🌫️ Der Pakt mit der Nebelfrau
Ein Märchen von der Gier und dem Wind über der Hornisgrinde
⛈️ Akt III – Das Gericht des Hochmoors
Für Leser ab: 10-12+ Jahren
© 20.10.2026 Gerd Groß
🧭 Die Wanderung als Erzählraum
Diese Sage folgt einer realen Wanderroute.
Jede Station der Wanderung entspricht einem Kapitel der Geschichte.
Der Weg ist damit nicht nur Kulisse, sondern Teil der Handlung.
📍 Die Örtlichkeit erleben in Bilderwelten
🔗 Hotspot: Hornisgrinde
Ein Hörerlebnis der besonderen Art. Folgen sie den Wegen und erleben die Wanderung neu.
🔗 Verbindung zu Outdooractive
Diese WanderSage ist Teil von:
- ➡️ Wanderung bei Wanderwelt: Ortenauer Sagenrundwege: Seebach Variation Hornisgrinde
- ➡️ Wanderung bei Wanderwelt: Schneeschuhtour Hornisgrinde – Vom Mummelsee über das Hochmoor und den Schwarzwaldhöhen
- ➡️ Wanderung bei Wanderwelt: Sportwanderung: Ottenhöfen-Hornisgrinde
- ➡️ Wanderung bei Wanderwelt: Sportwanderung: Bühl-Hornisgrinde-Bühl
- ➡️ Wanderung bei Wanderwelt: Von der Gaishölle zur Hornisgrinde – Schluchten, Wasserfälle und Schwarzwaldhöhen
📜 Die Sage
⛈️ Akt III – Das Gericht des Hochmoors
🌩️ Erstes Kapitel – Die Schreckensnacht
Der Herbst kam früh in jenem Jahr.
Die Nächte wurden länger, die Morgen kälter, und schwere Wolken lagerten über den Wäldern des Schwarzwalds. In den Dörfern sprachen die Menschen von einem Sturm, wie ihn selbst die Ältesten noch nicht erlebt hatten.
Konrad hörte ihre Warnungen und lachte darüber.
"Ein Sturm ist nur Wind", sagte er. "Und Wind gehorcht mir."
Doch in jener Nacht, als das Unheil begann, klang der Wind anders.
Er heulte nicht länger nur zwischen den Häusern. Es war, als steige er aus den Tiefen des Berges empor. Er fuhr über die Wälder, bog die Wipfel der Tannen und riss die Nebelschwaden von den Höhen der Hornisgrinde.
Blitze zuckten über das Rheintal.
Der Donner rollte so gewaltig, dass die Fenster der Häuser erzitterten.
Dann begann der Hagel.
Er prasselte auf Dächer und Felder. Wasser strömte über die Wege, und kleine Bäche schwollen zu reißenden Fluten an. Der Sturm rüttelte an den Türen und trieb den Regen gegen die Fenster, als wollte er sich gewaltsam Zutritt verschaffen.
Konrad trat vor sein Haus.
Zum ersten Mal seit langer Zeit verspürte er Furcht.
Doch noch glaubte er, sie bezwingen zu können.
Er griff nach dem silbernen Horn, hob es an die Lippen und blies hinein.
Der Ton erklang, doch der Sturm verschlang ihn, als wäre er nie gewesen.
Konrad setzte das Horn ab und starrte in die Dunkelheit.
Die Wolken bewegten sich weiter. Der Wind tobte unvermindert.
Er blies ein zweites Mal.
Dann ein drittes.
Doch nichts geschah.
Der Sturm gehorchte ihm nicht.
Konrad umklammerte das Horn. Seine Finger schlossen sich so fest darum, dass die Knöchel weiß hervortraten.
"Das kann nicht sein", flüsterte er.
Da drang eine Stimme durch das Heulen des Windes.
"Komm auf die Grind, Konrad."
Er kannte diese Stimme.
Die Nebelfrau.
"Komm und fordere zurück, was du zu beherrschen glaubtest."
Konrad blickte in die Finsternis. Für einen Augenblick schien es ihm, als bewege sich zwischen den Wolken eine Gestalt. Doch ehe er sie erkennen konnte, fuhr eine Böe über den Hof und trieb ihm den Regen ins Gesicht.
Er musste zum Berg.
Dort oben würde er die Nebelfrau zur Rede stellen. Er würde von ihr verlangen, den Sturm zu beenden. Schließlich war er der Herr der Hornisgrinde.
Noch hielt er an diesem Gedanken fest.
Er zog seinen Mantel enger um die Schultern, verbarg das Horn darunter und verließ den Hof.
Der Regen schlug ihm ins Gesicht. Der Wind zerrte an seinem Mantel, und immer wieder verschwand der Weg unter Wasser und Nebel.
Doch Konrad stieg weiter.
Er stolperte über Wurzeln, rutschte auf nassem Gestein aus und musste sich an den Stämmen festhalten. Mehr als einmal glaubte er, ein Lachen im Wind zu hören.
