🌫️ Der Pakt mit der Nebelfrau

Ein Märchen von der Gier und dem Wind über der Hornisgrinde

🌫️ Akt I – Der Aufstieg in den Nebel

Für Leser ab: 10-12+ Jahren

© 20.10.2026 Gerd Groß


🧭 Die Wanderung als Erzählraum

Diese Sage folgt einer realen Wanderroute.
Jede Station der Wanderung entspricht einem Kapitel der Geschichte.

Der Weg ist damit nicht nur Kulisse, sondern Teil der Handlung.


📍 Die Örtlichkeit erleben in Bilderwelten

🔗 Hotspot: Hornisgrinde

Ein Hörerlebnis der besonderen Art. Folgen sie den Wegen und erleben die Wanderung neu.


🔗 Verbindung zu Outdooractive

Diese WanderSage ist Teil von:


📜 Die Sage

🌫️ Akt I – Der Aufstieg in den Nebel

🌲 Erstes Kapitel – Der Pfad durch den Bannwald

Konrad stieg weiter bergauf.

Hinter ihm lag das Rheintal, dessen Felder unter der Sommersonne litten. Vor ihm erhob sich die Hornisgrinde, und je höher er kam, desto mehr veränderte sich die Welt. Die Bäume standen dichter beieinander. Ihre Stämme waren dunkel, ihre Äste knorrig. Der Wind strich durch die Wipfel und ließ das Laub rauschen, als flüsterten die Bäume miteinander.

Konrad achtete kaum darauf. Er dachte an seine Felder, an die zerstörte Ernte und an die Gesichter seiner Familie. Er hatte sich geschworen, nicht mit leeren Händen zurückzukehren.

Der Pfad führte ihn aus dem Wald hinaus auf die offenen Höhen. Hier oben war der Wind stärker. Er fuhr über das niedrige Knieholz, bog die Gräser nieder und trieb feuchte Nebelschwaden über den Boden. Zwischen dem Wollgras und den Pfeifengräsern schimmerten dunkle Wasserflächen. Manchmal sah Konrad nur wenige Schritte weit.

Er wusste, dass dies das Hochmoor war.

Die Geschichten, die er im Tal gehört hatte, kamen ihm wieder in den Sinn. Man hatte von Menschen erzählt, die sich im Nebel verirrt hatten. Von Stimmen, die aus dem Wind drangen. Und von Mooraugen, die still und dunkel unter den Gräsern lagen und jeden verschlangen, der ihnen zu nahe kam.

Konrad versuchte, nicht daran zu denken.

Doch der Nebel wurde dichter.

Bald war der Weg kaum noch zu erkennen. Der Wind kam nicht mehr nur aus einer Richtung. Er strich Konrad von vorn ins Gesicht, fuhr ihm dann in den Rücken und schien ihn schließlich von der Seite her anzutreiben.

Da hörte er etwas.

Es klang wie ein leises Rufen, weit entfernt und doch so deutlich, als spräche jemand unmittelbar hinter ihm.

Konrad blieb stehen.

"Wer ist da?", rief er.

Nur der Wind antwortete. Er strich durch die Gräser, ließ sie sich neigen und wieder aufrichten. Dann war es still.

Konrad setzte seinen Weg fort.

Einige Schritte weiter glaubte er, zwischen den Nebelschwaden eine Gestalt zu erkennen. Sie stand reglos am Rand des Moores. Als er genauer hinsah, war sie verschwunden.

Nun regte sich zum ersten Mal Zweifel in ihm.

Vielleicht waren die Geschichten doch mehr als bloßes Gerede. Vielleicht gab es hier oben tatsächlich Kräfte, mit denen ein Mensch sich besser nicht anlegte.

Er hätte umkehren können.

Doch der Gedanke an seine verlorene Ernte war stärker als seine Furcht. Konrad zog den Mantel enger um die Schultern und ging weiter, tiefer hinein in den Nebel.

Und während er sich Schritt für Schritt vom sicheren Weg entfernte, schien das Hochmoor ihn bereits zu erwarten.

🧙 Zweites Kapitel – Der Zirkel auf der Grind

Der Nebel lichtete sich so plötzlich, wie er gekommen war.

Konrad stand auf einer freien Fläche des Hochmoors. Der Boden war feucht und weich. Um ihn herum erhoben sich niedrige Büsche, und die Gräser bewegten sich im Wind, obwohl die Luft für einen Augenblick vollkommen still zu stehen schien.

