🎻 Der Spielmann vom Wildsee – 
Schwarzwaldsage

Für Zuhörer ab 10–12+

© Gerd Groß 28.09.2026

🧭 Die Wanderung als Erzählraum

Diese Sage folgt einer realen Wanderroute.
Jede Station der Wanderung entspricht einem Kapitel der Geschichte.

Der Weg ist damit nicht nur Kulisse, sondern Teil der Handlung.


📍 Die Örtlichkeit erleben in Wanderwelten

🔗 Hotspot: Kaltenbronn

Ein Hörerlebnis der besonderen Art. Folgen sie den Wegen und erleben die Wanderung neu.


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📜 Die Sage

Prolog – Heute

Als der Wanderer die Risswaldhütte erreichte, stand die Sonne schon tief über den Wäldern.

Das letzte Licht lag golden auf den Wipfeln und verlor sich zwischen den Stämmen. Aus den Senken stieg bereits die erste Kühle des Abends. Der Wald wurde stiller, je weiter der Tag sich zurückzog.

Vor der Hütte brannte ein kleines Feuer.

Ein alter Mann saß davor.

Der Wanderer hatte ihn nicht bemerkt, bis er dicht vor ihm stand.

"Setz dich", sagte der Alte.

Der Wanderer stellte seinen Rucksack ab und nahm auf der Bank Platz.

Eine Weile sprach keiner von beiden.

Das Holz knackte. Eine kleine Flamme schlug auf, erlosch wieder, und über dem Feuer stiegen Funken in die Dämmerung.

"Warst du schon einmal hier oben?", fragte der Alte schließlich.

Der Wanderer schüttelte den Kopf.

"Was führt dich zum Kaltenbronn?"

Der Wanderer blickte ins Feuer, dann sprach er leise:

"Ich habe gehört, dass zu manch später Zeit hier an diesem Ort Seltsames zu tragen wäre. Nichts Bestimmtes, aber Unheilvolles – habe ich gehört."

"Hast du schon vom Wildsee gehört?"

"Ja", sagte der Wanderer. "Ein wenig."

Der Alte nahm einen dünnen Zweig und schob ihn in die Glut.

"Ein wenig", wiederholte er.

Dann sah er in das Feuer.

"Das genügt manchmal, um einen Menschen neugierig zu machen."

Der Wanderer lächelte.

"Was ist denn am Wildsee?"

Der Alte antwortete nicht sofort.

Er sah hinaus in den Wald.

"Vor langer Zeit", sagte er schließlich, "kam einmal ein Reiter hier herauf."

"Wohin wollte er?"

"Zur Grünhütte."

Der Alte legte den Zweig beiseite und begann zu erzählen.

"Was führt dich zur Grünhütte?", fragte er den Reiter.

"Was aus ihm wurde, weiß bis heute niemand."

Der Wanderer sah ihn fragend an.

Der Alte blickte wieder ins Feuer.

"Aber wenn du willst, erzähle ich dir die Geschichte."

Und so begann er.

Kapitel 1 – Damals

Es war ein kalter Tag gewesen, als der Reiter die Hütte erreichte.

Sein Pferd war müde von dem langen Weg, und auch der Reiter sehnte sich nach einem warmen Feuer. Er band das Tier vor der Hütte an und trat näher.

Ein alter Mann saß am Feuer und schien nur das Feuer zu betrachten.

Der Reiter grüßte.

"Ich suche die Grünhütte."

Der Alte hob langsam den Kopf.

"Die Grünhütte?"

"Ja."

Der Alte sah ihn lange an.

"Dann bist du von weit gekommen."

Der Reiter lächelte.

"Das mag schon sein."

Der Alte wendete sich wieder dem Feuer zu und starrte in die Flammen.

"Was suchst du hier im Moor?"

"Ich suche die Frau meines Lebens.

Die schönste unter den Sterblichen.

Hier ist das Bild."

Der Alte würdigte dem Bild nicht eine Sekunde und sprach.

"Du bist auf dem Weg zur Grünhütte?"

Ohne auf eine Antwort zu warten, deutete der Alte mit dem Kopf hinauf zum Wald.

"Steig zum Hohlohturm."

"Warum?"

"Dort oben wirst du sehen, was du finden möchtest."