Je höher er kam, desto heftiger tobte der Sturm.
Schließlich verschwanden die letzten Bäume hinter ihm. Vor ihm lag die offene Höhe der Hornisgrinde. Das Knieholz bog sich unter den Böen, und die Gräser des Hochmoors lagen flach auf dem durchnässten Boden. Zwischen ihnen glommen dunkle Wasserflächen, die im flackernden Licht der Blitze aufleuchteten und gleich darauf wieder in der Finsternis versanken.
Konrad erreichte das Hochmoor.
Die Nacht war beinahe schwarz.
Über der Grind tobte ein Orkan. Der Nebel raste über den Boden, riss die Sicht auseinander und verschluckte jeden Umriss.
Konrad blieb stehen und suchte die freie Fläche, auf der er einst den Pakt geschlossen hatte.
Dann erkannte er eine Gestalt im Nebel.
Die Nebelfrau stand im Zentrum des Moores.
Sie wartete auf ihn.
❄️ Zweites Kapitel – Das Zerbrechen der Macht
Die Nebelfrau stand am Rand eines tiefen Moorauges.
Um sie herum bewegten sich die Wetterhexen. Ihre dunklen Gewänder flatterten im Sturm, und ihre Stimmen mischten sich mit dem Heulen des Windes.
Konrad trat auf die freie Fläche.
"Beende das Unwetter!", schrie er gegen den Sturm. "Ich habe den Pakt erfüllt. Ich habe gegeben, was du verlangtest. Nun gehorche mir!"
Die Nebelfrau neigte den Kopf.
"Du hast gegeben, was du selbst nicht zu verlieren glaubtest."
"Ich habe meinen Teil erfüllt!"
"Du hast dein Mitleid geopfert. Deine Freude. Deine Liebe. Du hast dein Herz gegen Gold und Macht eingetauscht."
Konrad ballte die Fäuste.
"Und dafür hast du mir das Horn gegeben!"
"Ich gab dir, wonach du verlangtest."
"Dann gib mir meine Macht zurück!"
Die Nebelfrau schwieg.
Hinter ihr erhoben sich die Wetterhexen. Sie streckten die Arme zum Himmel, und über der Grind gerieten die Wolken in einen gewaltigen Strudel.
Konrad hob das silberne Horn an die Lippen.
Er blies hinein.
Doch diesmal erklang kein mächtiger Ton.
Das Horn ächzte, als wäre es aus altem Eis gefertigt. Ein feiner Riss lief über seine Oberfläche. Dann zerbrach es in Konrads Händen.
Tausend silberne Splitter wirbelten durch die Luft. Sie verwandelten sich in Eiskristalle, die der Sturm davontrug, bis sie im Nebel verschwanden.
Konrad starrte auf seine leeren Hände.
"Nein", flüsterte er. "Nein! Das darf nicht sein!"
Die Nebelfrau trat näher.
"Du wolltest die Natur beherrschen, Konrad. Doch du warst nie ihr Herr. Du warst nur ihr Werkzeug."
Ihre Augen leuchteten wie Feuer in der Finsternis.
"Du glaubtest, du könntest den Regen kaufen, den Wind befehlen und die Wolken an deinen Willen binden. Doch jede Macht, die du erzwungen hast, forderte ihren Preis."
Konrad wich zurück.
"Ich wollte doch nur meine Ernte retten!"
"Am Anfang vielleicht."
Die Stimme der Nebelfrau wurde leiser. Doch selbst durch den Sturm hindurch waren ihre Worte deutlich zu hören.
"Bald wolltest du mehr. Den Besitz deiner Nachbarn. Ihre Abhängigkeit. Ihre Unterwerfung. Du wolltest nicht mehr leben, Konrad. Du wolltest herrschen."
Der Bauer sah sie an.
Zum ersten Mal seit Jahren schien er die Worte eines anderen wirklich zu hören.
Er dachte an seine Frau. An seine Kinder. An die Bauern, deren Felder er vernichtet hatte. An all die Male, in denen er hätte helfen können.
Doch die Erinnerungen lagen weit zurück. Eine Mauer aus Kälte schien sich zwischen ihm und seinem früheren Leben erhoben zu haben. Eine Mauer, die er selbst errichtet hatte.
"Mach es ungeschehen", flehte er. "Nimm mir das Gold. Nimm mir den Hof. Nimm mir alles, was ich besitze. Aber gib mir zurück, was ich verloren habe."
Die Nebelfrau betrachtete ihn lange.
"Manches kann zurückkehren, wenn ein Mensch seine Fehler erkennt. Doch nicht alles lässt sich zurückholen, nur weil er den Preis nun kennt."
Sie deutete auf das Moor.
"Du hast dem Hochmoor gegeben, was du für entbehrlich hieltest. Jetzt wird es sich nehmen, was noch von dir übrig ist."
Konrad fuhr herum und wollte fliehen.
Doch hinter ihm war kein Weg mehr zu sehen.