Dann sah er sie.

Mehrere Gestalten standen in einem weiten Kreis. Ihre Gewänder verschmolzen beinahe mit den grauen Nebelschwaden. Keine von ihnen sprach. Doch ihre Hände bewegten sich langsam, als folgten sie einem uralten Rhythmus, den nur sie hören konnten.

Über ihren Köpfen zogen Wolken zusammen.

Konrad blickte zum Himmel. Eben noch hatte sich zwischen den Nebelschwaden ein heller Streifen gezeigt. Nun verdunkelte sich die Luft. Der Wind strich über die freie Fläche, nahm an Stärke zu und ließ das Wollgras erzittern.

Die Gestalten schienen das Wetter nicht zu fürchten. Sie bewegten sich, als gehörten Wind und Wolken zu ihrem Tanz.

Konrad wusste nicht, ob er näher treten oder fliehen sollte.

Da löste sich eine Frau aus dem Kreis. Sie war die Nebelfrau, von der die alten Geschichten nur flüsternd berichteten.

Sie war weder jung noch alt. Ihr Gesicht wirkte blass wie der Nebel, und ihre Augen hatten die Farbe eines Himmels, der sich nicht entscheiden konnte, ob er Regen bringen oder aufklaren wollte. Ihr Gewand bewegte sich, obwohl um sie herum kein Windhauch zu spüren war.

Sie betrachtete Konrad lange, bevor sie sprach.

"Du bist weit gekommen, Mensch."

Konrad schluckte. "Ich suche die Macht, das Wetter zu lenken."

Ein kaum merkliches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.

"Das Wetter lenken", wiederholte sie. "So nennen Menschen ihren Wunsch, der Welt ihren Willen aufzuzwingen."

"Ich will nur meine Felder schützen", erwiderte Konrad. "Ich will verhindern, dass ein Sturm in einer Nacht vernichtet, wofür ich ein ganzes Jahr gearbeitet habe."

Die Frau sah ihn an, als könne sie hinter seinen Worten lesen.

"Und wenn deine Felder sicher sind, während die deines Nachbarn im Hagel liegen?"

Konrad schwieg.

"Und wenn der Regen dort niedergeht, wo du ihn nicht haben willst, und anderswo ausbleibt?"

"Ich werde dafür sorgen, dass er kommt, wenn ich ihn brauche."

"Du sprichst, als wäre die Welt dafür geschaffen, dir zu dienen."

Konrad hob den Kopf. "Ich bin nicht hierhergekommen, um mich verspotten zu lassen."

Die Frau neigte leicht das Haupt.

"Nein. Du bist gekommen, weil du etwas verloren hast. Und weil du glaubst, es dir zurückholen zu können."

Sie streckte eine Hand aus.

Zwischen ihren Fingern lag ein kleines Horn. Es schimmerte silbern, doch sein Glanz war kalt. Als Konrad es betrachtete, glaubte er darin für einen flüchtigen Augenblick Wolken ziehen zu sehen. Ein leises Rauschen drang aus dem Inneren, wie Wind, der durch einen engen Felsspalt fuhr.

"Das Horn des Sturmwindes", sagte die Frau. "Wer es zu führen weiß, kann den Wind rufen und die Wolken bewegen. Er kann einen Sturm fernhalten oder ihn über ein anderes Land treiben."

Konrad starrte auf das Horn.

"Dann kann ich meine Ernte retten?"

"Du kannst versuchen, sie zu retten."

"Was verlangt Ihr dafür?"

Die Frau ließ das Horn langsam in ihrer Hand kreisen.

"Nichts auf dieser Welt wird ohne Preis gegeben."

Konrad blickte sie an. "Gold besitze ich kaum. Doch wenn ich wieder ernten kann, werde ich Euch bezahlen."

"Ich verlange kein Gold."

Ihre Stimme war leise. Trotzdem schien jedes Wort durch den Nebel zu dringen.

"Für jedes Mal, wenn du den Himmel zwingst, dir zu gehorchen, wirst du einen Teil von dir selbst verlieren."

Konrad runzelte die Stirn.

"Was soll das bedeuten?"

"Zuerst wird dein Mitleid schwinden. Das Leid anderer wird dich nicht mehr berühren. Danach wirst du keine Freude mehr empfinden, wenn ein anderer glücklich ist. Und zuletzt wird dir die Fähigkeit genommen, wirklich zu lieben."