Der Reiter verstand die Antwort nicht.

"Und der Weg zur Grünhütte?"

Der Alte schwieg einen Augenblick.

"Manchmal muss man erst sehen, bevor man weiß, wohin man gehen soll."

Der Reiter wollte noch etwas fragen.

Doch der Alte wandte sich wieder dem Feuer zu.

Der Reiter machte sich auf den Weg.

Nach einigen Schritten hörte er hinter sich noch einmal die Stimme des Alten:

"Nicht alles, was du siehst, wird in Erfüllung gehen. Manche Dinge werden niemals geschehen, es sei denn, du weichst von deinem Pfade ab, um sie zu finden."

Der Reiter blieb stehen.

Er drehte sich um.

Doch der Alte saß bereits wieder reglos am Feuer.

Kapitel 2 – Der Hohlohturm

Der Weg führte durch den stillen Wald.

Je weiter der Reiter kam, desto ferner wurde der Blick.

Zwischen den dunklen Stämmen lagen helle Lichtungen. Fern über den Wäldern stand der Himmel blass und weit.

Dann ragte der Hohlohturm über den Wipfeln auf.

Der Reiter stieg hinauf.

Oben blieb er lange stehen.

Unter ihm lag der Schwarzwald wie ein dunkles Meer.

Hügel schoben sich hinter Hügel.

Täler lagen verborgen im Dunst.

Kein Weg schien irgendwohin zu führen.

Der Reiter suchte nach der Grünhütte.

Doch er sah sie nicht.

Nur Wald.

Unermesslich viel Wald.

Er erinnerte sich an die Worte des Alten.

Du wirst sehen, was du finden möchtest.

Was sollte er darin sehen?

Eine Warnung?

Eine Weissagung?

Oder nur die Worte eines alten Mannes, der gern rätselhafte Dinge sagte?

Der Reiter stieg wieder hinab.

Der Weg führte weiter.

Bald lag vor ihm der Hohlohsee.

Kapitel 3 – Der Hohlohsee

Der Hohlohsee liegt still zwischen Moor und Wald.

Das Wasser ist dunkel.

So dunkel, dass der Reiter für einen Augenblick nicht wusste, wo der See endete und der Schatten des Waldes begann.

Kein Wind strich über die Oberfläche.

Der Himmel spiegelte sich darin.

Die Bäume.

Die Wolken.

Und schließlich auch der Reiter selbst.

Er trat näher.

Da schien sich sein Spiegelbild zu verändern.

Für einen kurzen Augenblick glaubte er, dort unten eine zweite Person zu sehen.

Eine Person, reglos, wortlos blickte starr gerade aus.

Der Reiter wich zurück.

Das Bild verschwand, so spurlos wie es kam.

Nur sein eigenes Spiegelbild war noch da.

Er dachte an die Worte des Alten.

Nicht alles, was du siehst, wird in Erfüllung gehen.

Der Reiter bückte sich.

Er nahm einen kleinen Stein auf.

Eine Weile hielt er ihn in der Hand.

Dann ließ er ihn fallen.

Der Stein fiel in das Wasser.

Ein Kreis lief über die dunkle Fläche.

Kleine Wellen.

Noch eine.

Noch eine.

Der Reiter hob einen zweiten Stein auf.

In diesem Augenblick wurde es kalt.

Ein kalter Hauch zog über den See.

Der Reiter erschrak.

Der Stein glitt ihm aus der Hand

und fiel ins Wasser.

Zwei kleine Ringe breiteten sich aus.

Der See blieb nicht länger still.

Die Oberfläche kräuselte sich.

Über dem Wald zogen Wolken zusammen.

Ein fernes Grollen ging durch die Berge.

Der Reiter sah zum Himmel.

Unheilvolles war im Anmarsch.

Er kannte die alte Rede vom Hohlohsee.

Man sagte, wer einen Stein in sein schwarzes Wasser werfe, der rufe Unheilvolles herbei.

Der Reiter wusste nicht, ob er daran glauben sollte.

Eine ganze Weile stand er so noch da und starrte auf das Wasser.

Als er weiterging, sah er noch einmal zurück.

Die Wasserfläche lag wieder still.

Fast zu still.

Kapitel 4 – Kaltenbronn

Ein wenig später erreichte der Reiter Kaltenbronn.