Der Nebel hatte sich geschlossen.
Unter seinen Füßen bewegte sich der Boden.
Er gab nach.
🌑 Drittes Kapitel – Das Versinken
Konrad taumelte und ruderte mit den Armen. Unter seinen Füßen schmatzte das schwarze Wasser. Was eben noch wie fester Grund ausgesehen hatte, wurde zu einem tückischen Netz aus Schlamm, Wasser und schwankenden Grasbüscheln.
Er versuchte, sich zurückzuziehen. Doch mit jeder Bewegung sank er tiefer.
"Hilfe!", schrie er.
Der Wind riss ihm die Stimme von den Lippen und trug sie über das Moor davon.
Hinter ihm hörte er das Lachen der Wetterhexen. Ihre Gestalten bewegten sich im Nebel, mal nah, mal fern, als gehörten sie längst nicht mehr zu dieser Welt.
"Nebelfrau!", rief Konrad. "Hilf mir!"
Doch die Nebelfrau blieb stehen.
"Du wolltest Macht über den Berg", sagte sie. "Nun lerne, was es bedeutet, ihm zu gehören."
Konrad sank bis zu den Knien ein. Er stemmte die Hände gegen den Boden, doch der Schlamm gab nach. Verzweifelt griff er nach den Halmen des Wollgrases. Sie knickten unter seinem Gewicht, und seine Finger fanden keinen Halt.
Da dachte er an seinen Hof.
An die vollen Scheunen. An das Gold, das er gehortet hatte. An die Felder, die er seinen Nachbarn abgenommen hatte.
All das hatte er besitzen wollen. All das hatte er für den Preis seiner Menschlichkeit gehalten.
Doch nun, da der Boden unter ihm verschwand, war nichts davon bei ihm.
Dann kamen andere Bilder.
Seine Tochter, die lachend über eine sommerliche Wiese lief.
Seine Frau, deren Hand einst auf seiner Schulter gelegen hatte, als sie gemeinsam die erste gute Ernte betrachteten.
Für einen kurzen Augenblick war da etwas, das er lange nicht mehr gespürt hatte. Ein Schmerz, der tiefer reichte als die Angst vor dem Tod. Die Erinnerung an das, was er gewesen war – und an das, was er selbst zerstört hatte.
"Verzeiht mir", flüsterte er.
Der Wind nahm auch diese Worte mit sich.
Konrad sank tiefer. Das schwarze Wasser schloss sich um seine Hüften, dann um seine Brust. Er kämpfte noch einmal gegen den Schlamm, doch das Moor ließ ihn nicht mehr los.
Sein Ruf verstummte.
Die dunkle Oberfläche glättete sich.
Nur der Sturm tobte weiter über der Hornisgrinde.
Die Nebelfrau wandte sich ab. Die Wetterhexen verschwanden zwischen den ziehenden Nebelschwaden, und bald war von ihnen nichts mehr zu sehen.
Kein Weg führte zu der Stelle, an der Konrad versunken war. Kein Zeichen verriet, was sich dort ereignet hatte.
Als der Morgen graute, lag das Hochmoor still unter einem grauen Schleier. Der Nebel zog über die Gräser und sammelte sich in den dunklen Vertiefungen des Bodens.
Es war, als hätte der Berg einen Menschen verschluckt und sein Geheimnis für sich behalten.
🌍 Realwelt trifft Mythos
[Seebach/ Nordschwarzwald] bildet die reale Grundlage dieser Wanderung.
Die Sage ist eine narrative Verdichtung des Weges selbst.
🧭 Einordnung
Diese Erzählung gehört zur Sammlung der
👉 Sagen & Mythen und Erzählwelten aus dem Schwarzwald
🌐 Kontext
Der Schwarzwald ist nicht nur Landschaft, sondern ein Raum voller Geschichten, die zwischen Realität und Legende existieren.
🔗 Weitere Sagen entdecken
🎧 Der Glaswaldsee – Das blaue Auge (30.12.2025)
- 🎧 Die Nixe vom Wildsee (07.11.2025)
- 🎧 Die Schlangenprinzessin der Wasenbourg: Der Kuss der Erlösung (20.02.2018)
👉 Kontakt
Haben Sie Fragen, Anregungen oder Interesse an einer Zusammenarbeit? Ich freue mich auf Ihre Nachricht.
✨ Literaturwelten & Hörfassungen
Tauche ein in die poetischen Klang- und Gedankenwelten von Gerd Groß — zwischen Literatur, Musik, Atmosphäre und philosophischer Reflexion.
👉 Hörfassungen, Musikwelten und weitere lyrische Werke auf:
- 📖 Entdecke unsere Literarischen Formen
- 🎵 Tauche ein in die Musikwelten
- 🌲 Erkunde die Sagen auf den Wanderwelten
- 🖼️ Reise visuell durch die Bilderwelten
Neueste Werke & Einblicke
Entdecke laufend neue Beiträge und Hintergrundinformationen.

