Die Nymphe Murielle
Eine Sage vom Muhrbach in Neusatz
Für Zuhörer ab 10–12+
© Gerd Groß 27.09.2026
🧭 Die Wanderung als Erzählraum
Diese Sage folgt einer realen Wanderroute.
Jede Station der Wanderung entspricht einem Kapitel der Geschichte.
Der Weg ist damit nicht nur Kulisse, sondern Teil der Handlung.
📍 Die Örtlichkeit erleben in Wanderwelten
🔗 Hotspot: Bühl/Neusatz der Muhrbach
Ein Hörerlebnis der besonderen Art. Folgen sie den Wegen und erleben die Wanderung neu.
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Diese WanderSage ist Teil von:
👉 🔗 Wanderung bei Wanderwelten: Erlebnistour Rund um Neusatz
📜 Die Sage
An einem heißen Sommertag spielten die Kinder am Muhrbach.
Das Wasser war so klar, dass man jeden Kiesel auf dem Grund erkennen konnte. Kleine Fische schossen zwischen den Wasserpflanzen hindurch, Libellen standen wie blaue Funken über dem Bach, und über dem Ufer lag der süße Duft von Gras und Blüten.
Nur Paul blieb am Rand sitzen.
"Komm ins Wasser!", riefen die anderen.
Paul schüttelte den Kopf.
"Lieber nicht."
"Warum?"
Paul zog die Knie an und sah misstrauisch auf den Bach.
"Da sind Tiere drin. Und Pflanzen. Wenn wir da herumtrampeln, machen wir ihnen Angst oder sie gehen sogar kaputt."
"Du hast doch bloß Angst vor nassen Füßen!"
Paul wurde rot.
"Nein, habe ich nicht!"
Das konnte er natürlich nicht auf sich sitzen lassen.
Er zog seine Schuhe aus, krempelte die Hosenbeine hoch und stellte vorsichtig einen Fuß ins Wasser.
Es war kühl.
Paul lächelte.
Noch einen Schritt.
Dann noch einen.
Er spürte die Kühle des Baches, das erfrischende Wasser, das um seine Beine floss. Für einen Augenblick vergaß er sogar seine Angst.
Plötzlich fuhr ein stechender Schmerz durch seinen Fuß.
Paul schrie auf.
Einen Moment lang herrschte Stille.
Blut floss zwischen seinen Zehen. Rot zeichnete es sich im klaren Wasser ab. Tränen standen dem Kleinen in den Augen, aber er weinte nicht.
Die Kinder verstummten.
"Da! Da liegt etwas im Wasser!"
Zwischen den Steinen lag eine Glasscherbe. Spitz, scharf und gefährlich. Sie hatte sich unter Schlamm und dem fließenden Wasser verborgen. Nun blitzte sie mit gleißendem Schimmer in der Sonne.
Eines der Kinder hob die Scherbe vorsichtig aus dem Bach.
Paul sah sie an.
"Wo kommt die denn her?"
Plötzlich wurde es ganz still am Muhrbach.
Selbst die Libellen schienen für einen Augenblick in der Luft zu schweben.
Aus dem Dickicht am Rand des Muhrbaches kam ein raschelndes Etwas, dazu war ein leises Plätschern zu hören.
Dann erschien sie.
Zuerst sahen die Kinder nur ihr Haar.
Es war lang und schwer und schimmerte in allen Farben, die das Wasser unter der Sonne annehmen kann – silbern wie ein Bachstein, grün wie das Moos am Ufer und golden wie das Licht zwischen den Blättern. Kleine Wassertropfen hingen darin, obwohl weit und breit kein Regen gefallen war.
Dann tauchte Murielle aus dem Bach auf.
Sie schwebte auf dem Wasser.
Ihr Oberkörper war der einer jungen Frau, doch unterhalb der Hüften ging ihr Körper in eine lange, geschmeidige Fischflosse über. Sie war schimmernd wie Perlmutt und bewegte sich sanft im Wasser, ohne dass dabei auch nur ein Tropfen über das Ufer spritzte.
Ihr Kleid schien aus dem Wasser selbst gewoben. Bei jeder Bewegung glitzerte es, als würden tausend winzige Sterne darin treiben. Feine Wasserpflanzen schmiegten sich an ihre Flosse, und kleine Fische schwammen dicht neben ihr, als gehörten sie zu ihr.
Murielle glitt über die Wasseroberfläche, als würde der Muhrbach sie tragen.
Doch am erstaunlichsten waren ihre Augen.
Sie waren tief und klar wie zwei stille Stellen des Muhrbachs.
Paul sah sie mit großen Augen an.
"Wer bist du?", fragte er aufgeregt.
"Murielle", sagte sie mit einer Stimme, die so bezaubernd klang wie das leise Plätschern des Wassers.
Dann lächelte sie.
"Ich bin die Hüterin des Muhrbachs."
Murielle glitt näher an Paul heran.