Hier war der Wald nicht mehr ganz so einsam.

Alte Gebäude standen zwischen den Bäumen. Holz lag an den Wegen, Wagen standen vor den Häusern, und hin und wieder begegnete ihm ein Mensch.

Am alten Jagdhaus traf er auf drei Männer.

Sie sahen ihm entgegen.

Einer trat einen Schritt vor.

"Wohin des Weges?"

"Zur Grünhütte."

Der Mann zeigte in den Wald.

"Dann geh nicht über den See."

Der Reiter sah ihn an.

"Warum?"

"Nimm den Umweg."

"Den Umweg?"

"Ja."

Ein anderer Mann mischte sich ein.

"Der Weg am See ist nicht gut zu dieser Zeit."

Der Reiter betrachtete die Männer.

Ihre Gesichter waren wettergegerbt.

Ihre Kleidung war einfach.

Sie sahen nicht aus wie Menschen, denen man ohne Weiteres vertraute.

"Der Weg über den See ist doch der kürzere."

"Das mag sein."

"Warum soll ich den längeren nehmen?"

Der erste Mann sah ihn ernst an.

"Weil nicht jeder kurze Weg der richtige ist."

Der Reiter schwieg.

"Bleib auf dem Weg, den du gekommen bist", sagte der Mann. "Kehr um oder nimm den Umweg. Wer seinen Pfad verlässt, findet manchmal Dinge, die besser verborgen geblieben wären."

Der Reiter spürte Misstrauen.

Warum wollten diese Männer ihn unbedingt von diesem Weg abbringen?

Was wussten sie?

Oder was wollten sie ihm verbergen?

Er verabschiedete sich knapp und ging weiter.

Doch die Worte ließen ihn nicht los.

Kehr um oder nimm den Umweg.

Da erinnerte er sich an den alten Mann an der Hütte.

Nicht alles, was du siehst, wird in Erfüllung gehen. Manche Dinge werden niemals geschehen, es sei denn, du weichst von deinem Pfade ab, um sie zu finden.

Der Reiter blieb stehen.

Der Weg über den Wildsee war der kürzere.

Der andere führte weit um den See herum.

Vielleicht wollten die Männer ihn tatsächlich warnen.

Vielleicht aber wollten sie ihn nur auf einen Weg schicken, auf dem sie ihn auflauern konnten. Ehrlich sahen die nicht aus.

Er traute ihnen nicht.

Und so traf er seine Entscheidung.

Er nahm den kürzeren Weg, den direkten.

Kapitel 5 – Der Weg zum Wildsee

Der Wald wurde stiller.

Das Licht zwischen den Bäumen wurde fahler.

Kein Mensch begegnete dem Reiter.

Nur das leise Knacken von Zweigen war zu hören, wenn er über den Waldweg ging.

Dann blieb er stehen.

Da war etwas.

Ein Ton.

So fern, dass er zunächst glaubte, ihn nur geträumt zu haben.

Ein zweiter Ton folgte.

Dann ein dritter.

Eine Geige.

Der Reiter lauschte.

Die Melodie kam aus dem Wald.

Sie war fremdartig und doch von einer solchen Schönheit, dass sie ihm beinahe vertraut erschien.

Als hätte er sie schon einmal gehört.

Vielleicht in einem Traum.

Vielleicht in einer Erinnerung, die nicht die seine war.

Er ging weiter.

Die Geige spielte.

Und mit jedem Schritt schien der Wald heller zu werden.

Nicht wirklich heller.

Nur schöner.

Der Reiter folgte der Musik.

Kapitel 6 – Der Wildsee

Dann lag der Wildsee vor ihm.

Der Abend hatte inzwischen begonnen, sich über das Wasser zu legen.

Ein feiner Nebel schwebte über der Oberfläche.

Das letzte Licht des Tages lag wie ein silberner Streifen auf dem dunklen Wasser.

Die Geige verstummte.

Am anderen Ufer stand eine Frau.

Nein.

Sie stand nicht.

Sie schwebte auf dem Wasser.

Ihre Gestalt bewegte sich kaum.

Ihr langes Haar lag dunkel über den Schultern.

Ihr Gesicht war so schön, dass der Reiter den Blick nicht von ihr lösen konnte.

