🪨 Der Zauberberg vom Immenstein

Eine Sage aus längst vergessener Zeit

🍯 Akt I – Das Schweigen der Stöcke

Für Leser ab: 10+

© 15.10.2026 Gerd Groß

🧭 Die Wanderung als Erzählraum

Diese Sage folgt einer realen Wanderroute.
Jede Station der Wanderung entspricht einem Kapitel der Geschichte.

Der Weg ist damit nicht nur Kulisse, sondern Teil der Handlung.

📍 Die Örtlichkeit erleben in Bilderwelten

🔗 Hotspot: Affental, Bühl-Hänferdorf, Kloster Maria Hilf, Fatima Kapelle, Kappelwindeck/Bühl und Carl Netter Turm

Ein Hörerlebnis der besonderen Art. Folgen sie den Wegen und erleben die Wanderung neu.

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Diese WanderSage ist Teil von:

📜 Die Sage

🍯 Akt I – Das Schweigen der Stöcke

Der Ruf

Der Spätherbst hatte das Land fest im Griff.

Über den Hügeln rund um Neusatz lag ein bleigrauer Himmel. Die letzten Blätter an den Obstbäumen hielten sich nur noch mühsam an ihren Zweigen. In den schattigen Mulden des Schlosswaldes hatte sich der erste Reif auf das Moos gelegt, und aus dem feuchten Erdreich stieg der Geruch verrottenden Laubes.

Der Winter stand vor der Tür.

Am Rand des Dorfes, dort, wo die letzten Gärten in Wiesen und Hecken übergingen, standen die Bienenstöcke von Katharinas Vater. Es waren einfache Beuten aus Holz, von Wind und Wetter gezeichnet. Manche waren schon alt gewesen, als Katharina noch ein kleines Mädchen war. Andere hatte ihr Vater selbst gebaut, Brett für Brett, mit ruhiger Hand und einem Wissen, das er von seinem Vater gelernt hatte.

Katharina kannte jeden dieser Stöcke.

Sie wusste, welches Volk im Frühjahr besonders früh ausflog und welches im Sommer den meisten Honig eingetragen hatte. Sie erkannte am Klang eines Volkes, ob es gesund war. Sie wusste, wann die Bienen Ruhe brauchten und wann man besser die Finger von ihnen ließ.

Zu ihren kleinen Arbeitsgeräten gehörte auch eine Bienenpfeife, die sie meist in der Tasche ihres Rocks trug. Ihr Vater hatte ihr gezeigt, wie sie damit kurze, leise Signale geben konnte, wenn sie am anderen Ende des Gartens arbeitete.

Katharina benutzte sie nur selten. Meist genügte es ihr, die Tiere zu beobachten und ihre vertrauten Geräusche zu hören.

Für sie waren die Bienen keine bloßen Honiglieferanten. Sie waren Lebewesen, deren Ordnung man achten musste. Wer sie verstehen wollte, durfte nicht nur hinsehen. Er musste lernen, geduldig zuzuhören.

An diesem Abend ging Katharina noch einmal die Reihe der Stöcke entlang.

Sie prüfte die Abdeckungen, strich mit der Hand über das raue Holz und kontrollierte, ob der Wind irgendwo eine lose Kante angehoben hatte. Ihr Atem stand als blasser Hauch in der kalten Luft.

Dann blieb sie stehen.

Etwas stimmte nicht.

Zunächst hätte sie kaum sagen können, was sie beunruhigte. Es war kein auffälliges Geräusch gewesen, kein plötzliches Flattern, kein Zeichen, das einem unerfahrenen Auge sofort ins Gesicht gesprungen wäre.

Es war die Stille.

Normalerweise war selbst an einem kalten Herbstabend noch ein leises Leben in den Stöcken zu spüren. Die Bienen hatten sich längst in ihre Wintertraube zurückgezogen. Bei sinkenden Temperaturen wurden sie ruhiger, rückten enger zusammen und hielten sich gegenseitig warm.

Doch nun schien selbst dieses letzte, vertraute Lebenszeichen verschwunden.

Katharina legte die Hand an eine der hölzernen Beuten.

Nichts.

Sie ging zum nächsten Stock und beugte sich hinunter. Ihr Blick fiel auf das Flugloch.

Dort bewegte sich etwas.

Eine einzelne Biene kroch aus der dunklen Öffnung. Langsam tastete sie sich über die Kante, hob den Kopf und blieb einen Augenblick reglos sitzen.

Katharina runzelte die Stirn.

Bei dieser Kälte hätte das Tier kaum ausfliegen dürfen. Die Biene schien das jedoch nicht zu kümmern. Sie breitete ihre Flügel aus, hob sich vom Holz ab und stieg in die Luft.

Katharina folgte ihr mit den Augen.

Die Biene flog nicht zur nahen Hecke, nicht über die Wiese und auch nicht zu den letzten blühenden Kräutern am Wegrand.

Sie flog nach oben.

Direkt auf den Schlosswald zu.

Katharina richtete sich auf.

Am nächsten Stock geschah dasselbe. Eine zweite Biene erschien am Flugloch, dann eine dritte. Sie bewegten sich langsam, beinahe bedächtig, als folgten sie einer unsichtbaren Ordnung.

Bald waren es Dutzende.

Aus den dunklen Öffnungen der Stöcke krochen immer mehr Tiere. Sie sammelten sich nicht auf dem Holz, sie taumelten nicht erschöpft ins Gras. Eine nach der anderen erhob sich in die kalte Abendluft und stieg auf.

Katharina konnte ihren Augen kaum trauen.

"Was tut ihr denn?", flüsterte sie.

Ihre Stimme verlor sich in der Stille.