Konrad sah wieder auf das Horn.

Er dachte an seine Familie. An seine Kinder, an die Sorgen seiner Frau und an die Angst, ihnen bald nichts mehr geben zu können. Er sagte sich, dass er dies alles für sie tat. Dass er nur stark genug sein musste, um die Not von ihnen fernzuhalten.

"Und wenn ich den Preis nicht zahlen will?"

"Dann geh zurück."

Die Frau hielt ihm das Horn entgegen.

"Niemand zwingt dich, es zu nehmen."

Konrad wusste, dass er noch immer umkehren konnte. Der Nebel lag hinter ihm, und irgendwo jenseits der kahlen Höhen wartete das Tal. Er konnte nach Hause gehen, seine Verluste hinnehmen und hoffen, dass das nächste Jahr besser würde.

Doch Hoffnung war ihm nicht mehr genug.

Er streckte die Hand aus und nahm das Horn.

Es war kälter, als er erwartet hatte.

Die Frau zog ein schmales Messer hervor. Konrad zögerte nur kurz, dann ritzte er sich in den Finger. Ein Tropfen Blut fiel auf das silberne Horn und verschwand, als hätte das Metall ihn verschluckt.

Ein Windstoß fuhr über das Moor.

Die Gräser neigten sich. Der Nebel begann sich im Kreis zu drehen, und aus der Ferne drang ein Laut, der wie ein tiefer Atemzug klang.

"Der Pakt ist geschlossen", sagte die Frau.

Konrad wollte fragen, wann er die Macht des Hornes erproben könne. Doch als er den Kopf hob, war die Nebelfrau bereits zurückgetreten. Die Gestalten im Kreis lösten sich in den Nebel auf, eine nach der anderen, bis nur noch die leere Fläche des Hochmoors vor ihm lag.

Konrad stand allein.

In seiner Hand lag das Horn des Sturmwindes. Er hob es gegen den grauen Himmel und betrachtete seinen silbrigen Glanz. Es war noch immer kalt, doch das störte ihn nicht. Er hatte bekommen, wonach er gesucht hatte.

Die Worte der Nebelfrau klangen ihm noch in den Ohren. Mitleid, Freude, Liebe – ein hoher Preis, gewiss. Aber er würde vorsichtig sein. Er würde das Horn nur dann einsetzen, wenn es wirklich nötig war. Und wenn seine Felder erst wieder Früchte trugen, wenn seine Familie keine Not mehr leiden musste, dann würde sich alles andere schon finden.

Ein kräftiger Windstoß fuhr über die Grinde. Konrad lachte auf. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte er sich nicht länger dem Schicksal ausgeliefert.

Er machte sich auf den Rückweg. Der Nebel wich vor ihm zurück, und zwischen den Wolken zeigte sich ein schmaler Streifen blauen Himmels.

Konrad sah darin ein gutes Zeichen.

Er ahnte nicht, dass er soeben den ersten Schritt auf einen Weg getan hatte, von dem es keine einfache Rückkehr gab.


I Anfang | <<< | Akt 1 | >>> | Ende |


🌍 Realwelt trifft Mythos

[Seebach/ Nordschwarzwald] bildet die reale Grundlage dieser Wanderung.
Die Sage ist eine narrative Verdichtung des Weges selbst.


🧭 Einordnung

Diese Erzählung gehört zur Sammlung der
👉 Sagen & Mythen und Erzählwelten aus dem Schwarzwald


🌐 Kontext

Der Schwarzwald ist nicht nur Landschaft, sondern ein Raum voller Geschichten, die zwischen Realität und Legende existieren.


🔗 Weitere Sagen entdecken


👉 Kontakt

Haben Sie Fragen, Anregungen oder Interesse an einer Zusammenarbeit? Ich freue mich auf Ihre Nachricht.

➡️ Zum Kontaktformular

✨ Literaturwelten & Hörfassungen

Tauche ein in die poetischen Klang- und Gedankenwelten von Gerd Groß — zwischen Literatur, Musik, Atmosphäre und philosophischer Reflexion.

👉 Hörfassungen, Musikwelten und weitere lyrische Werke auf:

Neueste Werke & Einblicke

Entdecke laufend neue Beiträge und Hintergrundinformationen.