Sie lächelte.

"Du bist gekommen."

Der Reiter konnte zunächst nichts sagen.

"Wer bist du?"

"Hast du mich gerufen?"

Die Frau schüttelte langsam den Kopf.

"Nein."

"Wer spielt die Geige?"

Sie sah über das Wasser.

"Der Spielmann."

"Wo ist er?"

Die Frau deutete hinter sich.

Doch dort war niemand zu sehen.

"Er wartet."

Der Reiter blickte auf den See.

Dann wieder zu ihr.

"Wer bist du?"

Die Frau lächelte.

"Die, die hier wartet."

Sie streckte ihm die Hand entgegen.

"Komm."

Sie nahm seine Hand und führte ihn.

Kapitel 7 – Sieben Tage

"Fürchte dich nicht."

Ihre Stimme war kaum lauter als das Rascheln der Bäume.

"Was bist du?", fragte der Reiter.

Sie sah ihn an.

"Das, wonach du suchst."

Er dachte an seine Liebste, an das Bild, das er auf dem Herzen trug.

Er dachte an den Hohlohturm.

An den dunklen See.

An die seltsamen Spiegelungen.

An die Worte des alten Mannes.

"Was willst du von mir?"

"Nichts."

Sie kam ein wenig näher.

"Ich kann dir etwas geben."

"Was?"

"Das, wonach die Menschen ihr ganzes Leben suchen."

Der Reiter schwieg, ratlos.

"Das Leben selbst."

Die Frau sah ihn an.

"Bleib sieben Tage bei mir."

"Sieben Tage?"

"Nur sieben Tage."

Ein kaum merkliches Lächeln lag auf ihren Lippen.

"Bleib sieben Tage bei mir, und du wirst niemals sterben."

Der Reiter blickte über den See.

Dann musste er an die Grünhütte denken, an seine Frau.

Er lächelte.

"Sollen sie in der Grünhütte eine Woche auf mich warten."

Er sah die Frau an.

"Was ist eine Woche gegen das ewige Leben?"

Die Frau sagte nichts.

Nur ihr Lächeln blieb.

Er folgte ihr bis zum See.

Der Reiter trat ins Wasser.

Es war kalt.

Er ging weiter.

Das Wasser stieg bis zu seinen Knien.

Bis zu seiner Brust.

Die Frau wartete.

Der Reiter ging weiter.

Und als das Wasser sich über seinem Kopf schloss, hörte er die Geige.

Ein wundervoller Klang, der alles um ihn herum vergessen ließ.

Kapitel 8 – Der Grund des Sees

Unter Wasser hätte Dunkelheit sein müssen.

Doch dort unten war Licht.

Ein fahles, grünliches Leuchten lag über dem Grund des Sees.

Der Reiter konnte atmen.

Er wusste nicht warum.

Er ging über den Grund.

Dann sah er einen Mann.

Er hielt eine Geige in den Händen.

Der Reiter blieb stehen.

"Bist du der Spielmann?"

Der Mann nickte.

"Seit wann bist du hier?"

Der Spielmann sah ihn an.

"Seit fast sieben Tagen."

Der Reiter lächelte.

"Dann bist du bald frei."

Der Spielmann schwieg.

"Wie lange noch?"

Der Mann hob den Blick.

"Ich weiß es nicht."

"Aber nach sieben Tage darfst du gehen?"

Der Spielmann sah ihn lange an.

"Nicht hier."

Er blickte nach oben.

Dort, wo die Wasseroberfläche sein musste, war nichts als ein fernes, grünliches Licht.

"Hier hat die Zeit andere Wege."

Der Reiter verstand nicht.

"Ein Augenblick hier kann oben ein Tag sein", sagte der Spielmann.

"Und ein Tag hier?"

Der Spielmann sah ihn an.

"Kann oben Jahre bedeuten."

Der Reiter wurde still.

Der Spielmann nahm die Geige.

"Sie hat dir sieben Tage versprochen."

Er strich mit dem Bogen über die Saiten.

Ein einzelner Ton schwebte durch das Wasser.

"Sie hat nicht gesagt, wann diese sieben Tage vorüber sein werden."

Dann spielte er.

Die Melodie war von solcher Schönheit, dass der Reiter weinen wollte.