Die Bienen antworteten nicht. Sie flogen weiter, höher und höher, bis ihre kleinen Körper vor dem grauen Himmel kaum noch zu erkennen waren.

Dann zog der Nebel auf.

Zunächst lag er nur als schmaler weißer Streifen über dem Boden. Doch innerhalb weniger Minuten quoll er aus den feuchten Senken hervor, kroch zwischen den Hecken hindurch und schob sich über die Wiesen. Er umschlang die Stämme am Waldrand und ließ die unteren Äste der Tannen verschwimmen.

Die Bienen flogen mitten hinein.

Katharina machte einen Schritt nach vorn.

Sie kannte das Verhalten ihrer Tiere. Sie kannte ihre Unruhe vor einem Gewitter, ihre Schwärme an warmen Maitagen und die schwere Ruhe eines Volkes, das sich auf den Winter vorbereitete.

Aber das hier kannte sie nicht.

Keine Biene hätte bei dieser Kälte freiwillig ihren Stock verlassen dürfen. Und selbst wenn ein Volk in seiner gewohnten Ordnung gestört worden wäre, hätte es sich nicht in einer solchen Geschlossenheit auf den Weg gemacht.

Es war, als zöge etwas die Tiere an.

Etwas, das sie weder sehen noch verstehen konnte.

Katharina blickte hinauf zum Schlosswald. Der Nebel hatte die ersten Bäume bereits verschluckt. Dahinter erhoben sich die dunklen Hänge, und irgendwo dort oben lagen die Felsen des Immensteins.

Da hörte sie es.

Zuerst glaubte sie, ein ferner Wagen rolle über einen steinigen Weg. Ein dumpfes Grollen, so tief, dass es kaum als Geräusch wahrzunehmen war.

Katharina hielt den Atem an.

Das Grollen verstummte.

Sie lauschte.

Dann kehrte es zurück.

Ein leises, gleichmäßiges Schwingen lag in der Luft. Es war nicht das helle Summen eines Bienenvolkes, das sie seit ihrer Kindheit kannte. Dieses Geräusch schien tiefer zu reichen, als hätte sich irgendwo unter der Erde ein gewaltiger Schwarm versammelt.

Katharina sah sich um.

Die Wiesen lagen still. Kein Ast bewegte sich. Der Wind war eingeschlafen.

Und doch war das Schwingen da.

Sie spürte es unter ihren Füßen, kaum merklich zuerst, dann deutlicher. Es schien aus dem Boden aufzusteigen, durch die Sohlen ihrer Schuhe zu dringen und sich als feines Zittern in ihren Beinen fortzusetzen.

Sie legte eine Hand auf die Brust.

Ihr Herz schlug schneller.

Das Geräusch kam aus Richtung des Immensteins.

In diesem Augenblick verstand Katharina, dass ihre Bienen nicht einfach davongeflogen waren. Sie folgten etwas. Etwas, das sie rief, ohne einen Laut hervorzubringen, den ein Mensch hätte verstehen können.

Sie blickte auf die Stöcke.

Die Fluglöcher waren leer.

Die letzten Bienen verschwanden im Nebel.

Katharina hätte jetzt ins Haus zurückkehren können. Sie hätte ihren Vater rufen, die Tür schließen und darauf warten können, dass der Morgen eine Erklärung brachte.

Doch sie wusste auch, was geschehen würde, wenn sie nichts unternahm.

Die Kälte würde zunehmen. Der Frost würde sich über den Wald legen. Und ihre Bienen wären irgendwo dort oben, ohne Schutz, ohne ihre vertrauten Stöcke und ohne die Möglichkeit, sich gegen die Kälte zu wehren.

Sie konnte sie nicht allein lassen.

Katharina lief zum Schuppen und holte ihr Räuchergefäß. Sie prüfte den Deckel, nahm etwas trockenes Material zum Glimmen und schob es in die kleine Öffnung. Dann zog sie ihren wollenen Mantel enger um die Schultern und band sich das Tuch um den Kopf.

Als sie wieder ins Freie trat, war der Nebel bis an die ersten Häuser des Dorfes vorgedrungen.

Über dem Schlosswald lag eine weiße Wand.

Nur weit oben, dort, wo der Immenstein aus dem Berg ragte, schien der Dunst einen Augenblick lang heller zu werden. Katharina konnte nicht erkennen, ob das letzte Licht des Tages auf dem Fels lag oder ob dort etwas anderes leuchtete.

Dann war der Schimmer verschwunden.

Sie nahm das Räuchergefäß fester in die Hand und machte sich auf den Weg.

Der Pfad führte zwischen den letzten Gärten hindurch, vorbei an einer alten Hecke und hinein in den dunkler werdenden Wald. Schon nach wenigen Schritten verschluckten die Bäume die Geräusche des Dorfes.

Katharina ging weiter.

Sie wusste nicht, was sie am Immenstein finden würde. Sie wusste nicht, weshalb ihre Bienen dem Ruf des Berges gefolgt waren.

Aber sie wusste, dass sie ihnen folgen musste.

Hinter ihr lag Neusatz.

Vor ihr begann der Nebel.

Und hoch über den dunklen Tannen wartete der Berg, der niemals schlief.


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🌍 Realwelt trifft Mythos

[Bühl, Bühlertal/ Nordschwarzwald] bildet die reale Grundlage dieser Wanderung.
Die Sage ist eine narrative Verdichtung des Weges selbst.


🧭 Einordnung

Diese Erzählung gehört zur Sammlung der
👉 Sagen & Mythen und Erzählwelten aus dem Schwarzwald


🌐 Kontext

Der Schwarzwald ist nicht nur Landschaft, sondern ein Raum voller Geschichten, die zwischen Realität und Legende existieren.



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