur ein knorriger Baum oder ein Felsvorsprung.

Sie ging langsamer.

Das Räuchergefäß in ihrer Hand gab einen schwachen, rötlichen Schein ab. Ein dünner Faden Rauch stieg daraus auf und verlor sich im Nebel. Katharina hielt es nahe am Körper, damit die Glut nicht erlosch.

Es war ein armseliges Licht in dieser großen Dunkelheit. Aber es war ihr Licht, etwas Vertrautes, das sie selbst mitgebracht hatte.

Sie blieb stehen und lauschte.

Das Schwingen war noch da.

Zunächst hatte sie es nur gelegentlich wahrgenommen, als käme es aus weiter Ferne. Nun lag es unter allem, was sie hörte. Unter dem Tropfen des Wassers, unter dem leisen Knacken der Äste und sogar unter ihrem eigenen Atem.

Es war kein gewöhnliches Summen.

Es schien aus dem Berg selbst zu kommen.

Katharina legte eine Hand an einen Baumstamm. Das Holz war kalt und feucht. Sie schloss für einen Augenblick die Augen und versuchte, das Geräusch zu verstehen.

Es erinnerte sie an das tiefe Brummen eines besonders starken Bienenvolkes, wenn sie im Sommer den Deckel eines Stockes hob. Doch dieses Geräusch war viel größer. Es hatte keine erkennbare Richtung und schien den ganzen Wald zu durchdringen.

Sie öffnete die Augen wieder.

"Wo seid ihr?", flüsterte sie.

Ihre Frage war kaum ausgesprochen, da sah sie vor sich etwas Dunkles zwischen den Bäumen verschwinden.

Katharina blieb stehen.

War es ein Schatten gewesen? Ein Tier? Oder hatte sich dort tatsächlich etwas bewegt?

Sie wartete.

Nichts geschah.

Nur das Schwingen blieb.

Also ging sie weiter.

Der Pfad wurde steiler. Wurzeln traten aus dem Boden, und zwischen ihnen lagen glatte Steine, auf denen sich der Frost wie ein dünner, silbriger Überzug gebildet hatte. Katharina musste aufpassen, wohin sie trat. Mehr als einmal griff sie nach einem Ast, um nicht auszurutschen.

Je höher sie kam, desto kälter wurde die Luft.

Der Nebel schien sich hier oben zu sammeln. Er strich über den Boden, kroch um die Wurzeln und stieg an den Stämmen empor. Manchmal öffnete sich zwischen den Tannen eine Lücke, durch die Katharina den grauen Himmel sehen konnte. Dann schloss sich der Wald wieder um sie.

Und doch verlor sie die Richtung nicht.

Die Bienen hatten ihr den Weg gewiesen.

Ab und zu entdeckte sie eines der Tiere vor sich. Es saß auf einem Zweig oder schwebte für einen kurzen Augenblick im Nebel, bevor es weiterflog. Sie wirkten nicht erschöpft. Keines taumelte zu Boden, keines schien vor der Kälte zu erstarren.

Sie flogen, als folgten sie einer Spur, die nur ihnen sichtbar war.

Katharina zog den Mantel enger um sich.

Sie dachte an die Stöcke, an die leeren Fluglöcher und an die Wärme, die sie dort noch am Nachmittag gespürt hatte. Ihre Bienen hätten sich längst zu einer dichten Wintertraube zusammenziehen müssen. Stattdessen waren sie hinaus in eine Kälte geflogen, die für sie den Tod bedeuten konnte.

Warum?

Die Frage ließ sie nicht los.

Dann veränderte sich das Geräusch.

Das Schwingen wurde deutlicher. Es war nun nicht mehr nur ein fernes Grollen, sondern eine spürbare Vibration, die durch den Boden lief. Katharina fühlte sie in den Knien und in den Fingerspitzen. Das Räuchergefäß zitterte leicht in ihrer Hand, obwohl kein Wind ging.

Sie blieb stehen.

Vor ihr wurde der Wald lichter.

Die Stämme standen weiter auseinander, und zwischen ihnen schimmerten graue Felsflächen. Moos hing über den Steinkanten, und aus schmalen Rissen sickerte Wasser, das sich in kleinen Mulden sammelte.

Katharina kannte diese Gegend.

Sie war nahe am Immenstein.