Und von solcher Traurigkeit, dass er begriff, warum der Spielmann noch immer spielte.

Er war einst denselben Weg gegangen.

Auch er hatte geglaubt, sieben Tage seien eine kurze Zeit.

Auch er hatte geglaubt, danach wieder ans Licht zurückzukehren.

Der Reiter sah nach oben.

Dort irgendwo war die Welt.

Der Wald.

Der Himmel.

Die Grünhütte.

Seine Allerliebste.

Doch die Oberfläche blieb unerreichbar.

Die Zeit ging ihren Schritt.

Oder vielleicht ging sie auch nicht.

Ein Tag.

Ein Jahr.

Ein Jahrhundert.

Was bedeutete das hier unten?

Der Reiter würde nicht sterben.

Aber die sieben Tage werden niemals enden.

Und so musste er bleiben.

Kapitel 9 – Der Dobler Blick

Der Wanderer ging weiter.

Der Wald lag inzwischen fast vollständig im Abendlicht.

Dann öffnete sich der Weg, und vor ihm lag der Dobler Blick.

Unter ihm dehnten sich die dunklen Wälder des Schwarzwaldes bis zum Horizont. Über den Baumwipfeln stand noch ein schmaler Streifen Licht.

Dort stand ein alter Mann.

Er schien den Wanderer erwartet zu haben.

"Du bist spät unterwegs", sagte er.

Der Wanderer blieb stehen.

"Ich habe mich etwas aufgehalten."

Der Alte musterte ihn.

"Du kommst vom Wildsee?"

Der Wanderer nickte.

"Ja."

"Und vom Hohlohsee?"

"Auch dort war ich."

Der Alte sah ihn lange an.

"Dann bist du den Weg gegangen."

Der Wanderer verstand die Bemerkung nicht.

"Welchen Weg?"

Der Alte blickte hinaus über den Wald.

"Den Weg, von dem ich gerade erzählte."

Der Wanderer sah ihn verwundert an.

"Die Geschichte vom Reiter?"

"Ja."

Eine Weile schwiegen beide.

Dann fragte der Wanderer:

"Was ist eigentlich aus ihm geworden?"

Der Alte antwortete nicht sofort.

"Was glaubst du?"

"Er ist im Wildsee geblieben."

"Geblieben?"

"Er wollte sieben Tage dort sein."

Der Alte nickte.

"Und?"

"Ich weiß es nicht."

Der Alte sah ihn tief an.

"Du weißt mehr, als du glaubst."

Der Wanderer schwieg.

Der Alte fragte:

"Was hast du am Hohlohturm gesehen?"

Der Wanderer erzählte ihm vom Blick über den Wald, von der Suche nach der Grünhütte und von den Worten, die ihm dort durch den Kopf gegangen waren.

Der Alte hörte schweigend zu.

Dann fragte er:

"Und am Hohlohsee? Was hast du dort gesehen?"

Der Wanderer erzählte von der dunklen Wasserfläche, den Spiegelungen und von der Gestalt, die für einen Augenblick in seinem Spiegelbild erschienen war.

Der Alte fragte:

"Hast du einen Stein hineingeworfen?"

Der Wanderer zögerte.

"Ich glaube schon."

Der Alte nickte langsam.

"Und dann?"

"Das Wasser bewegte sich. Es wurde kalt. Wolken kamen auf. Ich hatte das Gefühl, dass etwas Unheilvolles geschah."

Der Alte sah ihn ernst an.

"Und du bist trotzdem weitergegangen."

Der Wanderer nickte.

Dann fragte der Alte:

"Und am Wildsee?"

Der Wanderer schwieg.

Der Alte wartete.

"Hast du dort etwas gehört?"

Der Wanderer sah ihn an.

"Eine Geige."

Der Alte sagte nichts.

"Sie war wunderschön", fuhr der Wanderer leise fort. "So schön, dass ich ihr beinahe gefolgt wäre."

Der Alte blickte hinaus in die Dunkelheit.

"Beinahe?"

Der Wanderer bekam eine Gänsehaut.

Er dachte an den Weg.

An die Musik.

An den See.

An die Frau auf dem Wasser.

Und plötzlich war ihm, als würde er die Geschichte des Reiters nicht mehr hören.