"Zeig mir deinen Fuß."
Paul streckte ihr vorsichtig seinen verletzten Fuß entgegen.
Murielle beugte sich über ihn. Sie nahm seinen Fuß behutsam in ihre Hände und strich mit den Fingern über die Wunde.
Dann legte sie ein kleines, duftendes Blatt darauf.
"Mach die Augen zu", sagte sie.
Paul tat es.
Er spürte einen kühlen Hauch.
Das Wasser begann um seine Füße zu kreisen. Ganz langsam, erst kaum merklich, dann immer heller. Es war, als würde der Bach selbst sein Licht in Murielles Hände geben.
Als Paul die Augen wieder öffnete, war die Wunde verschwunden.
Nicht einmal eine Narbe war geblieben.
Murielle lächelte.
"Das Wasser vergisst nichts", sagte sie. "Und wenn man es lässt, kann Wasser auch heilen."
Die Kinder sahen sie fragend an.
Murielle nahm die Glasscherbe und hielt sie gegen das Sonnenlicht.
"Was denken sich die Menschen dabei, Flaschen oder Gläser in den Bach zu werfen? Glauben sie wirklich, sie verschwinden einfach so?"
Sie betrachtete die Scherbe.
"Sie ist gefährlich für Mensch und Tier."
Murielle wirkte nachdenklich, vielleicht sogar besorgt. Dann sah sie die Kinder ernst an.
"Hier zwischen den Steinen sieht sie niemand. Ein Fisch kann sich daran verletzen. Ein Kind kann sich daran schneiden. So wie du, Paul."
Dabei blickte sie ihn mit strengen Augen an.
Die Kinder schauten auf den Bach.
Jetzt sahen sie plötzlich Dinge, die ihnen vorher nicht aufgefallen waren: ein Stück Plastik zwischen den Halmen, einen alten Kronkorken unter einem Stein, einen Fetzen Papier, den das Wasser immer wieder gegen das Ufer spülte.
"Das war alles schon da", sagte eines der Kinder leise. "Wir haben das nicht hineingeworfen."
Murielle nickte.
Sie sah auf das Plastik, das gerade in einem kleinen Wirbel des Muhrbachs kreiste.
"Selbst wenn wir es nicht mehr sehen, ist es nicht verschwunden. Der Bach trägt es weiter."
Sie hob den Finger.
"Plastik wird von Tieren gefressen. Und aus Plastik entsteht mit der Zeit Mikroplastik, das sich auch in Pflanzen und im Wasser wiederfinden kann. Wer will das schon?"
Die Kinder schauten einander an.
Keiner sagte etwas.
Dann begann Fritz, einen Kronkorken aus dem Ufergras zu fischen.
"Na los", sagte er. "Wenn wir schon dabei sind."
Die anderen machten mit.
Sie sammelten den Müll aus dem Wasser und vom Ufer. Die Glasscherbe legten sie vorsichtig in einen Eimer. Auch das Plastik, die Kronkorken und die anderen Dinge nahmen sie mit und entsorgten sie gewissenhaft in einem bereitgestellten Mülleimer.
Fritz sah zu Paul.
"Es wäre gar nichts passiert, wenn diese Schlendriane ihre Sachen einfach mit nach Hause genommen hätten!"
Die Kinder mussten lachen.
Dann sahen sie sich nach Murielle um.
Sie suchten im Schilf, zwischen den Bäumen und im Dickicht des Bachufers.
Doch Murielle war verschwunden.
Nur ein paar kreisrunde Wellen zogen noch über die Wasseroberfläche.
Und auf einem Stein lag eine kleine blaue Blüte, die vorher niemand dort gesehen hatte.
Seit jenem Tag erzählen sich die Kinder von Neusatz, Murielle lebe noch immer am Muhrbach.
Manchmal soll sie zwischen den Wasserpflanzen sitzen und mit den Forellen spielen.
Manchmal sieht man ihr goldenes Haar zwischen den Bäumen aufleuchten.
Und wenn ein Kind am Bachufer ganz still wird, kann es vielleicht ihr Lachen hören.
Dann sollte man genau hinsehen.
Denn Murielle ist die Nymphe des Muhrbachs.
Sie heilt die Verletzten, liebt die Kinder und kennt jedes Tier, jede Pflanze und jeden Stein ihres Baches.
Aber eines duldet sie nicht:
Dass die Menschen etwas fortwerfen und glauben, der Bach werde es schon verschwinden lassen.
🌍 Realwelt trifft Mythos
[Bühl, Bühlertal/ Nordschwarzwald] bildet die reale Grundlage dieser Wanderung.
Die Sage ist eine narrative Verdichtung des Weges selbst.
🧭 Einordnung
Diese Erzählung gehört zur Sammlung der
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🌐 Kontext
Der Schwarzwald ist nicht nur Landschaft, sondern ein Raum voller Geschichten, die zwischen Realität und Legende existieren.
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