Ein letzter Anstieg führte zwischen zwei mächtigen Felsblöcken hindurch. Katharina setzte den Fuß auf einen hervorstehenden Stein, zog sich an einer Wurzel empor und erreichte eine kleine freie Fläche.

Da blieb sie wie angewurzelt stehen.

Der Nebel lag unter ihr.

Nicht mehr zwischen den Bäumen, nicht mehr vor ihrem Gesicht. Er hatte sich unterhalb der Felsen zu einem gewaltigen weißen Meer gesammelt. Die Baumwipfel ragten daraus hervor wie dunkle Inseln, und weit unten war von Neusatz nichts mehr zu erkennen.

Über diesem Nebelmeer erhob sich der Immenstein.

Seine zerklüfteten Felswände standen dunkel gegen den bleichen Himmel. Einzelne Vorsprünge erinnerten an Schultern, andere an ein gewaltiges Haupt, das sich über den Wald neigte. Das Wasser hatte tiefe Rinnen in den Stein gegraben, und in den Spalten wuchs Moos, das im schwachen Licht beinahe schwarz erschien.

Der Felsen sah nicht länger aus wie ein Stück unbelebter Erde.

Er wirkte wie ein uralter Wächter, der sich aus dem Nebel erhoben hatte, um über das Land zu blicken.

Katharina vergaß für einen Augenblick die Kälte.

So etwas hatte sie noch nie gesehen.

Dann hörte sie das Summen.

Es kam nicht mehr aus der Ferne.

Es kam aus dem Felsen.

Tief und gleichmäßig vibrierte der Stein unter ihren Füßen. Das Geräusch war so gewaltig und zugleich so fein, dass Katharina nicht sagen konnte, ob sie es mit den Ohren hörte oder mit ihrem ganzen Körper wahrnahm.

Sie trat näher.

Auf einer flachen Felsplatte bewegte sich etwas.

Zuerst hielt sie es für dunkle Flecken auf dem Gestein. Doch als sie sich vorbeugte, erkannte sie die kleinen Körper, die dicht an dicht auf dem kalten Stein saßen.

Bienen.

Tausende von ihnen.

Sie bedeckten die Felsplatte und zogen sich in schmalen Reihen über die Oberfläche. Weitere saßen an den Rändern der Spalten, andere drängten sich in geschützten Vertiefungen zusammen. Ihre Körper bildeten ein dichtes, lebendiges Geflecht, das sich kaum merklich bewegte.

Katharina ging in die Hocke.

Sie erwartete, dass die Tiere erstarrt sein müssten. Doch die Bienen lebten. Sie bewegten ihre Beine, berührten einander mit den Fühlern und hielten sich so eng zusammen, dass zwischen ihren Körpern kaum noch der nackte Stein zu erkennen war.

Ihre Wärme musste sich auf der Felsoberfläche sammeln.

Aber wie konnten sie bei dieser Kälte überhaupt hier oben sein?

Katharina streckte vorsichtig die Hand aus, ohne die Tiere zu berühren.

Da sah sie das Licht.

Es kam aus einer schmalen Spalte direkt unterhalb der Felsplatte.

Zunächst war es kaum mehr als ein goldener Schimmer, so schwach, dass Katharina glaubte, das letzte Licht des Tages spiegele sich im feuchten Gestein. Doch als sie den Kopf zur Seite neigte, erkannte sie, dass das Leuchten aus dem Inneren des Felsens kam.

Es bewegte sich.

Langsam floss es an der rauen Innenwand der Spalte entlang, sammelte sich in einer Vertiefung und verschwand wieder in der Tiefe. Es war kein Feuer. Es flackerte nicht wie eine Flamme und warf keinen scharfen Schatten.

Es erinnerte Katharina an Honig, der im warmen Sonnenlicht aus einer frisch geöffneten Wabe läuft.

Nur dass dieses Gold von innen heraus leuchtete.

Katharina hielt den Atem an.

Das Licht war so warm und lebendig, dass sie für einen Augenblick glaubte, den Duft von Bienenwachs und süßem Honig wahrzunehmen. Doch als sie näher trat, roch sie nur den feuchten Stein, das Moos und die kalte Luft des Waldes.

Sie beugte sich über die Spalte.

Das goldene Leuchten pulsierte.

Einmal.

Dann noch einmal.