Er erinnerte sich.

Nicht an eine Geschichte.

An seinen eigenen Weg.

Er hatte den Hohlohturm bestiegen.

Er hatte am Hohlohsee gestanden.

Er hatte die Männer am alten Jagdhaus getroffen.

Er hatte sich für den kürzeren Weg entschieden.

Er war am Wildsee gewesen.

Und er hatte die Geige gehört.

Der Wanderer sah den Alten an.

"Dann …"

Seine Stimme versagte.

Der Alte wartete.

"Dann bin ich den Weg des Reiters gegangen."

Der Alte antwortete nicht.

Der Wanderer sah zurück in Richtung Wildsee.

Zum ersten Mal begriff er, dass die Geschichte nicht nur von einem Menschen erzählte, der vor langer Zeit hier oben unterwegs gewesen war.

Sie hätte auch seine Geschichte sein können.

Vielleicht war es nur ein anderer Abend gewesen.

Vielleicht ein anderer Reiter.

Vielleicht aber auch nur ein anderer Name.

Der Wanderer fröstelte.

"Was wäre gewesen, wenn ich der Geige gefolgt wäre?"

Der Alte sah ihn an.

"Dann würdest du vielleicht jetzt nicht hier stehen."

Der Satz blieb zwischen ihnen stehen.

Der Wanderer sah wieder zum Wildsee.

"Und der Reiter?"

Der Alte antwortete leise:

"Er ist noch dort."

Der Wanderer blickte ihn an.

"Noch immer?"

"Noch immer."

Der Alte wandte sich ab.

"Nun geh deinen Weg."

"Und Sie?"

Der Alte sah in den dunkler werdenden Wald.

"Ich kenne meinen."

Der Wanderer ging.

Nach einigen Schritten drehte er sich noch einmal um.

Der Alte war verschwunden.

Kapitel 10 – Heute

Der Abend war inzwischen über den Schwarzwald heraufgezogen.

Der Wanderer ging zurück zur Risswaldhütte,

schneller als gewöhnlich.

Vielleicht wollte er das Feuer wiedersehen.

Vielleicht aus reiner Neugier.

Als er die Hütte erreichte, brannte vor ihr bereits wieder ein Feuer.

Ein alter Mann saß davor.

Genau wie zuvor.

Der Wanderer blieb stehen.

"Aber …"

Der Alte hob den Kopf.

"Nun?"

Der Wanderer sah ihn lange an.

"Wie sind Sie vor mir hierhergekommen?"

Der Alte lächelte.

"Ich war doch hier."

Der Wanderer sagte nichts.

Er setzte sich wieder an das Feuer.

Lange hörte man nur das Knacken des Holzes.

Dann sagte der Alte:

"Nun weißt du, warum man am Wildsee nicht auf jedes Geräusch hören sollte."

Der Wanderer blickte in die Flammen.

Da kam aus dem Wald ein Ton.

Ganz leise.

Eine Geige.

Nur ein einzelner Ton.

Dann ein zweiter.

Der Wanderer hob den Kopf.

Der Alte aber blickte weiter ins Feuer.

Die Geige spielte.

Fern.

Schön.

Melancholisch.

Und irgendwo unter dem dunklen Wasser des Wildsees wartete noch immer der Spielmann.

Und neben ihm der Reiter.

Sieben Tage.

Seit damals.

Bis heute.

Vielleicht wird die Geige auch morgen wieder erklingen.

Vielleicht übermorgen.

Vielleicht erst in vielen Jahren.

Aber wenn am Wildsee die Dämmerung über das Wasser zieht und der Wald ganz still geworden ist, kann es geschehen, dass jemand stehen bleibt und lauscht.

Und wenn er dann eine Geige hört,

sollte er sich gut überlegen,

ob er ihr folgen möchte.


🌍 Realwelt trifft Mythos

[Gernsbach/ Nordschwarzwald] bildet die reale Grundlage dieser Wanderung.
Die Sage ist eine narrative Verdichtung des Weges selbst.


🧭 Einordnung

Diese Erzählung gehört zur Sammlung der
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🌐 Kontext

Der Schwarzwald ist nicht nur Landschaft, sondern ein Raum voller Geschichten, die zwischen Realität und Legende existieren.


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