Mit jedem Puls wurde das Summen im Felsen etwas kräftiger. Katharina spürte, wie sich das Zittern vom Stein auf ihre Hände übertrug. Die Bienen schienen darauf zu reagieren. Ihre Körper bewegten sich in einer kaum sichtbaren Welle, als würde ein gemeinsamer Atem durch den Schwarm gehen.

In diesem Augenblick begriff Katharina etwas, das sie nicht in Worte fassen konnte.

Die Bienen waren nicht zufällig hier.

Sie hatten diesen Ort gesucht.

Sie saßen auf dem kalten Felsen, wärmten einander und schienen zugleich von dem goldenen Licht angezogen zu werden. Und der Stein, der unter ihnen lag, antwortete mit seinem tiefen, lebendigen Schwingen.

Es war, als gehörten beide zusammen.

Als wären der Berg und die Bienen zwei Teile eines einzigen Wesens.

Katharina dachte an ihre Stöcke im Dorf. Dort schützten die Bienen einander vor der Kälte, indem sie sich eng um ihre Königin sammelten. Jede einzelne trug dazu bei, dass das Volk überleben konnte.

Hier oben geschah etwas Ähnliches.

Nur dass es nicht mehr allein die Bienen waren, die Wärme gaben und empfingen.

Auch der Felsen schien an diesem Austausch beteiligt zu sein.

Katharina richtete sich langsam auf.

Sie wollte ihren Vater holen. Sie wollte ihm zeigen, was sie entdeckt hatte. Doch zugleich wusste sie, dass sie den Ort nicht einfach verlassen konnte, ohne wenigstens zu verstehen, weshalb die Tiere hierher gekommen waren.

Da veränderte sich das Licht.

In der tiefsten Spalte des Felsens wurde das goldene Glimmen heller. Es breitete sich über eine schmale Ader im Gestein aus, zog sich um eine Kante und verschwand hinter einem Vorsprung.

Für einen kurzen Augenblick schien der ganze Felsen von innen her zu leuchten.

Katharina wich einen Schritt zurück.

Das Summen verstummte.

Nicht langsam, nicht wie ein Geräusch, das in der Ferne verklingt. Es brach ab, als hätte jemand mitten in einem Atemzug die Luft angehalten.

Die Bienen hielten still.

Der Nebel unterhalb des Felsens bewegte sich nicht mehr.

Und dann hörte Katharina hinter sich eine Stimme:

Die Fremde:

"Du bist weit gekommen, Kind."

Katharina fuhr herum.

Zwischen den Tannen, dort, wo der Nebel den Waldrand verschluckte, stand eine Gestalt.

Sie konnte nicht erkennen, ob es eine alte Frau war oder eine junge. Der dunkle Umhang verlor sich beinahe im Schatten der Bäume. Nur das Gesicht war sichtbar, bleich wie der Nebel, und die Augen schienen das schwache goldene Licht des Felsens widerzuspiegeln.

Katharina brachte kein Wort hervor.

Die Gestalt sah sie lange an.

Dann sagte sie:

Die Fremde:

"Nun hast du gehört, was die Menschen seit Jahrhunderten nicht mehr hören."

Katharina wollte fragen, wer die Fremde sei und was dieser Ort bedeute.

Doch bevor sie den Mund öffnen konnte, trat die Gestalt zurück. Ihr dunkler Umhang verschwamm mit dem weißen Dunst, bis Katharina nicht mehr sagen konnte, wo die Frau endete und der Nebel begann.

Einen Augenblick lang glaubte sie, zwischen den Tannen noch ein Gesicht zu erkennen.

Dann war nichts mehr zu sehen.

Katharina blieb allein auf dem Felsen zurück.

Nur das goldene Glimmen in der Felsspalte war geblieben.


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🌍 Realwelt trifft Mythos

[Bühl, Bühlertal/ Nordschwarzwald] bildet die reale Grundlage dieser Wanderung.
Die Sage ist eine narrative Verdichtung des Weges selbst.


🧭 Einordnung

Diese Erzählung gehört zur Sammlung der
👉 Sagen & Mythen und Erzählwelten aus dem Schwarzwald


🌐 Kontext

Der Schwarzwald ist nicht nur Landschaft, sondern ein Raum voller Geschichten, die zwischen Realität und Legende existieren.



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